Ich gestehe: Ich war beim Casting

Meike fragte in ihrem Bericht über das casting für „Geschickt eingefädelt – wer näht am besten„, wer denn eigentlich noch am casting teilgenommen habe. Kitty Koma hat schon über ihre casting Erfahrung berichtet, dann werde ich das auch mal tun.

Als ich das britische Original sah, war mir klar, dass ich das Format an sich sehr sehr toll finde, aber selbst wohl bei jeder einzelnen Aufgabe mit Pauken und Trompeten scheitern würde, einfach weil ich sehr langsam nähe. Und bei den Alteration challenges wusste ich, dass ich mir unter Druck sicher nicht solche abgefahrenen Veränderungen ausdenken könnte. Als dann im Sommer 2014 der Aufruf einer Produktionsfirma  für einen deutschsprachigen Ableger der show in einigen blogs und Selbermachplattformen auftaucht hab ich mich nach kurzem zögern doch beworben. Sehr genau wissend, dass ich nicht 3 Wochen meines Jahresurlaubs für die Dreharbeiten opfern würde. Aber so ein casting mit zu machen stellte ich mir spannend vor. Und ich wollte auch mal schauen, wie weit ich aus meiner Komfortzone so rauskommen mag (spoiler: gar nicht). Also Bilder vom blog zusammen gesucht, noch ein paar neue Bilder gemacht und Bewerbung abgeschickt. Recht bald gabs dann ein Telefoninterview, was sehr angenehm war, dabei fühlte ich mich viel wohler als erwartet. Der Termin fürs casting stand noch nicht ganz fest und die möglichen Termine rückten immer nähern und die Produktionsfirma hatte sich noch immer nicht gemeldet. Irgendwann gabs dann mal eine mail, dass sich der Drehtermin deutlich nach hintern verschoben habe und man auch nochmal einen Aufruf zur Bewerbung gestartet habe.
An einem Samstag im November machte ich mich dann früh morgens mit meiner Nähmaschine im Gepäck auf nach Köln zum casting. Das Jacket für den Kniebundhosenanzug hatte ich in der Nacht vorher fertig genäht.
Im ersten Teil mussten wir einen Tulpenrock  nach Schnittmuster aus Fahnentuch nähen. Dabei sollten wir einen Reißverschluss in Kontrastfarbe und auch Nähgarn in Kontrastfarbe zum ausgewählten Stoff nehmen. Das machte eine Mitbewerberin schier verrückt, weil man das doch so nicht macht. Interessant, wie unterschiedlich sich Stress äußern kann. Das Nähen an sich war kein Problem, der rock war recht simpel, ungefüttert und musste auch nicht versäubert werden. Nur beim Reißverschluss hab ich gemurkst, weil ich im Eifer des Gefechts die Methoden für normale und nahtverdeckte RV zusammenschmiss und es dann unter großem Zeitdruck irgendwie hinwurschtelte…
Danach kamen dann die verschiedenen Präsentationsaufgaben und das war dann der Teil, wo ich so richtig abgeloost hab. Ich mag Posen für die Fotokamera schon nicht. Rumhampeln vor ner Filmkamera ist noch viel ätzender. In der Pause traf ich dann Ella Mara, deren Blog ich schon seit gefühlt Jahren lese. Und sie war in Echt mindestenst so sympathisch wie auf ihrem Blog.  Am Ende stand noch ein Interview mit einem der Producer und ich fand den Typ derart unsympathisch, dass ich entsprechend genervt auf seine Fragen antwortete. Zumal ich auch nicht in der Lage war, mich an die einfachsten Regeln zu halten. Er stellte eine Frage, und man sollte in der Antwort immer zuerst die Frage wiederholen. Also ungefähr so: „Warum findest du nähen toll?“ „Ich finde nähen toll, weil ich mir dann Kleidung herstellen kann, die zu mir passt“. Ich hab aber *immer* einfach nur gesagt „Weil ich mir dann Kleidung herstellen kann die zu mir passt“. Das klingt ernsthaft viel leichter als es ist. Und wenn man eh schon keinen Bock mehr hat, strengt man sich halt auch nicht mehr an. Also ich jedenfalls 😊
Der Gipfel jedenfalls war, als der Producer versucht, vor laufender Kamera den Namen meiner Arbeitgeberin aus mir rauszukitzeln. Ich hatte zwar in den beiläufig hingeworfenen Casting Verträgen rausgestrichen, dass die Filmaufnahmen an Dritte verkauft werden dürfen (Stichwort Stockvideo, ähnlich wie Kitty will ich mich nicht irgendwann in einem Werbevideo für was auch immer wiederfinden). Aber trotzdem fand ich die direkte Frage nach der Arbeitgeberin, nachdem ich mich in den vorigen Antworten sichtlich rumgewunden hatte, total daneben. Auch wenn mich interessiert hätte, ob sie mir für die 3 Wochen Dreharbeiten meinen Gehaltsausfall inkl Rentenversicherungsbeiträgen gezahlt hätten (ich vermute: nein), war es keine Enttäuschung, dass es zu diesen Verhandlungen nicht mehr kam. Teilgenommen hätte ich so oder so nicht. Die endgültige Absage kam allerdings erst kurz vor Beginn der Dreharbeiten.

