Absurde Symmetrien

Gestern morgen kam mir ein Artikel von Karl Popper in der Zeit von 1971 unter. Darin erklärt Popper, warum es wissenschaftlich unredlich sei

„wenn die Intellektuellen es versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken.“

Er bezeichnet sich selbst als Antimarxisten und Liberalen. Und findet klare Worte über Neodialektikerinnen:

Das Kochrezept ist: Tautologien und Trivialitäten gewürzt mit paradoxem Unsinn. Ein anderes Kochrezept ist: Schreibe schwer verständlichen Schwulst und füge von Zeit zu Zeit Trivialititen hinzu. Das schmeckt dem Leser, der geschmeichelt ist, in einem so „tiefen“ Buch Gedanken zu finden, die er schon selbst einmal gedacht hat. (Wie heute jeder sehen kann – des Kaisers neue Kleider machen Mode!)

Da war doch was. Vor kurzem machte ein Statement der Gender Studies Fachschaft der HU Berlin die Runde, das nach genau diesem Kochrezept geschrieben zu sein schien. Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die Kritikerinnen dieses Forschungsgebietes. Der Text war eine Aneinanderreihung von sinnlosen Phrasen verpackt in unlesbare grammatikalische und semantische Konstrukte. Inhaltlich wertlos, aber dafür umso lustiger in seinen Verrenkungen, die er machte, um irgendwie schlau zu klingen. Und genau das wurde hämisch und belustigt kommentiert. Was wiederum Menschen auf den Plan rief, die behaupteten, die Kritikerinnen seien einfach nur zu ungebildet die Fachsprache dieser Forschungsrichtung zu verstehen. Habermas und Adorno lassen grüßen.

Popper sagt weiter:

Obzwar ich fast immer an scharf bestimmten wissenschaftlichen Problemen arbeite, so geht durch alle meine Arbeit ein roter Faden: für kritische Argumente – gegen leere Worte und gegen die intellektuelle Unbescheidenheit und Anmaßung – gegen den Verrat der Intellektuellen, wie es Julien Benda nannte. Ich bin der Überzeugung, daß wir – die Intellektuellen – fast an allem Elend schuld sind, weil wir zu wenig für die intellektuelle Redlichkeit kämpfen. (Am Ende wird deshalb wohl der sturste Anti-Intellektualismus den Sieg davontragen.) In der „Open Society“ sage ich das in hundert verschiedenen Angriffen auf die falschen Propheten, und ich nehme kein Blatt vor den Mund.

„Gegen den Verrat der Intellektuellen“ da machte es bei mir plötzlich klick.  Hatte ich doch vor kurzem erst einen Artikel einer Basler Geschlechterforscherin in der Wochenzeitung gelesen, der Kritkerinnen der Genderstudies pauschal „Antiintellektualismus“ vorwarf. Es wurden wild Rechtskonservative, christliche Fundamentalistinnen, Liberale und Naturwissenschaftlerinnen in einen Topf geworfen, weil diese es wagen, gewisse Strömungen der Genderstudies zu kritisieren. Was mir dabei am allermeisten negativ aufstieß: Es wurde keinerlei Unterschied zwischen den verschiedenen Zielsetzungen der Kritik gemacht. Es wurde pauschal nach dem Prinzip „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ verfahren und jegliche Kritik mit „Antiintellektualismus“ gekennzeichnet.

Wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zur Geschlechterforschung habe. Ich halte es für extrem wichtig, dass es z.B. Forschung dazu gibt, wie die Geschlechter in der Gesetzgebung und Rechtssprechung diskriminiert werden. Dass erforscht wird, wie sich das Verhältnis der Geschlechter, der unterschiedliche Zugang zu Bildung für die Geschlechter, unterschiedliche Performance im Bildungssystem, etc auf eine Gesellschaft auswirkt. Ich habe mittlerweile allerdings auch einen sehr sensiblen Bullshit-Detektor in dem Bereich entwickelt und der schlug sehr weit aus als ich folgendes las:

Darin spiegelt sich eine zunehmend antiintellektuelle, ja autoritäre Geisteshaltung, die sich weigert, Wissen und damit auch Gesellschaft als immerwährenden Prozess von Aushandlungen zu verstehen. Geworben wird für positivistische Ideale und eine Alleingültigkeit bestimmter naturwissenschaftlicher Methoden. Nach diesem Verständnis ist Wissenschaft nur dann richtig, wenn sie universell gültige Aussagen trifft, zum Beispiel darüber, wie Männer und Frauen wirklich sind.

Schon seit langem hege ich den Verdacht, dass es zwischen bestimmten Strömungen der Gesellschafts- und Geisteswissenschaften auf der einen Seite und den Naturwissenschaften auf der anderen Seite ein unüberbrückbares Verständnisproblem vorliegt. Und da stand es plötzlich in einer Klarheit, die mir aber erst so richtig bewusst wurde, als ich den 44 Jahre alten Artikel von Karl Popper nochmal las. Da hat eine ganze Denkschule auch 50 Jahre nach dem Positivismusstreit noch immer nicht verstanden, wie naturwissenschaftliche Erkenntnis funktioniert. Wissen wird dort als immerwährender Prozess von Aushandlungen verstanden. Nein, Wissen ist in der naturwissenschaftlicher Erkenntnistheorie das Ergebnis der Konfrontation von Theorien und ihren Vorhersagen mit Experimenten. Danach wissen wir, welche Theorien falsch sind, kennen aber noch immer nicht die Wahrheit. Ausgehandelt wird da nichts. Aushandeln kann man z.B. einen Kompromiss zwischen konträren Zielsetzungen in der Politik. Da diese Denkschule ihren Auftrag also scheinbar im Aushandeln von Positionen begreift, betreibt sie also eigentlich Gesellschaftspolitik und keine Wissenschaft. Deshalb müssen dann Strohmänner aufgebaut werden.

