Warum ich die Geduld mit Frauen verliere, die sich bewusst für ihre eigene Benachteiligung entschieden

Vor einigen Tagen kam der zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung raus. Dieser kam zu dem Ergebnis, dass es um die Gleichstellung der Frauen in Deutschland noch immer schlecht bestellt ist.

In der FAZ kommentierte daraufhin ein Mann, dass ja nun niemand die Frauen zwinge Kinder zu bekommen und sich schlecht bezahlte Jobs auszusuchen.

Allerdings gehen im Gejammer über Gender-Gaps und mathematisch berechnete Verwirklichungschancen ein paar banale Wahrheiten unter:

  1. Es wird in Deutschland kein junger Mensch gezwungen, die Weichen auf einen schlecht bezahlten Beruf zu stellen.
  2. Es gibt keinen Zwang zu heiraten.
  3. Es gibt keinen Zwang, Kinder zu bekommen.
  4. Es gibt keinen Zwang, sich die Arbeit mit dem Partner nach der Geburt so aufzuteilen, dass ausschließlich die Frau ihre Erwerbsarbeit reduziert.

Trotzdem entscheiden sich ungleich mehr Frauen als Männer aus freien Stücken für schlechter bezahlte Berufe.

Im Spiegel erschien ein sehr interessantes Interview mit der Frauenforscherin Barbara Stiegler, die sehr schön aufdröselt, welche gesellschaftlichen Strukturen dahinter stecken, dass Frauen nach wie vor signifikant mehr unbezahlte Arbeit machen als Männer. Aber der Spiegel wäre nicht der Spiegel, wenn er sich nicht eine Klickbait-geeignete Überschrift für dieses Interview ausgesucht hätte und mit der Überschrift mal wieder „die Frauen“ ( in dem Fall den „Cappucino-Müttern“) als die Gefahr für die Gleichstellung ausmachte.* Im Text selber erklärt Stiegler, was sie damit meint:

Bestimmte Rollenkonstellationen wie die berühmten Cappuccino-Mütter sind schon eine Gefahr für die Gleichstellung. Sie machen dieselbe klassische Arbeitsteilung wie ihre Mütter, sagen aber, sie hätten sich das selbst ausgesucht. Das würde ich als Rollback bezeichnen, wenn Frauen dies als Selbstbestimmung definieren, anstatt auf die Strukturen zu gucken, die dazu führen.

Was auch immer diese „berühmten Cappucino-Mütter“ sein sollen, weiß ich auch nicht. Soweit ich mich erinne, saß meine Mutter, die wegen ihrer 4 Kinder 13 Jahre lang mit Erwerbsarbeit aussetzte, ebenso selten Cappucino trinkend im Café wie ich nun mit 2 Kindern und Vollzeitjob.

Durchaus interessant sind aber die nachfolgenden Sätze: Ungerechte Strukturen werden zu Selbestbestimmung umgedeutet.

Von Maskulisten ist diese Deutungsumkehr bekannt, auch der oben erwähnte Artikel in der FAZ greift dieses Argumentationsmuster auf. Spannend ist, egal ob man es global als gerecht oder ungerecht empfindet, dass Frauen weniger verdienen, häufiger auf Hartz IV angewiesen sind, stärker von Altersarmut betroffen sind, 50% mehr unbezahlte Arbeit machen als Männer, in randomisierten Bewerbungsstudien aufgrund ihres Namens deutlich schlechter abschneiden und was eben noch so alles im Gleichstellungsbericht an Ungleichheiten aufgezeigt wird, es individuell als gerechtertigt empfunden wird, weil es für einen persönlich ja eine Folge individueller Entscheidungen ist. Ungerechtigkeit scheint leichter erträglich, wenn sie nicht als solche wahrgenommen wird, sondern als gerechte Folge der individuellen Entscheidung. Ebenso wird ausgeblendet, dass solche Entscheidungen ja selten vollkommen individuell sind. Wenn sich die ganz große Mehrheit der Familien für eine ähnliche Aufgaben- und Lastenverteilung entscheiden, wo bitte ist da die Individualität?

