Interstellar – eine biologistische und trotzdem feministische Kritik

Gestern abend haben wir bei den Nachbarn im Garten – nach einer etwas längeren Einführung in die physikalischen Hintergründe von Raumzeit und Relativität – den Film Interstellar von Christopher Nolan gesehen. Weil der Film allerdings sehr lang ist und der große kleine Mensch um Mitternacht dann doch ins Bett wollte, blieb mir das sehr gefühlsduselige Ende erspart. Allerdings fand ich ihn bis dahin sehr gut!

Wer ihn noch nicht gesehen hat: Nachholen!!! Und erst dann hier weiterlesen (Spoilerwarnung!).

Der Film bietet auf einigen Ebenen Nachdenk- und Diskussionsstoff. Aber was den Liebsten und mich den ganzen Tag heute am meisten beschäftigte war das absolut größte Plothole, was für uns so unglaublich offensichtlich war, aber ansonsten keinem aufgefallen zu sein scheint: Es ergibt biologisch ÜBERHAUPT keinen Sinn, nur *eine* Frau und *drei* Männer auf eine intergalaktische Mission zu schicken, um ein neues Habitat für die Menschheit zu finden. Noch dazu, wo Plan B vorsah, die ersten der mitgeführten 5000 befruchteten Eizellen durch die einzige Frau an Bord austragen zu lassen, sollte es in der verfügbaren Zeit nicht schnell genug gelingen die Gravitation so gut zu verstehen, dass man die auf der Erde verbliebenen Milliarden Menschen durch das Wurmloch zu dem neuen Habitat transportieren könnte. Plan B war also auf Frauen als Gebärorganismus angewiesen (sollten der Liebste und ich beide den Punkt im Film verpasst haben, wo vom mitführen künstlicher Uteri die Rede war, schreibt es bitte in die Kommentare :D). Warum um alles in der Welt nimmt man dann nur eine einzige Frau mit?!? Warum? Wenn Dr. Brand anstelle von Doyle auf Millers Planet gestorben, hätte es niemanden mehr gegeben, die die Eizellen hätte austragen können. 4 Frauen auf diese Mission zu schicken wäre von dem Gesichtspunkt also viel sinnvoller gewesen als 3 Männer und 1 Frau.

Nun will ich mal nicht so sein und unterstelle zusätzlich zu der Möglichkeit, dass Plan A (die verbliebenen Menschen nachzuholen) scheitert, auch noch, dass Plan B durch den Verlust der Eizellen scheitert, dann wäre es noch immer Erfolg versprechender gewesen, 3 Frauen und 1 Mann auf die Mission zu schicken. Sollten sich nämlich einer der drei in Frage kommenden Planeten als geeignet herausstellen, könnte dieser vielleicht dadurch besiedelt werden, dass der eine Mann drei Frauen schwängern und man hätte den Fortpflanzungsflaschenhals Austragezeit optimal minimiert (ja, ich weiß, extrem kleine genetische Varianz, sicher sehr viel schlechter als die 5000 Eizellen, aber hey, wir hatten ja die Möglichkeit unterstellt, dass Plan B scheitern könnte).

Aus rein biologisch-rationalen Überlegungen heraus wären mindestens 3 Frauen bei dieser Mission das einzig sinnvolle gewesen.

Interessehalber habe ich mal bei Google „Interstellar feminist critique“ eingegeben und erschütternderweise habe ich auf der ersten Seite keinen einzigen Artikel gefunden, wo der Autorin dieser wirklich einzige richtig krasse Fehler in der Erzählung aufgefallen wäre.

Es wird darüber lamentiert, dass Dr. Brand irrational argumentiert, als sie (von Cooper dazu gezwungen!) erklärt, sie würde gern zu Edmonds Planet fliegen, weil sie diesen Mann liebe. Cooper und Romilly hatten genausowenig wissenschaftlich handfeste Argumente, warum es erfolgversprechender wäre, zuerst den Planeten von Dr. Mann anzufliegen. Wenn man mal die differenzfeministische Perspektive einnimmt, dass Frauen tatsächlich emotional anders agieren als Männer, lässt der Ausgang des Films aus meiner Sicht nämlich durchaus die Deutung zu, dass die weibliche Perspektive nicht irrationaler ist als die männliche. Die Männer hatten einfach nur die Statistik auf ihrer Seite (2 Planeten (Miller und Mann) auf etwa dem gleichen Gravitationsniveau gegen einen Planeten (Edmonds) auf einem anderen. Nur macht Statistik eben keine Aussage darüber, ob einer der drei Planeten *wirklich* geeignet war. Dr. Brand konnte durchaus nachvollziehen, warum Cooper und Romilly so entschieden, sie hatte schlicht neben der gleichen dünnen Faktenlage eben noch emotionale Gründe. Und diese Gründe hat sie erst in den Ring geworfen, nachdem Cooper sie dazu genötigt hat. Ich habe ihre Darstellung an keiner Stelle so empfunden, dass sie nicht in der Lage gewese wäre, die Argumente der anderen nicht nachzuvollziehen.