Dabei setzt sich auch in den Naturwissenschaften zunehmend die Erkenntnis durch, dass sich nicht allein anhand biologischer Dispositionen begründen lässt, warum wir auf welche Weise leben. So legt die Neurologie etwa den Fokus vermehrt auf die Interaktion von Natur und Umwelt und zeigt zum Beispiel, dass es selbst bei einer ausgeprägten Sprachbegabung immer darauf ankommt, auf welche sozialen und kulturellen Einflüsse diese Disposition trifft. Dasselbe gilt für Hormone oder Gene: Eine Disposition allein vermag kaum etwas darüber auszusagen, wie ein Menschenleben verläuft oder verlaufen soll.

Soso, es setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch… ähm, ja, ich sagte es bereits, an der Stelle war die Debatte vor 50 Jahren bereits. Es wird den Naturwissenschaften unterstellt, sie mache aus einer deskriptiven Analyse eine normative Aussage und das sei unredlich. Dem letzten Halbsatz stimme ich vollunfänglich zu. Nur macht die Naturwissenschaft keine normativen Aussagen. Dieser Schluss wird ihr lediglich von einer Denkschule unterstellt, die schlicht nicht versteht, wie naturwissenschaftliche Erkenntnis funktioniert.

Und deshalb finde ich es schon sehr belustigend, wenn jemand „Antiintellektualismus“ schreit, sich dabei gegen Naturwissenschaflterinnen und Liberale wendet, den kritischen Rationalismus als Positivismus verkennt und gleichzeitig klar wird, dass sie keinen blassen Schimmer hat, was z.B. Karl Popper (oder jede andere moderne naturwissenschaftliche Erkenntnistheorie der letzten 50 Jahren) eigentlich gesagt hat.

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Wenn ich mal Zeit und Muße hab, schreibe ich nochmal ein bisschen was dazu, wie naturwissenschaftliche Erkenntnistheorie funktioniert, was es mit Definitionen auf sich hat und was der Unterschied zwischen normativ und deskriptiv ist und warum man das nicht durcheinanderbringen sollte. Zur Einstimmung empfehle ich Poppers Übersetzungen von Adornos und Habermas Geschwurbel am Ende des oben verlinkten Popper-Textes

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Für mehr statt weniger öffentlicher Zärtlichkeit!

Der neueste Schrei in bestimmten queeren Kreisen ist es, ein Knutschverzicht für Heteros zu propagieren. Die Argumentation geht folgenermaßen: Nicht-heterosexuelle Menschen würden mit jedem öffentlich knutschenden Heteropaar unter die Nase gerieben bekommen, dass sie das Privileg, öffentlich knutschen zu können, nicht haben. Das sei schmerzhaft für diese Menschen und deshalb sollen doch bitte die verliebten Heteros aus Solidarität mit nicht-Heteros das öffentliche Knutschen sein lassen. Dadurch würden sie ein Zeichen setzen, dass sie sich ihrer Privilegien bewusst seien und freiwillig darauf verzichten. Ganz verkürzt ausgedrückt also: Weil es anderen schlechter geht als mir, erlege ich mir selbst Beschränkungen auf. Christian hat ein paar sehr passende Vergleiche gezogen um die Absurdität dieses Ansinnens zu illustrieren.

Robin hat ebenfalls einen guten Text zu dieser irrsinnigen Idee geschrieben. Und am Ende macht sie einen absolut genialen Vorschlag, wie ich finde: Statt weniger knutschen, sollen wir doch alle viel mehr Zärtlichkeiten im öffentlichen Raum austauschen. Allerdings nicht nur mit Personen des jeweils anderen Geschlechts, sondern mit unseren gleichgeschlechtlichen Freundinnen, um damit eben echte Solidarität mit nicht-Heteros zu signalisieren. Denn nur wenn es üblicher wird, dass Menschen des gleichen Geschlechts auch in der Öffentlichkeit zärtlich miteinander umgehen, sind auch weniger Sanktionen für abweichendes Verhalten zu befürchten.

Je länger ich über diese geniale Idee nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass diese Knutschverzichtsdiskussion ganz schön entlarvend ist. Denn dadurch wird sehr sehr stark ein Zustand fortgeschrieben, den die Proponentinnen doch eigentlich abgeschafft sehen wollen. Stellen wir uns also nun mal vor, wir würden bei Robins Vorschlag mitmachen. Wie fühlt sich diese Vorstellung an? Haben wir Angst vor Sanktionen? Fragen wir uns, was denn „die Leute“ über uns denken könnten? Ich wage zu behaupten, dass allein dieses Gedankenexperiment bei den meisten, die sich als homosexuellenfreundlich bezeichnen würden, arge Abwehrreaktionen hervorrufen wird. Nicht, weil sie es eklig fänden, zärtlich zum eigenen Geschlecht zu sein, sondern schlicht und einfach wegen der zu befürchtenden Sanktionen. Aber sich dieser Situation zu stellen ist doch viel solidarischer und lässt eine tausendmal mehr das eigene Privileg reflektieren als ein solidarischer Verzicht. Auch wenn es darum gar nicht so sehr gehen sollte, ist das ein sehr augenöffnender Nebeneffekt. Hauptsächlich würde es aber durch das Trollen der homophoben Dumpfbacken eben viel normaler, dass Menschen im öffentlichen Raum zärtlich zueinander sind, ganz unabhängig von der Geschlechtsidentität der Zärtlichkeiten austauschenden Personen.