Ein Steuersystem, das das Alleinverdienermodell massiv belohnt, das Angebot von ganztägiger Kinderbetreuung, die Einschätzung der Leistungsbereitschaft von Teilzeitarbeitskräften, die unterschiedliche finanzielle Wertschätzung ganzer Berufsgruppen, die als klassisch weiblich bzw klassisch männlich angesehen werden, usw. beeinflussen individuelle Entscheidungen. Auch individuelle freie Entscheidungen sind in der Regel nicht unabhängig von äußeren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Hinzu kommt, dass Eltern, die sichtbar Sorgearbeit für ihre Kinder übernehmen, also in Elternzeit gehen, zu Hause bleiben, wenn ein Kind krank ist, den Arbeitsplatz pünktlich verlassen, weil die Kinder betreut werden müssen, etc. dadurch berufliche Nachteile wie geringere Gehaltserhöhungen, längere Abstände bis zur nächsten Beförderung, bis hin zur Kündigung in Kauf nehmen müssen. Das alles führt dazu, dass man als Familie oft gezwungen wird, sich dafür zu entscheiden, dass ein Partner Benachteiligung in Kauf nimmt, um in Summe besser da zu stehen, als wenn beide benachteiligt würden. Dazu kommen dann sowohl interne wie auch externe Geschlechterrollenklischees (schlechtere Bewertung von Lebensläufen mit weiblichen Namen als von Lebensläufen mit männlichen Namen, dass nur Frauen Familie und Beruf vereinbaren müssen und deshalb nicht soviel leisten *können* im Job, Spülsexismus, Kind gehört zur Mutter,…) und schwupps, ist klar, wessen Benachteiligung in Kauf zu nehmen ökonomisch rational erscheint.

Und als nächstes werden diese Entscheidungen, die aufgrund struktureller Gegebenheiten halt häufig so ausfallen, wie sie ausfallen, nämlich dass Frauen Teilzeit arbeiten oder für mehrere Jahre komplett aus dem Beruf aussteigen, als freiwillige Entscheidung dargestellt. Natürlich hat niemand diese Frauen dazu gezwungen, aber es werden massiv Anreize geschaffen, diese Entscheidungen genau so zu treffen.

Damit kritisiere ich nicht, dass sich jemand indiviuell so entscheidet. Ich kritisiere, dass so getan wird, als sei diese Entscheidung unabhängig von Rahmenbedingungen getroffen wurde. Und so wird dann die Menge an vermeintlich unabhängigen Entscheidungen a posteriori zur Rechtfertigung der Rahmenbedingungen, welche den bias der „individuellen“ Entscheidungen verursachte (siehe Eingangszitat). Diese Rahmenbedingungen werde so als unabänderlich wahrgenommen. Ein Teufelskreis.

Es ist in meinen Augen bequem zu sagen „Ich habe mich aus freien Stücken entschieden für meine Kinder da zu sein statt Karriere zu machen.“** Weil diese Entscheidung nicht allein in meiner Hand liegt. Ob ich Karriere mache oder nicht liegt nicht daran, ob ich Kinder versorge oder nicht. Auch die allermeisten Männer machen keine Karriere. Und trotzdem verdienen die mehr. Bekommen mehr Rente. Aussagen wie „Meine Familie ist mir wichtiger als Karriere“ entbindet die Gesellschaft davon dafür zu sorgen, dass echte Gleichstellung hergestellt werden muss. Weil Frauen es sich ja anscheinend selbst aussuchen, scheiße behandelt zu werden. Und deshalb halte ich diese Aussagen für bequem. Bequem für die Gesellschaft.

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*Ja, ich weiß, auch dieser Post tut dies. Das nennt sich „Selbstironie“

**Ich denke tatsächlich, dass Selbstbestimmung was tolles ist. Und ich verurteile niemanden, egal welchen Geschlechts, individuell für  ihr gewähltes Lebensmodell. Mein Weg ist mein Weg und jede andere darf gerne einen anderen Weg gehen. Mir ist bewusst, dass es Leserinnen gibt, die nicht zwischen Kritik an ihnen und Kritik an gesellschaftlichen Strukturen unterscheiden möchten und sich persönlich angegriffen fühlen. Aber das ist dann halt so.

