Gedanken zum Trend auch Uninnovatives per Crowdfunding zu finanzieren

Als ich vor knapp 8 Jahren feststellte, dass ich schwanger bin, steckte ich mitten in der Promotion. Große finanzielle Reserven hatte ich nicht. Eigentlich war ich zu dem Zeitpunkt drauf und dran, mir eine gebrauchte Bernina Nähmaschine zu kaufen. Aber plötzlich sah ich mich tausende Euro für die Babyerstausstattung ausgeben. Die günstige Supermarktnähmaschine tat es ja irgendwie auch.

Wir hatten schon ein paar Eltern im Freundeskreis. Und von einigen, denen wir konsumideologisch am nächsten standen, ließen wir uns beraten, was man denn so braucht für so ein Baby. Denn unsere finanzielle Situation war einfach sehr ungewiss. Und uns war klar, dass wir wohl max 90 m² Wohnung zur Verfügung hätten.

Und wir stellten fest: Entgegen unserer ersten Befürchtung, dass wir mehrere 1000 Euro investieren müssten, waren die Anschaffungen für so ein Baby echt überschaubar.

Wir kauften so ziemlich alles gebraucht. Und Kleidung bekamen wir von Freunden sogar geliehen. Das hatte den zusätzlichen Vorteil, dass in den Kisten hauptsächlich Dinge waren, die sich für die Freunde bewährt hatten.

Das ist nicht jedermanns Sache. Ich bin normalerweise auch keine Flohmarktgängerin. Für viele ist es ein wichtiger Schritt der Vorbereitung, das Nest für das erwartete Baby zu bauen. Und verfallen in einen wahren Konsumrausch, kaufen Badeeimer, angeblich geruchssichere Windeleimer mit speziellen Mülltüten zu absurden Preisen, Unmengen an pädagogisch wertvollem Spielzeug, Kinderwägen mit jedem erdenklichen schnickchnack. Klar, man weiß nicht so recht, was man eigentlich braucht, man will ja nur das Beste fürs Kind und so kauft man halt auch eine Menge Plunder, den man 1x benutzt und dann festtellt, ist eigentlich voll unpraktisch. Und wir haben beim 2. Kind tatsächlich auch nochmal Sachen gekauft, die wir beim ersten vermisst haben.

Als ich vor ein paar Tagen also von dieser Erstlingsbox las, die auf Startnext gecrowdfundet wird, fand ich die Idee vom Prinzip her sehr gut. Mit gefiel die Botschaft, dass man viel weniger für so ein Baby braucht, als man zuerst einmal den Eindruck hat.

Den Preis finde ich allerdings für die enthaltenen Sachen (die bei weitem nicht die fundamental notwendigen Dinge beinhaltet, 3 Bodies sind lächerlich wenig, ein Schlafsack, der ja mittlerweile wirklich Standardausstattung für Babys ist, fehlt ganz, usw) gelinde gesagt happig. Ja, die Sachen sind alle nachhaltig, bio, dings. Trotzdem.

Und dann las ich bei einer, die die Box gefundet hatte, dass bei Crowdfunding der Preis ja immer höher sei. Weil? Ja warum eigentlich?

Crowdfunding, so wie ich es verstehe, hat ja den Zweck, dass man Geld einsammelt, um genug Kapital für die Entwicklung einer ersten Kleinserie zusammen zu bekommen. Ich arbeite selbst in der technischen Entwicklung, ich weiß, wieviel Zeit und Geld man erstmal in ein neues Verfahren, ein neues Produkt stecken muss, bevor man was in der Hand hält, das man verkaufen kann. Und diese Kosten müssen natürlich in den Preis des neuem Produktes mit einfließen. Das ist übrigens ein Grund, warum die Margen bei Big Pharma oft so astronomisch sind. Weil ein Blockbustermedikament eben auch die ganzen Flops, die im Laufe der Wirkstoffentwicklung wegen wirkungslos, giftig, zu viele Nebenwirkungen,… rausfliegen, eben irgendwie mitfinanzieren muss. Aber ich schweife ab.