PS: Ich habs übrigens schon ausprobiert, das Frauen knutschen in der Öffentlichkeit. Tut gar nicht weh, ist eigentlich genauso aufregend wie Männer knutschen.

Unterdrückungsmechanismen in emanzipatorischen Bewegungen?

Kürzlich fand ich mich selbst in einer Situation wieder, die mich sehr stark an das Experiment, welches in „Die Welle“ beschrieben wird, erinnerte. Wirklich erschüttert hat mich vor allem, wie sehr und wie leicht totalitäre Muster etabliert werden können, wenn eine nur ausreichend verschleiernd hauptsächlich an das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe appeliert. Das ganze spielte sich in einer Gruppe junger Feministinnen ab, die sich ein- bis zweimal im Monat zu einem Stammtisch trafen. Es geht also nicht darum, dass irgendjemand im stillen Kämmerlein Hasstiraden in dieses Internet geschrieben hat, sondern um Menschen, die in regelmäßigem persönlichen Austausch zueinander standen. Dass selbst im persönlichen direkten Umgang miteinander solche totalitären Herrschaftskonzepte etablierbar sind und innerhalb kürzester Zeit engagierte reale Projekte zerstört, finde ich schockierend. Da die Auseinandersetzung über die zu etablierenden Unterdrückunsgstrategien aber gleichzeitig über eine Mailingliste schriftlich dokumentiert sind, wurde mir in aller Deutlichkeit bewusst, welche logischen Fehler und zivilisationsfeindliche Haltung hinder dem Konzept der Definitionsmacht steckt.

In feministischen Kreisen ist seit einiger Zeit ein Konflikt am gären bzw. offen ausgebrochen, der sich meiner Meinung nach hauptsächlich an einem Konzept entzündet, das sich Definitionsmacht nennt. Bei Wikipedia ist dazu nicht sonderlich viel zu finden, es gibt einen Artikel, der dieses Konzept im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt beschreibt, aber der ist nicht sehr ergiebig, was die eigentliche Problematik dieses Konzeptes betrifft.

Es ist mittlerweile aber leider so, dass dieses Konzept nicht mehr ausschließlich auf sexualisierte physische Gewalt angewendet wird, sondern ganz generell auf Situationen des Unwohlseins. Im Folgenden möchte ich zuerst einmal beschreiben, wie ich das Konzept der Definitionsmacht verstehe: Ausschlaggebend dafür, wer die Definitionsmacht habe, sei ausschließlich die Positionierung in einem (vermeintlichen) Machtgefälle. Fühle sich eine vermeintlich unterprivilegierte Person in einer bestimmten Situation unwohl, habe sie das Recht, dies ohne weitere Erläuterungen oder Begründungen zu signalisieren. Die vermeintlich privilegierteren Personen müssen diese „Kritik“ unhinterfragt annehmen und sollen in einem Prozess der Selbstreflektion herausfinden, was problematisch an ihrem Verhalten war. Die unterprivilegierte Person sei möglichst aus diesem Prozess herauszuhalten, da jedes Nachfragen eine Reproduktion des Unwohlseins bedeute. Und erklären müsse sie schon per definitionem nichts, denn sie habe ja die Definitionsmacht. Niemand außer ihr könne definieren, ob und warum sie sich unwohl gefühlt habe.

Soweit so trivial. Denn natürlich kann niemand außer mir selbst festlegen, wann ich mich unwohl fühle. Das ist aber überhaupt nicht der Punkt bei diesem Konzept. Leider ist es aber genau der Punkt, auf den die meisten reinfallen, wie mir scheint. Hört sich ja erstmal toll an, dass ich mich in Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, zwar signalisieren kann, dass ich mich unwohl fühle, aber nicht erklären muss, warum. Denn das ist ja in der Tat leider häufig anders und kann als erneute Grenzüberschreitung empfunden werden. Dessen sollte sich eine in heiklen Gesprächssituationen durchaus bewusst sein. In jedem Kommunikationsseminar lernt eine, dass die Feedbackempfängerin das Feedback zuerst einmal unkommentiert annehmen und reflektieren sollte, bevor sie in den Dialog mit der Feedbackgeberin eintritt. Aber ich halte es für sehr gefährlich, wenn eine jegliche Auseinandersetzung mit heiklen Themen auf eine derart moralisierende Art und Weise beenden kann. Das führt zu Immunisierung gegen andere Sichtweisen und damit geradewegs in totalitäre Strukturen.

Sehr schön nachzulesen ist diese Immunisierungsstrategie z.B. bei Antje Schrupp:

Wenn hingegen „die Anderen“ für sich Definitionsmacht beanspruchen, dann bedeutet das: Wir brauchen euch von gar nichts zu überzeugen.

Nun gut, Antje Schrupp ist ja auch der Meinung, dass Rechtsstaatlichkeit ein zu überdenkendes Konstrukt sei (typischer Fall des Verwechselns von Inhalt mit formaler Funktionsweise)…

Gerne wird Definitionsmacht auch extrem verkürzt (und dadurch massiv verschleiernd) so erklärt: „Die Frauen, die sich an #aufschrei beteiligten, entscheiden, ob sie sich sexistisch behandelt gefühlt haben.“ Ach du meine Güte. Natürlich kann nur die Betroffene entscheiden, wie sie sich behandelt gefühlt hat. Ja, das hat #aufschrei auch gezeigt, viele Menschen denken, sie können besser bewerten als die Betroffenen, wie sich die Betroffenen zu fühlen haben. Das ist zum Kotzen und sowas sollte eine nicht tun. Schon lange bevor ich auch nur die winzigste Kleinigkeit über Definitionsmacht gelesen habe, habe ich mich darüber aufgeregt, wenn meine Mama mir den Schweinebraten mit „Der schmeckt gar nicht nach Schwein“ versucht hat schmackhaft zu machen. Wie kann sie entscheiden, was für mich nach Schwein schmeckt?!? Das ist aber keine Definitionsmacht sondern trivial.

