Eine Geburtstagshose

Es ist seit nunmehr 3 Jahren Tradition (nach 3 Jahren kann man von Tradition sprechen, oder?), dass ich mir anlässlich meiner Geburtstagsfeier ein neues Kleidungsstück nähe. Dieses Jahr war ich allerdings etwas uninspiriert. Und als ich mich dann letzte Woche Montag doch dazu entschloss, dass ich ein neues Outfit für das Geburtstagsfrühstück am Sonntag brauche, war klar, dass es nichts aufwändiges sein konnte.

Ich hatte seit über einem Jahr eine Probehose aus kariertem Plastikstoff hier rumliegen, die ich nach meinem vor 3 Jahren erstellten Grundschnitt genäht hatte. Und ich hatte noch Stoff vom Jacket, das nicht mehr nur in meinem Kopf existiert (eigentlich ist es fertig bis auf die Ärmelsäume. Ich müsste mich nur mal aufraffen, Einlage aufzubügeln und die Handnähte zu machen) hier liegen. Also beschloss ich, dass das Jacket ein Hosenanzug werden sollte und kein Kostüm.

Bei der Anprobe der Probehose stellte ich fest, dass eigentlich recht wenig geändert werden musste.

Ich habe mittlerweile, glaube ich, verstanden, warum Hosen mir oft so schlecht passen. Neben der nicht vorhandenen Taille bzw meiner schmalen Hüfte, die die Hose nicht am runter rutschen hindert, ist es vor allem die zu kurze Schrittnaht der rückwärtigen Hose. Beim Sitzen, Bücken oder Fahrradfahren rutscht die Hose dadurch so weit nach unten, dass sie danach wie auf halb acht hängt. Und weil da keine ausgeprägte Hüfte ist, die diesem Rutschen was entgegensetzt, bin ich dann ständig am zuppeln.

Das andere Problem ist mein Hohlkreuz. Dadurch steht ein gerader Bund am Rücken, wo die Hose ja eh schon zu kurz ist, ab. Also Spaltlänge des hinteren Schnittteiles verlängert und aus Vlies einen Formbund direkt an mir zusammengesteckt. Denn mit ausmessen und konstruieren komme ich dank des Hohlkreuzes an der Stelle nicht weit.

Außerdem wollte ich gerne eine Hose mit Vintagelook, da das Jacket sich stark an Diors Bar Jacket orientiert von der Silhouette. Also fügte ich am Vorderteil noch 4 cm Breite hinzu, die ich am Bauch mit 2 kleinen Kellerfalten einhielt. Dadurch ist jetzt eine sehr bequeme weite Hose entstanden, die zwar eher in die 1920er statt den New Look der 1950er gehört, aber dass ich bekennende Eklektizistin bin, ist ja kein Geheimnis.

Der Hosenbund beschäftigte mich dann übrigens 2 Abende lang. Zuerst musste ich die Vliesteile in ein ordentliches Schnittteil übersetzen und dann musste der Bund ja an die Hose. Da es sich um einen Formbund handelt, hat man alle Schnittteile doppelt, die einmal außen und einmal innen liegen. Durch den Untertritt am Reißverschluss sind die vorderen Teile dann auch noch assymmetrisch so dass man selbst bei Stoff, der auf der Vorder- und Rückseite gleich aussieht, aufpassen muss, auf welche Seite man die Einlage aufbügelt. Zuerst wählte ich dann auch noch eine viel zu weiche Einlage. Aber gut, auf die andere Seite konnte ich ja dann immer noch die steifere Einlage aufbügeln. Allerdings schaffte ich es 3x, die Einlage auf die falsche Seite aufzubügeln. Schlussendlich schnitt ich 2 mal die Teile mit Untertritt zu und konnte so frei wählen, auf welcher Seite ich die Schnittteile an den rückwärtigen Bund annähte. Dass mich ein Hosenbund derart intellektuell überfordern würde, ist ja fast schon ein bisschen peinlich. Aber gut, das kommt halt davon, wenn man nach 8 Stunden Erwerbsarbeit und kleine Menschen versorgen danach noch dem Hobby nachgeht statt stumpf vorm Fernseher zu sitzen.

Die Verschlusslösung des Bundes ist auch noch nicht das Gelbe vom Ei. Wie kann ich verhindern, dass sich Ober- und Unterseite des Bundes so gegeneinander verschieben? Ich hab den Bund bereits knappkantig abgesteppt. Ich möchte die Haken aber nur an der Unterseite des Bundes festnähen, damit man an der Oberseite nichts vom Verschluss sieht. Bei der nächsten Hose sollte ich vielleicht nicht nur mit Untertritt sondern auch auf der rechten Seite mit einem Übertritt arbeiten. Und dann den Untertritt festknöpfen und den Übertritt mit diesen Haken befestigen?Anzug_160131-005

Auf Höhe der Abnäher hinten könnten noch so 5 mm in der Horizontalen weg denke ich.Anzug_160131-006

Den Bund innen habe ich wieder, wie schon bei der Kniebundhose mit Schrägband versäubert.wp-1454501885309.jpg

Ich kann mir nach 2 Tagen tragen sehr gut vorstellen, dass ich noch die ein oder andere Hose nach dem Schnitt nähen werde. Vor allem für den Sommer aus Leinen stelle ich die mir sehr bequem und angenehm vor.

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6 Gedanken zu „Eine Geburtstagshose

  1. Sehr schön gemacht! Die Passform ist wirklich gut. Bei der Änderung hinten für Nummer 2 stimme ich dir zu. Und beim Verschluss haben hochwertige Hosen aus leichteren Stoffen tatsächlich nochmal einen innen geknöpften Untertritt, der den Zug aufnimmt, allerdings außen auch einen Knopf, so wie bei der Hose hier: http://handmadebycarolyn.com.au/2011/04/hiking-pants.html
    (Carolyn hatte auch mal 1-2 Posts über die Konstruktion, meine ich, die ich aber gerade nicht wiederfinde. Möglicherweise hatte die Meike beim Hosen-Herbst verlinkt.)

  2. Super! Der nächste Meilenstein geschafft, Dank überwinden der abendlichen Denkblockaden (die ich nur zu gut kenne. Frag nicht, an was ich in diesem Zustand schon alles gescheitert bin… Gestern Abend erst habe ich -nach gründlichem Überlegen- dann doch die Öffnung zum Einziehen des Gummibandes in der Aussenseite des Hosenbundes gehabt).
    Zum Verschluss: Wie Lucy schon schreibt, darf kein Zug auf den Haken sein.
    Herzlichen Glückwunsch nachträglich!
    LG, Bele

  3. Auch nach persönlicher Inaugenscheinnahme kann ich sagen: Gut gelungen! Und ich finde ein beere-farbener Hosenanzug hat schon ziemlich viel Klasse, diese Kombi aus männlich konnotiertem Kleidungsstück und weiblich konnotierter Farbe! Bzgl. der Haken kann ich aus Betrachtung meiner eigenen Stoffhosen sagen: innen geknöpft und außen gehakt oder auch geknöpft (finde ich eigentlich schöner) ist relativ haltbar und verzieht sich wenig. In sehr hochwertigen Hosen hab ich zudem bemerkt, dass die Innenseite von Ober- und Untertritt mit einem längs aufgenähten Stück Ripsband versehen war, quasi als Zusatzverstärkung.
    Und an Leinenhosen musste ich auch sofort denken. Das wird super!

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