Umso mehr freue ich mich auf 6 gemütliche Folgen #nähTV mit Meike, Ella und 6 weiteren spannenden Kandidatinnen immer Dienstags auf Vox. Auch wenn ich Guido Maria Kretschmer in seinen bisherigen Formaten immer unerträglich fand. Ich hoffe inständig, dass er weniger lästert als bei Shopping Queen und der Spirit des BBC-Originals erhalten blieb.

Achja, ich habe mir übrigens vorgenommen, nicht über die Kandidatinnen zu lästern. Das sind alles Menschen, die einfach ihr Bestes gegeben haben und im Zweifel nichts dafür können, dass die Produktionsfirma Momentaufnahmen so zusammengeschnitten hat, dass da ein ganz bestimmter Eindruck erweckt wird. Das Skript haben nicht die Teilnehmerinnen geschrieben.

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18 Gedanken zu „Ich gestehe: Ich war beim Casting

  1. Ich habe mich heute durch die medialen Ankündigungen der Sendung gelesen. Da hat man den Eindruck, als würde die Sendung hauptsächlich aus Kretschmer und dem Rest der Jury bestehen. Die wenigsten Journalistinnen und Journalisten haben sich die Mühe gemacht, die Kandidatinnen und Kandidaten überhaupt zu erwähnen. Nur in der Lokalpresse fanden sich ein paar Porträts.
    Schade, denn ohne sie ginge nix in der Sendung. Ohne die Nähnerds an der Maschine hätte der Kretschmer nichts, wozu er sich präsentieren könnte. Diese Fixierung auf den Star statt auf die eigentlichen Akteurinnen und Akteure geht mir schon ein wenig auf den Senkel.

    Danke für den interessanten Einblick!

  2. Ja, ich hab mich gerade auch mal durch die Vox-Videos geklickt. Was ich da sah, lässt mich befürchten, dass die Kandidatinnen nicht so wohlwollend im Mittelpunkt stehen werden wie beim Original.
    Einige Lokalzeitungen haben über einzelne Kandidatinnen aus der jeweiligen Stadt berichtet, das scheint aber das einzige zu sein, was es im Vorfeld an Presse für die Kandidatinnen zu geben scheint.
    Ich hoffe trotzdem noch, dass es Spaß machen wird, Meike, Ella und den anderen beim Nähen zuzuschauen.

  3. Naja, die Presse, die vorher über die (völlig unbekannten) Kandidaten eines nicht eingeführten Formats berichten würde, ginge ins Leere. Insofern ist schon ok., dass man erst mal mit dem Star anteasert.
    Ich werde mir die Folgen kritisch anschauen und sicher hinterher mal über die nationalen Unterschiede schreiben. Denn die sagen viel über die Fernsehkultur aus.

  4. Danke dafür, dass du deine Geschichte aufschreibst. Die verschiedenen Sichtweisen und die damit verbundenen Gedanken und Gefühle finde ich wahnsinnig spannend! Für mich gibt es tatsächlich auch noch mehr, als nur Jury vs. Kandidatinnen: die Zuschauerinnen zählen für mich auch. Denn was ist ein Kunstwerk ohne die Rezeption? Was passiert mit den Menschen, wenn sie die Sendung sehen. Mit wem passiert etwas? Ich bin gespannt, wie ein Flitzebogen und freue mich über jede Berichterstattung, jenseits des Mainstreams!

  5. Ja, natürlich ist das für dich als Kandidatin nochmal ne Achse, die man als Zuschauerin als Akteurin dieser Achse nicht so auf dem Schirm hat. Aber ich werde mich trotzdem nach Kräften bemühen, fiese sachen nur über die zu sagen, die ganz klar ne agenda haben 😉

  6. Schön, dass Du deine Casting – Erfahrungen teilst. Ich hatte mich auch für die Sendung beworben und war zunächst Willens zum Casting zu gehen. Dann wurde dieser Termin verschoben und verschoben und verschoben. Ich war dann irgendwie schon nicht mehr heiß drauf und flexibel für so viel Verschieberei bin ich auch nicht, also habe ich dann beim letzten Telefonat mal nachgefragt wie das mit der Aufwandsvergütung aussieht und dann war für mich klar: kann ich nicht machen. Ich bin selbstständig und habe ein paar Angestellte, soviel war mir der Spaß bei dem geringen Entgegenkommen nicht wert.
    Ich freue mich nun auf die Sendung, habe aber leider wegen der Präsentationen kein uneingeschränkt positives Gefühl, dass mir die Sendung so gut gefällt wie das Original. Wenn die Sendung doof ist, dann motze ich rum, ich bin halt so….
    Liebe Grüße
    Julia

  7. Über die Sendung motzen könnte mir auch passieren. Weil die ist von Profis zu dem gemacht was sie ist. Die müssen das dann schon aushalten. Aber die Kandidatinnen können nix dafür mMn.