Wenn eine aber mal genauer nachfragt bzw. hinhört, dann wird einer auch genauer erklärt, worum es beim Definitionsmachtskonzept denn nun wirklich geht: die von Diskriminierung betroffene Person entscheide, ob Diskriminierung stattgefunden habe. Dabei gehe es nicht um Meinungsverschiedenheiten (also doch nicht um ein schlichtes Gefühl des Unwohlseins) sondern um Machtgefälle. Machtgefälle können sein Mann – Frau, „Deutsche“- „AusländerInnen“, hetero – nicht-hetero, monogam – nicht-monogam, religiös – atheistisch, Omnivoren – VeganerInnen… Im wesentlichen treten solche Machtgefälle also immer da auf, wo eine Mehrheit auf eine Minderheit stoße (bei dem Mann – Frau Ding ist das etwas anders gelagert…). Es gibt die klare Aussage von Seiten der Definitionsmachtvertreterinnen, einer weniger privilegierten Person zu widersprechen sei diskrimierend (ich kann das immer noch nicht glauben, aber ich habs schriftlich…). Eigentlich brauche ich jetzt nicht mehr weiter zu erklären, was daran wahnsinnig ist. Aber weil ich aus eigener schmerzhafter Erfahrung weiß, dass es genügend Menschen gibt, die den Kurzschluss nicht sehen, nochmal in aller Deutlichkeit: Mit dieser „Begründung“ kann jede missliebige Aussage (egal ob eine Aussage über die Realität, eine ander Meinung oder etwas, was unangenhme Gefühle macht) moralisch als diskriminierend herabgewürdigt werden. Darüber hinaus findet ein klassischer Zirkelschluss statt, denn wenn die von Diskriminierung Betroffene entscheidet, ob sie diskriminiert wurde, kann jede vollkommen unhinterfragbar behaupten, diskriminiert worden zu sein. Oder im Umkehrschluss: Dadurch wird eine Hexenjagd konstituiert. Sobald eine der eigenen Verurteilung widerspricht, ist man erst recht dran, weil es als weiterer Beweis für das angeblich diskriminierende Verhalten gesehen wird.

Auf der logischen Ebene finden über diese unbegründete Grundannahme hinaus auch noch haupsächlich zwei Fehler statt:

  1. ein Empfinden („das Gesprächsthema berührt mich unangenehm“) oder Meinung („ich stimme der Aussage des Gegenübers nicht zu“) hat nichts mit einer Definition zu tun. Definitionen sind logisch generell reine Umschreibungen ohne moralische Bewertung oder ohne Darstellung eines Zusammenhangs. Es sind reine Hülsen.
  2. Typischerweise wird von Seiten der Definitionsmachtanhängerinnen missliebiges Verhalten als im negativen Sinne normativ, also unterdrückerisch bewertet. Beliebtes Beispiel: In der Öffentlichkeit knutschende Heteropaare werden als heteronormativ bezeichnet. Dabei wird die Bedeutung des Wortes „normativ“ vollkommen falsch gebraucht. Natürlich trägt jedes knutschende Heteropaar zum Eindruck bei, alle Menschen seien hetero, wenn eine eben nur knutschende Heteros in der Öffentlichkeit sieht. Diese Performance ist aber nicht normativ sondern rein deskriptiv, weil sie keinerlei Aussage darüber macht, ob das Paar denkt, dass alle Menschen hetero sein müssen. Die Wikipedia sagt zu normativ:

     Philosophische Normativität gibt an, wie etwas sein sollte. Normativ ist in der Philosophie in der Regel dem Attribut deskriptiv (beschreibend) als Beschreibung für Theorien und Begriffe entgegengesetzt. Deskriptive Aussagen sind Sätze über die Realität und können überprüft und gegebenenfalls auch widerlegt werden (Falsifikation). Normative Sätze geben vor, wie etwas sein soll, also wie etwas zu bewerten ist. In der Moralphilosophie wird beispielsweise normativ geklärt, ob etwas gut oder böse ist oder welche Handlungen moralisch geboten sind.

Machen wir mal ein unbelasteteres Gedankenspiel um das ganze praktisch zu illustrieren. Wenn also eine Atheistin, die durchaus institutionell diskriminiert wird, sich in einem Gespräch mit Christen über Religiösität unwohl fühlt, weil sie dadurch eben wieder daran erinnert wird, dass sie als Säugling ohne Zustimmung eine Konfession zugewiesen bekommen hat, dass sie deshalb gegen ihren Willen Kirchensteuern gezahlt hat, dass sie, um gegen Gebühr ihren Kirchenaustritt zu erklären zum Amtsgericht gehen musste, dass ihre Kinder von klein auf mit christlichen Bräuchen konfrontiert werden, dass im Kindergarten Ostern, Nikolaus und Weihnachten samt Jesuskind zelebriert wird, dass konfessionslose Kinder in der Grundschule zum christlichen Religionsunterricht gezwungen werden,… dann darf sie mit Fug und Recht behaupten, dieses Gespräch über Religiösität stelle eine diskriminierende Handlung dar? Natürlich stellt das Gespräch über Religiösität an sich KEINE diskriminierende Handlung dar, solange niemand sagt, dass die Atheistin nicht mitreden dürfe oder unbedingt Christin werden müsse.