***Das Nuf erklärt all dies auch nochmal sehr schön anhand von Zitaten aus dem Gleichstellungsbericht und kommt zum gleichen Schluss wie ich 

 

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17 Gedanken zu „Warum ich die Geduld mit Frauen verliere, die sich bewusst für ihre eigene Benachteiligung entschieden

  1. Eine sehr einseitige Betrachtungsweise die du hier an den Tag legst. Dabei vermischt du verschiedene Dinge die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben. So schließen sich Mehrheitliche Entscheidungen und Individualitä nicht aus. Oder würdest du auch fragen: Die Mehrheit bevorzugt es imLand zu leben in dem sie geboren wurden, also wo bleibt die Individualität?
    Oder wie kommst du auf die Tatsache, dass nur Frauen Familie und Beruf vereinbaren müssen? Männer müssen das auch, die meisten mögen dem Beruf mehr den Vortritt geben als Frauen, das heißt allerdings nicht es gebe nichts abzuwägen. Gleichberechtigung ist nicht gleichzusetzen mit 50/50 und wenn du deswegen Gleichstellung willst, dann wirst du niemals zu frieden sein. Es gibt nun mal Unterschiede egal wie klein oder groß sie auch sein mögen.
    Die Tatsache, dass du es so darstellst als ob eine Entscheidung für die Famile gleichzusetzen mit sich Scheiße behandeln zu lassen finde ich besonders erschreckend. Du musst dem Beruf wirklich einen unglaublichen Stellenwert zuordnen um zu diesen Schluss zu kommen. Jeder hat nur begrenzt Zeit zur Verfügung und daher kann niemand wirklich groß Karriere machen und gleichzeitig für die Famile voll da sein. Einige wenige mögen zwar behaupten sie hätten es geschafft, aber das stellt sich wenn man es genauer betrachtet als unwahr heraus. Wenn also Frauen sich dafür entscheiden sich um die Kinder statt um den Beruf zu kümmern ist das völlig legitim. Am Ende des Lebens sagt kaum ein Mensch er hätte sich gewünscht viel mehr zu arbeiten.

  2. @Resolute Nuss: Den Text gründlich lesen statt mit ner vorgefertigten abfälligen Meinung im kopf hätte manches Missverständnis evtl vermeiden können  ¯\_(ツ)_/¯

  3. @drehumdiebolzeningenieur:
    Den Kommentar kann ich gerne an dich zurückgeben. Immerhin habe ich mir die Mühe gemacht mich auf etwas zu beziehen was du tatsächlich geschrieben hast. Aber was solls, dafür passt deine Antwort praktisch auf jede negative Reaktion. ¯\_(ツ)_/¯

  4. Merci und danke! Das kann ich so unterschreiben.
    Tatsächlich scheint die Erkenntnis, dass die individuelle Entscheidung trotzdem im Kontext der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu sehen ist in meiner Wahrnehmung sogar abzunehmen. Meine Mutter sagte immer ganz klar: „Ich bin zuhause geblieben, weil das bei mir so akzeptiert wurde, dein Vater hätte in seinen Beruf nicht wieder einsteigen können, das wäre zu der Zeit undenkbar gewesen, schon eine Reduktion um 10% zur Kinderbetreuung war schwer durchzusetzen, gewünscht hätten wir uns das anders.“ Heute habe ich oft den Eindruck, diese Reflektiertheit fehlt vollständig. Aber das kommt vielleicht auch daher, dass – meinem Gefühl nach – jüngere kinderlose Frauen tatsächlich fest überzeugt sind, die Gleichberechtigung sei abgeschlossen und sie hätten alle Chancen. So erlebe ich es doch überwiegend von Studentinnen und Promovendinnen.
    Die verschwendete Chance, auf die Umstände aufmerksam zu machen, die es immer noch so viel wahrscheinlicher machen, dass Frauen reduzieren und Männer nicht, trifft ja umgekehrt auch die Männer. Denn auch die Entscheidung im Zweifel den Beruf voranzustellen und auf Beteiligung an Familienarbeit zu verzichten ist ja kontextuell zu sehen und wird aber als „natürlich“ begriffen. Letztlich wirkt sich ja sogar die angeblich freie Entscheidung von Frauen für schlechter bezahlte Arbeit im Umkehrschluss dann auch auf die Berufsentscheidungen der Männer aus.
    Und zuletzt: Ich denke vermutlich täglich, wie viel einfacher es im Alltag für uns wäre, hätten wir ein klassisches Ein-Verdiener-Arrangement. Ich denke dann aber direkt hinterher, dass es „uns“ dann in der Form wohl gar nicht gäbe. Von daher trage ich dann doch die Folgen meiner Entscheidung ganz gern 😉