Diese Box hingegen ist im Grunde nix anderes als all die anderen Boxen, die gerade so beliebt sind. Kochkisten, Bastelboxen, Nähpakete,… Für jedes Projekt eine eigene vorgefertigte Box. Die Idee dahinter: Jemand anderes kauft die verschiedenen Zutaten, packt sie portioniert in eine Box und ich muss nicht in 5 verschiedenen Läden zu große Gebinde kaufen. Praktisch ist das durchaus. Aber ich sehe einfach nicht, wie man da großartig finanziell in Vorleistung gehen muss. Man muss ja im Grunde nur nach Bedarf schon fertige Dinge einkaufen, verpackt sie etwas anders und verkauft sie wieder. Ich sehe einfach die genuin neue Idee, die eben zusätzlich zum Preis der Einzelteile einen höhere Preis rechtfertigt, der noch dazu in Vorleistung erbracht werden muss, nicht. Man muss nix testen, ausprobieren, entwickeln. Man braucht keine Lohnproduktion, die erst ab gewisen Stückzahlen fertigt. Es gibt überhaupt kein nennenswertes finanzielles Risiko in der Entwicklung. Die Option, dass es schiefgeht, gibt es im wesentlichen nicht. Weil es schlicht nix neues ist. Es gibt solche Boxen außerhalb von Finnland nämlich längst zu kaufen…

Aber es ist in gewissen Kreisen halt gerade angesagt, Dinge über Crowdfunding zu verkaufen. Zum Thema Crowdinvesting gabs kürzlich bei den Mikroökonmen auch ein paar gute Gedanken zu diesen Trend.

Was anderes wäre es, wenn es sich bei der Box um eine Spende an bedürftige Eltern handeln würde. Wir haben z.B. einen OLPC hier rumstehen, den wir aber nur haben, weil wir zusätzlich zu unserem Modell noch ein weiteres Modell als Spende gefundet haben. Damals hieß das nur noch nicht Crowdfunding sondern Give one, get one.

Karen hat zum Thema Erstlingsbox ebenfalls sehr gute Gedanken aufgeschrieben. Sie kennt das Vorbild Kela-Box aus Finnland aus eigener Erfahrung, und erklärt, was sie an der deutschen Nachahmung stört. Im wesentlichen ist mein Post nur eine Ergänzung zu ihren Gedanken, da ich ihre Kritik vollumfänglich teile. Auch die Kommentare sind sehr lesenswert!

Natürlich gibt es viele noch viel unsinnigere Crowdfunding-Projekte. Und selbst bei jedem, das ich toll finde, findet sich bestimmt jemand anderes, die es total überflüssig findet. Und genau darin liegt ja auch der Charme des Crowdfundings: dass man mit einer bestechenden Idee nicht mehr davon abhängig ist, ob einer von 10-30 verschiedenen Bankberatern die Idee gut findet, sondern 1000 von Millionen Menschen, die sich auf solchen Crowdfunding-Plattformen rumtreiben. Was halt im Grunde nur meine These unterstreicht, dass Demokratie und Kapitalismus sehr eng zusammenhängen.

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11 Gedanken zu „Gedanken zum Trend auch Uninnovatives per Crowdfunding zu finanzieren

  1. Hier wird halt einfach das betriebswirtschaftliche Risiko outgesourct. Das würde ich, gerade bei dem Betrag, grundsätzlich nicht unterstützen.
    Beim Crowdfundibg sind die Preise wohl auch höher, weil die Plattform ne Provision kassiert…

  2. Meine Gedanken dazu: Das Crowdfunding ersetzt in diesem Fall zu großen Teilen das Marketing. Bei gleichzeitiger Nivellierung des unternehmerischen Risikos. Unternehmerisch ist das schlau, vom Rest kann man halten, was man will. Man muss es ja nicht kaufen oder unterstützen. Oder bejubeln.

  3. Und natürlich ist es aus unternehmerischer Sicht total legitim, das über Crowdfunding laufen zu lassen. Aber dass dadurch der Eindruck entsteht, der hohe Preis sei gerechtfertigt, weil Crowdfunding ja automatisch bedeutet, dass es innovativ und deshalb erstmal nicht kostenmäßig konkurrenzfähig, das nervt halt.