Ein weiterer Aspekt, um die Absurdität dieser Aussagen darzustellen: Eine feministische Forderung ist, dass Frauen nicht anders behandelt werden als Männer. Aber hetero, monogam Lebende,… sollen in all ihren (Sprach-)handlungen anders beurteilt werden als nicht-hetero, nicht-monogam,…? Wieviele Vorurteile sollen da rein aufgrund von willkürlichen Kategorien (Brillenträgerin, Akademikerin, Mutter, weiß,…) auf Individuen geladen werden, während gleichzeitig vorgegeben wird, gegen jegliche Vorurteile vorzugehen?

Während der Auseinandersetzung über all diese Punkte auf einer Mailingliste mit Menschen, die mir alle hauptsächlich durch reale Treffen persönlich bekannt sind, wurde per Twitter innerhalb dieser peer-group mehrmals mehr oder weniger explizit kolportiert, dass ich keine Feministin sei. Und das war dann der Punkt, wo ich gemerkt hab, dass da gerade nichts anderes abgeht als bei „Die Welle“ beschrieben wurde. Menschen, die Kritik an der Ideologie üben werden einfach mal ratzfatz als „nicht dazugehörig“ definiert. Ich sags ja, totalitär…

Ich möchte noch darauf hinweisen, dass es vollkommen egal ist, auf welche Kategorien und angeblichen oder realen Machtverhältnisse dieses Konzept angewendet wird. Die falsche Logik hat immer die gleichen desaströsen Auswirkungen. Bei Critical Whiteness ist es der Antirassismus, der dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird, bei Männer vs Frauen ist es der Feminismus, der dadurch diskreditiert wird und Antifeministen und Maskulisten legitimes Futter für ihre unsäglichen Tiraden gegen Frauen liefert.

Egal worauf das Definitionsmachtskonzept angewendet wird, untergräbt es die Grundlage unserer Zivilgesellschaft. Es immunisiert den eigenen Standpunkt gegenüber allen anderen Sichtweisen. Es ist dogmatisch, weil beliebige Aussagen von angeblich Unterdrückten weder moralisch noch inhaltlich widersprochen werden kann und es ist totalitär, weil die Geltung dieser absoluten Aussagen auf beliebige andere Bereiche übertragen wird (wer dem Definitionsmachtskonzept nicht anhängt, ist Rassistin, twitterRassistinKadda_bearbeitetkeine Feministin, etc)Tweet_antifem

Das Ziel einer offenen Gesellschaft ist die Maximierung der Freiheit des Denkens, Sprechens, Schreibens, individuellen Handelns. Dies wird erreicht durch die Maximierung der Kritisierbarkeit. Immer da, wo die Freiheit der einen mit der Freiheit der anderen kollidiert, brechen Konflikte auf. Diese können nur dann so zivil, rational und gewaltarm wie möglich gelöst werden, wenn auf inhaltlicher, abstrakt sprachlicher Ebene ein Diskurs so klar, offen und intersubjektiv überprüfbar wie möglich ausgetragen werden kann. Das mag manchmal unangenehm bis schmerzhaft sein. Aber die Minimierung physischer Gewalt, die Minimierung der Unterdrückung der persönlichen Freiheit wird nur durch Maximierung der Kritik erreicht.

Eine Position zu immunisieren, dogmatisch jegliche Kritik daran als Diskriminierung zu bezeichnen und damit zu unterdrücken und totalitäre Unterwerfung unter ein unlogisches Konzept zu fordern untergräbt die fundamentale Grundlage einer freien und offenen Gesellschaft. Dies würde in letzter Konsequenz erst zu einem Zerfall der Gesellschaft in nicht mehr offen untereinander kommunizierende Gruppen und anschließend in eine physisch gewaltvollen Clash verschiedener Dogmen führen.

Obwohl das so ist, warum hat dieser Wahnsinn trotzdem so eine Kraft? Diejeniegen, die das propagieren, reden die ganze Zeit davon, wie wichtig Sprache sei, haben aber gar nicht kapiert, wie Sprache funktioniert. Da gibt es die eine Gruppe, die in dem Konzept einen Schutzraum sieht, der ihnen die Möglichkeit gibt, in einer heimeligen Gruppe aufzugehen, ohne die dahinterliegende fehlerhafte Logik zu durchschauen. Dieser Schutzraum funktioniert leider nur so lange, bis diese Leute aus willkürlichen Gründen in die Täterinnenrolle gedrängt werden und damit zum Opfer dieses Konzepts werden. Und es gibt die andere Gruppe, die dieses Konzept ganz klar als Machtinstrument missbraucht, die wahrscheinlich auch nicht kapiert, welch essentialistischer Mist dieses Konzept ist, aber wo ich mich schon frage, ob sie bewusst dieses Konzept zur psychologischen Manipulation der ersten Gruppe missbrauchen.

Die Sache mit den Privilegien

In meinem ganz alltäglichen Umfeld außerhalb meiner virtuellen Filterbubble begegnen mir sehr viele Menschen, die wenig bis gar nicht darüber nachzudenken scheinen, an welchen Stellen sie privilegiert sind und welche Konsequenzen das hat.