  5. Pingback: Der ganz normale Alltagsfeminismus | ☨auschfrei

  6. „Ein Steuersystem, das das Alleinverdienermodell massiv belohnt…“
    Ein gerne immer und immer wiederholtes Gerücht, was dadurch nicht wahrer wird! 😉
    Für die Steuerlast ist es völlig gleich, ob von einem verheirateten Paar jeder 50.000 verdient oder der eine 100.000 und der andere nichts. Da wird kein Alleinverdienermodell belohnt!

  7. @drehumdiebolzeningenieur:
    Und ich empfehle dazu mal ein wenig Beschäftigung mit dem Steuerrecht, dann versteht man vielleicht, was Splitting bedeutet und warum das kein Vorteil für irgendein Modell ist 😉

  8. Danke! Ich bin fast daran gescheitert in einem Umfeld zu leben, dass mir diese Entscheidung für ein selbstbestimmtes Leben als egoistisch und unweiblich auslegte. Jetzt nach langen Jahren in denen Kritik auszuhalten war bis hin zur Ächtung, entdecken viele 50+ wie schlecht es um die Altersversorgung aussieht, wenn der Mann auf einmal mit einer jüngeren noch mal anfängt. Es dauert mich, aber die Geduld verliere icha uch oft.Weiter so!

  9. Danke, danke, danke für den Post. Jeder Mensch hat die freie Wahl, sich einen gut oder einen schlecht bezahlten Beruf auszuwählen (es gibt übrigens auch gut bezahlte Berufe ohne Studium). Und wenn ich mir einen schlecht bezahlten Beruf auswähle, dann doch hoffentlich wegen der Leidenschaft, mit der ich für ihn brenne. Und tue dann alles, mich soweit darin zu perfektionieren, dass ich finanziell gut und unabhängig von Dritten (Partner, Eltern, Sozialsysteme) leben kann. Ja, dazu gehört dann auch etwas Einsatz in Form von Engagement, Weiterbildung etc. Leider habe ich viele schlechte Beispiele in meinem Bekanntenkreis (insbesondere bei der Generation nach mir). Die finanzielle Unabhängigkeit vom Partner (meist vom Mann) scheint wieder weniger wichtig zu sein als in meiner Generation (*1965). Für mich persönlich ist das erschreckend. Insgesamt bin ich über das mangelnde Engagement in beruflichen Dingen dort sehr ernüchtert: Wahl von schlecht bezahlten Berufen (bei Mann und Frau), oder auch gar keiner Berufsausbildung, und fehlendem Engagement, durch weitere Bildung die finanzielle Situation zu verbessern. Stattdessen Jammern und Klagen, wie wenig Geld da ist. Die Finanzlücken werden durch Sozialleistungen überbrückt, bei mehreren Kindern und Hartz 4 kommt dann einiges zusammen. Und ja, auch wir werden kritisiert dafür, dass wir arbeiten und es uns finanziell sehr gut geht – vielleicht ist es auch nur Neid.

  10. Danke auch von mir (seit langem stille Leserin und Bewunderin deiner Nähkünste!)
    Liebe Grüße
    Eva

  11. Genau so ist es. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht… Gerade das Steuersystem ist nicht unbedingt modern 😉 Besonders wenn kein Großelternteil zur Verfügung steht ist es schwierig Beruf und Familie zu kombinieren… Ich bin momentan ein Jahr in Elternzeit. Mein Mann ist auch Ingenieur. Wir haben uns bewusst die Elternzeit nicht aufgeteilt. Da ja sonst beide eine Zeit fehlen müssten. So hat nur einer den Nachteil… Gerade als Ingeneurin ist es schwierig eine Auszeit zu nehmen. Die Projekte müssen ja trotzdem weiter gehen… Als beispielsweise Lehrer ist es vielleicht einfacher sich die Elternzeit zu teilen.

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