  4. Danke für dieses Gegengewicht zum allseitigen Jubel! Finanzielles Risiko auslagern, starker Dogmatismus („das ist. was du brauchst. Und das Heft, was du nicht brauchst“), der Preis und das alles gepaart mit diesem enormen Blog-Marketing (Vertrauen schaffen, Selbst-Vermarktung als Marke, Privatheit erzeugen) und der Werbung, es sei absolut neu (nein, ist es nicht.Erstausstattungen in Kaufzusammenstellung gibt es doch Zuhauf) stößt negativ auf. Ein cleverere Schachzug einer sehr cleveren Marketingfamilie. Ich bedauere, dass die Möglichkeit, etwas wirklich Neues zu schaffen, damit verpufft ist. Und was mich echt aggro macht, ist dieses „ich geb Dnekanstöße für die Politik hinsichtlich finn-Box“. Das ist schon dreist, finde ich. Weil ein Kostenrisiko ist das nun ganz und gar nicht.
    Es wundert mich nicht – ist doch das gesamte Konzept des „geborgenen Wachsens“, das die ‚Kunstfigur Frau Mierau‘ vertritt, in keiner Weise neu oder innovativ, sondern sehr gut zusammengepuzzlet aus bestehenden Ansätzn und Theorien und sehr sehr clever per social media vermarktet (Persönlichkeit, Nähe, Vertrauen – enorm starke Marketingargumente)…… die Box ist letztlich doch eine Variation dieses Geschäftsmodells. Kann man machen. Müssen andere aber nicht gut finden.

    Gern hätte ich so ein Projekt unterstützt, wenn es tatsächlich Menschen, die es brauchen (finanziell Schwache, junge Eltern, Geflüchtete etc. etc. etc.) erreicht hätte – m.E. die Quintessenz der finnischen Box: soziale Gerechtigkeit unterstützen – und nicht den Geldbeutel von Berliner Hipstern.

    Danke für deine klugen Gedanken dazu und deine mutige Stimme in der virtuellen Öffentlichkeit!

  5. Mmh. Also, ich finde die crowdgefundedete Erstlingsbox (wie den meisten Babykram) eher unnötig und überteuert und würde mir sowas nicht anschaffen. Ich überlege nur auch grad, ob ich die Aufregung darüber teile – eher nicht. Soll sie halt machen, marketingtechnisch ist das gut gemacht, und irgendwie muss sie ja auch Geld verdienen, das ist ja erstmal nicht verwerflich. Vielleicht bin ich aber auch grad überarbeitet, das führt bei mir gelegentlich zu nihilistischen „ist doch alles irgendwie egal“-Anwandlungen.

    Trotzdem liebe Grüße 🙂

  6. Vielen Dank für den interessanten Beitrag, drückt viele meiner Gedanken aus.
    Richtig klasse finde ich den Kommentar von Tanja! Marketingfamilie! Ein Wort, das alles für mich erklärt. Ich hatte immer ein diffuses unangenehmes Gefühl bei dem ganzen Konzept – jetzt weiss ich, warum. Es tut gut, mit solchen Gedanken nicht allein zu sein.

  7. Nachdem ich gesehen habe, wie Freunde teilweise seit Jahren auf ihre Crowdfunding-Rewards warten, stehe ich der Sache auch zwiegespalten gegenüber. Was ich aber hingegen gern unterstütze sind Musikerinnen und Musiker die mir gefallen, die per Crowdfunding ihre CD-Aufnahmekosten finanzieren. Musikschaffende (und auch andere Künstlerinnen und Künstler), vor allem welche die nicht so bekannt sind oder in Genres unterwegs sind die nicht so mainstreamtauglich sind, haben eh immer damit zu kämpfen, für ihre kreative Leistung angemessen entlohnt zu werden, da gebe ich dann auch gern was, wenn ich am Ende eine CD bekomme, und die Produktion von Musikalben lässt sich im Gegensatz zu so manch anderem Projekt auch recht genau kalkulieren.

  8. Ja, für Kunst/kreative Projekte allgemein finde ich crowdfunding eine gute Sache. Ist halt ähnlich wie Entwicklungsprojekte: du musst massiv in Vorleistung gehen, um an Ende das Produkt zu haben, welches du verkaufen kannst.

  9. Danke.
    Bei dem Preis sind mir die Augen übergegangen. Kann man unterstützen, sollte aber nicht als „wohltätig“ verkauft werden.

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