Wenn sich z.B. über mangelnde Auslandserfahrung einer Bewerberin mokiert wird. Das gehört doch heutzutage zum Standard, dass man mal im Ausland gelebt hat (funfact: dabei handelte es sich um eine deutsche Bewerberin, die sich auf eine Doktorandinnenstelle in – tada – der Schweiz beworben hat, also gerade Anstrengungen erkennen ließ, diese Auslandserfahrung zu erwerben). Meine Bedenken, dass es sich vielleicht auch nicht jede leisten könne, ein Auslandssemester/-praktikum zu machen und es doch für die gerade diskutierte Stelle auch unerheblich sein, ob die Kandidatin Auslandserfahrung habe und überhaupt doch auf dem besten Wege sein, diese Auslandserfahrung zu machen wurden weggewischt mit den Erzählungen, wie andere privilegierte Studentinnen doch auch im Ausland waren, es gäbe doch Stipendien etc. pp. Da muss eine aber teilweise Dinge vorfinanzieren und es war meiner Gesprächspartnerin nicht beizubringen, dass nicht jede mal eben so 1000 Euro über hat, um ein Flugticket zu kaufen, auch wenn das Stipendium die Kosten im Nachhinein übernimmt. „Wo ein Wille, da ein Weg“ war die arrogante Logik. Mal ganz abgesehen davon, dass auch der Zugang zu Stipendien meist nur bestimmten Gruppen von Studierenden aus strukturellen Gründen offensteht.

In Teilen meiner virtuellen Filterbubble hingegen ist es gerade sehr en vogue jeglichen Diskurs über egal welch ein Thema im Keim zu ersticken mit dem Argument, die Person solle doch bitte erstmal ihre Privilegien checken. Und das finde ich äußerst problematisch.Nur weil eine Person anderer Meinung ist als ich, kann ich daraus doch nicht schließen, dass diese Person sich keine Gedanken darüber gemacht hat, wo sie selber steht in dem Diskurs. Natürlich finde ich es auch ärgerlich, wenn ein Mann locker-flockig die Existenz der Gender Pay Gap negiert und im Laufe der Diskussion klar wird, dass er sich für fähiger als das statistische Bundesamt hält. Und natürlich schreit in mir drin alles „Privilegienheini!“. Aber weiß ich wirklich, wie privilegiert mein Diskussionspartner ist? Von der Gender Pay Gap mag er vielleicht profitieren, aber es gibt ja leider mehr Diskriminierungs- und Privilegierunsebenen in unserer Gesellschaft. Ironischerweise scheinen es aber vor allem Intersektionalistinnen zu sein, die dieses „Privilegienargument“ gerne bringen. Ich kapiers einfach nicht, wie einer dieser Zirkelschluss nicht auffallen kann. Und es kann doch auch nicht im Sinne der Erfinderin sein, dass wir uns nun alle erstmal zwangsouten müssen, bevor wir in einer Diskussion vielleicht ernstgenommen werden.

Ich will nicht, dass Bewerberinnen begründen müssen, warum sie keine Auslandserfahrung haben und ich würde mir wünschen, dass das Bewusstsein dafür, dass ein Auslandssemester u.a. vom Kontostand und dem Zugang zu Förderressourcen abhängen kann, sich auch bei denen durchsetzt, die während des Studiums alleine in der 2 Zimmer Eigentumswohnung der Eltern gewohnt haben. Natürlich habe ich mich hier eines pauschalisierenden Klischees bedient, aber ich hoffe, ihr versteht, was ich damit aussagen will.

Ich will aber auch nicht, dass sich eine, bevor sie in eine Diskusion inhaltlich einsteigen darf, zuerst nackig machen muss. Ich kann meine Privilegien auch reflektieren, ohne mein Umfeld daran teilhaben zu lassen. Manchmal geht es euch schlicht nichts an, ob eine diese oder jene Erfahrung schonmal gemacht hat. Ihre Meinung dazu kann anderen aber trotzdem den Horizont erweitern.

Was ich nicht meine: Dass es voll okay ist, wenn Erfahrungen relativert werden sollen. So nach dem Motto: „Also mir ist das noch nie passiert, ich weiß gar nicht, was du hast, stell dich doch nicht so an, blablabla“.

Achja, es ist kompliziert… Was mich auch ganz gewaltig an der Auseinandersetzung stört: Wenn eine Bedenken äußert, ob das mit diesem „Privilegien checken“ denn immer so eine gute Idee sei, dann wird einer sofort Abwehrverhalten vorgeworfen. Und auch da wieder: Was wisst ihr schon? Vielleicht reflektiere ich meine Privilegien den lieben langen Tag, vielleicht erscheinen manche Privilegien auch nur aus einem bestimmten Blickwinkel als Privileg, vielleicht gehts mir auch „einfach nur“ um Liberalismus.

Aus Gründen der Aufmüpfigkeit wurde dieser Text im generischen Femininum geschrieben. Männer sind selbstverständlich mitgemeint.

Und so funktioniert essentialistische Logik.Nicht.

Die erste (und bisher einzige) Kritik an meinem Tacheles-Text war folgende:

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte das nicht kommen sehen, mittlerweile weiß ich ja, wie das mit der essentialistischen Logik funktioniert. Und die folgende längere Begründung für die Kritik      

zeigt sehr schön, was an dieser Logik eben nicht funktioniert: In einer inhaltlichen Auseinandersetzung sind Worte Vehikel, um Botschaften zu transportieren. Die Worte an sich haben nicht, wie der Essentialismus behauptet, eine absolute Bedeutung, sondern sind Konventionen darüber, wie wir gedankliche Inhalte transportieren. Wer einem Kleinkind schonmal beim erlernen der Muttersprache beobachtet hat, wird feststellen, dass das Kind in diesem Prozess Wörter auf ihre Bedeutung hin testet. Worte, die nicht direkt verstanden werden, werden in unterschiedlichen Kontexten ausprobiert, um sich anhand der Reaktion der Erwachsenen die Wortbedeutung zu erschließen. Dem Wort an sich wohnt aber keine absolute Idee inne, wie es gerne von den EssentialistInnen behauptet wird… Zurück zum Beispiel. Die Redewendung ‚Eier in der Hose haben‘ wird umgangssprachlich für Männer, die durchgreifen, angewendet. Es in einem feministischen Kontext zu verwenden, bedeutet für mich, dass ich mir diese Redewendung aneigne und umdeute. Auch kann ich einen gewissen ironischen Unterton nicht leugnen. Dass diese 5 Wörter den Rest meiner Gedanken obsolet machen sollen, ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie in dieser Logik jeglicher Diskurs verunmöglicht wird. Neben diesem Aspekt frage ich mich außerdem, wer definiert, welche Worte in einem feministischen Kontext was zu suchen haben und welche nicht.