Eine Googelsuche im deutschsprachigen Netz zu „Interstellar Fehler“ liefert eine Reihe mehr oder weniger intelligenter Überlegungen dazu, ob Millers Planet so nahe an einem schwarzen Loch überhaupt hätte existieren können, ob die mehrstufige Rakete so überhaupt funktionieren kann und viel einfältigem rumgenerde mehr. Auch hier fällt keinem das offensichtliche auf: Es fehlen die Frauen!

Die Tatsache, dass dies sowohl den Drehbuchautoren/Regisseur/Produzenten als auch den Kritikerinnen mit dem höchsten Google Ranking nicht auffiel, erhärtet meinen Verdacht, dass diese patriachalische Männlichkeit sehr sehr viel tiefer in unseren Köpfen sitzt als uns das lieb ist. Mit mehr Frauen an Bord hätte der Film im übrigen auch den Bechdel-Test bestanden. Denn trotz zwei starker weiblicher Hauptrollen scheitert er am Kriterium „Sprechen die miteinander?“

Nochmal: Nicht aus ideologischer Überlegung heraus *müssten* mindestens 50 Prozent der Endurance-Besatzung weiblich sein, sondern aus rein biologischer Notwendigkeit. Ironischerweise diskreditieren viele Feministinnen solche Feststellungen als biologistisch ¯\_(ツ)_/¯

Edit: Ein Leser wies mich noch auf einen interessanten Artikel hin, der ebenfalls biologisch argumentiert, warum Frauen die besseren Astronautinnen sind: http://www.scotsman.com/future-scotland/tech/why-women-are-better-astronauts-than-men-1-571322

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6 Gedanken zu „Interstellar – eine biologistische und trotzdem feministische Kritik

  1. Oh, interessant. Und absolut richtig! Mich hat an dem Film so vieles andere gestört, da ist diese Unlogik irgendwie durchgerutscht.

  2. Eigentlich hätten sie auch einfach nur Frauen mit gefrorenem Sperma ins All schicken können
    Tatsächlich gibt es bis dato aber gar nicht so viele Astronautinnen https://en.m.wikipedia.org/wiki/List_of_female_astronauts
    Es könnte also auch sein, dass es nicht mehr geeignete Frauen für diese nun mal sehr schwere Mission gab. Jetzt kann man sich fragen, warum nicht mehr Frauen Astronautinnen werden? Weil man sie nicht lässt oder weil sie nicht wollen?
    Liebe Grüße,
    yacurama

  3. Aktuell gibt es ja eine Initiative, die erste deutsche Astronautin zu finden. Allerdings ist nicht so ganz klar, wie seriös das ist.
    Es gibt auch eine nette Raumzeit-folge, wo Tim pritlove Samantha cristoferetti interviewt, die erzählt, wie hart der auswahlprozess ist. Ein Grund ist sicher, dass Astronautinnen anfangs ja kampfpilotinnen waren, und da gibt es halt einfach weniger Frauen. Plus ein bias sowohl bei den Bewerberinnen als auch den Prüferinnen, vermute ich mal. Es gibt sicher keine eindimensionale Begründung dafür. Aber ein science Fiction Film muss sich ja bei aller wissenschaftlichen Genauigkeit nicht an heutigen Geschlechterverhältnissen orientieren…

  4. Du hast absolut recht. Aber der Grund dürfte ganz schlicht darin liegen, dass es wg. des Marketing andersherum (3 Frauen, 1 Mann) ungut wäre. Aufgrund des Themas ist das marketingtechnisch ein „Männerfilm“ , die Frauenrolle ist die „Quotenfrau“ für die mit kommende Freundin. Und auch Frauen sehen lieber Filme mit überwiegend männlichen Hauptdarstellern. Es gibt wenige Filme, die ausschließlich von Schauspielerinnen getragen werden. Es geht ganz einfach um Einspielergebnisse und Geld. Logik etc. bleiben da leider immer auf der Strecke. Und ja, ich finde es erschreckend, dass das in diesem Fall noch nicht einmal jemandem aufgefallen ist. Gut finde ich das nicht.

  5. Genau das ist mein Punkt: wir wollen keine Filme sehen, wo Frauen die Party rocken. Lieber ein plothole, was dann noch nichtmal auffällt. Wären es 3 Frauen, 1 Mann gewesen, wäre die Geschlechterverteilung rauf und runter diskutiert worden.

  6. „Und auch Frauen sehen lieber Filme mit überwiegend männlichen Hauptdarstellern.“

    Dafür hätte ich gerne einen Beleg, rein persönlich kann ich das nämlich nicht bestätigen. Mich langweilt es eher, immer wieder Filme mit yet another mostly male cast zu sehen.

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