  8. Spannend!. Danke für den Einblick. Ich finde es bewundernswert, dass du „nur“ wegen der Erfahrung da erstmal mitgemacht hast. Dass die Sendung durch Kommentare im typischen Kretschmer-stil (ich habe jetzt mal ein paar Folgen Shopping Queen angesehen) kaputtgemacht wird, fürchte ich auch. Auch wenn es sicher richtig ist, dass man einen Star wie ihn braucht, um die Massen zum Zuschauen zu bewegen, also die Leute zu erreichen, die sich für Nähen nicht die Bohne interessieren, die sich aber alles angucken, was er moderiert.
    Und Danke vor allem für deinen letzten Absatz! Ich denke auch gerade darüber nach, wie leicht man im Fernsehen dazu verführt wird, die „Rolle“, die so einem Kandidaten in einer Castingshow zugewiesen wird, mit dem Menschen selbst zu verwechseln. „Aber ich werde mich trotzdem nach Kräften bemühen, fiese sachen nur über die zu sagen, die ganz klar ne Agenda haben ;)“, genau so! Und ich hoffe inständig, dass alle Neiderinnen und Trolle in irgendwelchen schattigen Enklaven im Internet unter sich ablästern, und nicht da, wo ich es lesen muss.

  9. Ich finde es völlig legitim begründetes „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“ zu sagen oder zu schreiben und ich halte die meisten Nähnerds auch für intelligent genug, herauszufinden, warum bestimmte Dinge ihnen nicht gefallen und sich zu erklären, wer für bestimmte Dinge zuständig ist. Trotzdem sind wir alle nicht davor gefeit, emotional gepackt zu werden, wenn wir so etwas sehen und dann finde ich den Vorsatz gut, erstmal nichts negatives über die KandidatInnen zu sagen, denn wie aus dem bisher gezeigten Material und den verfügbaren Hintergrundinformationen ersichtlich, sitzen die KandidatInnen am kürzesten Hebel und haben aber gleichzeitig viel Mut gepaart mit Naivität aufgebracht, ihr Gesicht und ihren guten Namen für das Projekt zur Verfügung zu stellen.

  10. Ja genau, ich finde, die Kandidatinnen sind die letzten, die meinen Unmut abbekommen sollten. Auch wenn ich finde, eine ist zu unrecht weiter gekommen oder rausgeflogen. Ich unterstelle, dass selbst die Reihenfolge des rausfliegens wenigstens zum teil einem Skript geschuldet ist. Wie schlecht auch immer eine Kandidatin vermeintlich nähen mag, im Zweifel ist das geskriptet.

  11. Vielen Dank für deinen Bericht.
    Ich bin ebenfalls sehr gespannt auf die Sendung.
    Als der Aufruf kam , hab ich kurz überlegt, aber mein Gefühl satte mir schon : ne,lass mal.
    Viele Formate sind mittlerweile zum Fremdschämen. Was die da zusammenschnippeln ist manchmal echt unter aller Sau.Ich nie manchmal beim Pubertisten auf dem Sofa und sehe seine Lieblingssendungen notgedrungen mit an, und bin echt fassungslos.
    Von dem her, bin ich super gespannt ob der Funke der Leidenschaft für das Nähen wirklich rüberkommt, oder ob es dem Skript zu Liebe zusammengefaltet worden ist..
    Mir hat eben beim GBSB diese Wohlwollende Haltung gefallen, und diese wohlwollende Haltung vermisse ich öfters in der Fernsehlandschaft.
    Liebe Grüsse
    Stella
    die dann mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg bleibt ( zu gross…;)

  12. Auch danke, finde deinen Bericht auch sehr interessant, könnte mir vorstellen, dass es mit ähnlich gegangen wäre. Dann schauen wir mal, was uns morgen geboten wird…..
    Herzliche Grüße
    Sabine

  13. Sehr spannend zu lesen! Ich bewundere Dich, dass Du das Casting zum Sammeln von Erfahrungen mitgemacht hast und uns nun freimütig berichtest. Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass das drum herum um so ein Projekt stimmt und wenn der Producer unzugänglich ist nervig bei den Fragen, dann ist das einfach nicht das richtige Umfeld. Ich bin gespannt auf die Sendung und gehe da überwiegend mit positiven Erwartungen heran, die BBC ist wohl an der deutschen Produktionsfirma beteiligt und kann Kontrolle ausüben und hat dies hoffentlich auch getan, so dass der freundliche Charakter des Formates hoffentlich erhalten bleibt. Was für mir bislang nicht so klar war – dass der Zeitraum zwischen Aufzeichnung und Austrahlung mehr als 6 Monate beträgt. Du meine Güte, das muss doch schneller machbar sein. LG Kuestensocke

  14. @Kitty Koma: Na ja, dein Argument ist vom PR-Standpunkt vollkommen richtig. Guter Journalismus ist aber nicht die Wiedergabe von PR-Sprech und -Botschaften, sondern eben der Blick dahinter 🙂 Journalismus ist keine Werbung.

  15. Pingback: Geschickt eingefädelt - neues Casting für 2016 - Marja Katz

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