Das erinnert mich doch stark an „Das Leben des Brian“: „Er hat Jehova gesagt!“

Ich danke Frl_Pfefferminz für dieses anschauliche Beispiel, weil es mir geholfen hat, nochmal klar herauszuarbeiten, was einer der Knackpunkte dieser Denkschule ist. Erschreckend finde ich es trotzdem, dass sich das scheinbar ganz tief eingegraben hat in feministische Kreise und fast schon reflexhaft ist. Aber es zeigt auch: Wenn man die Stelle, an der man sich stößt, explizit benennt, ist eine Auseinandersetzung damit möglich. Was soll ich mit einer Kritik anfangen, die sagt: „Ich habe mir schon ähnliche Gedanken wie du gemacht, kann deinem Text aber nicht zustimmen, weil du an einer Stelle was unaussprechbares gesagt hast.“

 

 

Dann reden wir doch mal Tacheles

Nachdem Meredith Haaf heute per Twitter ihren Rückzug aus der Mädchenmannschaft öffentlich gemacht hatte,

rief @mh120480 dazu auf, ihm (anonym) Informationen zur Mädchenmannschaft zukommen zu lassen. Die sich daraufhin entspinnende Diskussion offenbarte, dass vielen die problematische Grundhaltung des Kernteams der Mädchenmannschaft nicht klar zu sein scheint. Dabei braucht es allerdings gar kein Insiderwissen, wie @Autofocus es vermutet.  Man kann das alles öffentlich nachlesen.

Nachdem sich die Moderations- und Kommentarpolitik merklich veränderte (weg von kontroversen Diskussionen, in denen auch abweichende Meinungen ernst genommen wurden hin zu Zurechtweisungen der weniger belesenen KommentatorInnen) erschien ein Beitrag, der für mich ein erster Hinweis auf eine gelinde gesagt sehr verdrehte Weltsicht war.

Da in den Diskussionen immer häufiger gefordert wurde, dass der/die geneigte LeserIn sich doch bitte selber schlau machen solle anstatt den Autorinnen durch ernstgemeinte Nachfragen die Zeit zu stehlen, tat ich genau dies: Ich begann, ein wenig im Dunstkreis der Autorinnen zu lesen und stieß auf das Konzept der Definitionsmacht. Am deutlichsten ausgeprägt ist dieses Konzept im Bereich der Critical Whiteness. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass dieses Konzept immanent totalitär und essentialistischer Quatsch ist. Was genau auf logischer Ebene diesen Quatsch ausmacht, ist einen eigenen Blogbeitrag wert.

Das ganze gipfelte dann in den (Nicht)-Beschreibungen der Vorkommnisse beim 5-jährigen Geburtstag der Mädchenmannschaft und nahezu unlesbaren Stellungnahmen der dort anwesenden Mädchenmannschaftsautorinnen (natürlich fein säuberlich nach Hautfarbe aufgeteilt in ‚über jeden Zweifel erhaben‚ und ‚auf dem Weg zu gut, aber noch nicht gut genug‚). Nirgendwo ist herauszufinden, was jetzt genau schlimmes vorgefallen ist, da schon das alleinige Beschreiben des Vorfalls angeblich eine Reproduktion von Rassismus darstellt. Die Empfindung einer oder mehrerer Personen wird per Definitionsmachtkonzept zu einer Definition verklärt. Anhand des essentialistischen Missverständnisses wird dieser Definition eine absolute Bedeutung beigemessen, die im Weiteren natürlich nicht diskutiert und in Frage gestellt werden darf. Das ist dogmatisch und diskursfeindlich, es entzieht den eigentlichen Inhalt der Debatte und ist hochgradig schädlich für eine freie Gesellschaft.

Besonders einem Aspekt möchte ich an dieser Stelle nochmal besondere Aufmerksamkeit schenken:

Unabhängig von dem Panel zeigte sich unsere geringe awareness auch darin, dass wir einen Workshop durch eine Mädchenmannschafts-Kolumnistin zugelassen haben, in dem alleinig aus einer weißen Position über Frauen in der ägyptischen Revolution gesprochen wurde und – nach Berichten – die Diskussion sich fast ausschließlich um das Thema “Kopftuch” drehte. Keine von uns war in diesem Workshop anwesend und intervenierte. Einige weiß positionierte Autorinnen und Nadia aus dem MM-Team hatten den Workshop bereits im Vorfeld diskutiert, nachdem der erste Titelvorschlag der Referentin durch das Orgateam abgelehnt worden war. Es hatte also auch in diesem Fall Bedenken gegeben, die nicht zu einschreitenden Aktionen geführt haben. […]

Bezüglich des Workshops “Frauen in der ägyptischen Revolution” werden wir die Kolumnistin der Mädchenmannschaft, die den Workshop gegeben hat, mit der Kritik konfrontieren und eine Stellungnahme einfordern. Sollte sich die Verantwortungsübernahme der betreffenden Workshopgeberin als weiß Positionierte in diesem Aufarbeitungsprozess nicht wiederfinden, halten wir personelle Konsequenzen nicht für ausgeschlossen.

Quelle: Mädchenmannschaft

Mit anderen Worten: Man ist gerne bereit, das Angebot für einen Workshop anzunehmen, auch wenn man den Titel problematisch findet. Wenn sich aber anschließend die richtigen Leute beschweren, dann hat man plötzlich nicht mehr die Eier in der Hose, zu der vorher getroffene Entscheidung für den Workshop zu stehen, sondern schiebt der Workshopgeberin alle Schuld in die Schuhe und wenn sie sich nicht auf die richtige Art und Weise entschuldigt, dann darf sie nicht mehr mitspielen. Mir fehlen echt die Worte angesichts so wenig Rückgrat. Die Leute, die hier gerne eine Person so unter der Gürtellinie fertig machen würden, sind die gleichen, die an anderer Stelle die ganze Zeit was von ‚herrschaftsfreien Räumen‘ phantasieren.

In Zusammenhang mit Merediths Rückzug macht @dieKadda noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam:

Da liegt die Vermutung nahe, dass tunlichst der Eindruck vermieden werden soll, dass Merediths Austritt in Zusammenhang steht mit den Vorkommnissen beim Geburtstagsfest.

Mit Merediths Rückzug haben sich nach Susanne Klingner, Barbara Streidl und Katrin Rönicke nun alle 4 Autorinnen der ersten Stunde aus der Mädchenmannschaft verabschiedet. Vor 5 Jahren war dieses Projekt für mich der Inbegriff des Pluralismus, des offenen Diskurses und diente dazu, Menschen (unabhängig von Geschlecht und sonstiger Kategorien) von von außen auferlegten Rollenbildern und -zwängen zu befreien. Was dort diskutiert wurde war relevant für die gesamte Gesellschaft. In neuerer Zeit waren die meisten Beiträge nur noch für AnhängerInnen poststrukuralistischer Pseudologik interesant. Die Beiträge waren größtenteils freiheitsfeindlich und die Kommentare beschränkten sich dank rigider Moderationspolitik auf langweiliges Beifallklatschen.

Menschenfeindliche Homöopathie

Heute erzählte ich einer Person davon, dass in meinem Freundeskreis ein Kind an Leukämie gestorben sei und dass der Mann sich, als wir von der Erkrankung des Kindes erfuhren, sofort bei der DKMS als potentieller Knochenmarksspender hat typisieren lassen (ich war da bereits schon seit langem typisiert). Daraufhin meinte die Person, dass man sich ja vor Augen führen müsse, dass so eine Stammzellspende nicht ganz ungefährlich sei, schließlich gebe es bei der Knochenmarksentnahme aus dem Beckenkamm ein Infektionsrisiko und bei der peripheren Stammzellspende würde einem ja 5 Tage lang ein Wachstumsfaktor gespritzt, da wisse man ja auch nichts über die Langzeitfolgen. Das sei ihr aus homöopathischer Sicht alles nicht geheuer, deshalb käme für sie eine Stammzellspende nicht in Frage.

Eine solche Einstellung macht mich einfach sprachlos, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich saß da und konnte einfach nichts dazu sagen, obwohl ich mich innerlich unglaublich aufregte. Da wird mit dem totalen Hokuspokus eine menschenfeindliche Haltung sondergleichen begründet. Hallo, da geht es darum, dass man potentiell einem todkranken Menschen das Leben retten könnte, und diese Person macht sich Gedanken darüber, dass eine Stammzellspende vielleicht kleinere Unannehmlichkeiten für sie bedeuten könnte und lehnt diese deshalb für sich ab.

Immerhin bin ich bei der Impfdiskussion, die ja in diesen homöopathisch angehauchten Kreisen auch immer wieder gerne geführt wird, mittlerweile nicht mehr so sprachlos. Zum einen wegen des leukämiekranken Kindes, dessen einziger lebensnotwendiger Schutz vor vielen Infektionskrankheiten die möglichst totale Durchimpfung der Bevölkerung war. Dieses Kind konnte aufgrund der Leukämie nicht geimpft werden, aber aufgrund der Chemotherapie war es eben auch sehr anfällig für Infektionen. Nur dadurch, dass so fiese Sachen wie Diphterie, Tetanus, Masern,… so gut wie ausgerottet sind in Deutschland, hatte dieses Kind einen sogenannten Herdenschutz. Zum anderen wurde in meiner zweiten Schwangerschaft festgestellt, dass ich eine zweifelhafte Immunität gegen Rötelviren habe. Ziemlich doof, wenn man schon schwanger ist, dann kommt eine Impfung nicht mehr in Frage. Auch hier ist der einzige Schutz, der einem bleibt, die Herdenimmunität, weshalb es so wichtig ist, dass auch Jungs gegen Röteln geimpft werden. Beim Impfen geht es nämlich eben auch nicht nur darum, sich selbst (oder das eigene Kind) vor Krankheiten zu schützen, sondern auch Menschen, die aus den verschiedensten Gründen nicht geimpft werden können. Aber das wird von diesen Homöopathie-AnhängerInnen immer gerne außer Acht gelassen und allein damit argumentiert, welche angeblichen schlimmen Nebenwirkungen die Impfung für einen persönlich haben kann. Auch hier: Irrationale Angst vor kleinem, bzw. im Fall des Impfens nicht nachweisbarem, individuellem Schaden wird stärker gewichtet als der lebensrettende Nutzen für andere.

Aber was will man auch erwarten von Menschen, die einer Pseudowissenschaft anhängen, deren aktuelle Ideologie eng mit der Antroposophie verquickt ist…