Gastbeitrag: Vom Essentialismus zum Totalitarismus – Teil 2

Was zeichnet Essentialismus und Sozialkonstruktivismus aus?

von @zusehrverkuerzt

Gestern hatte ich anhand des Beispiels von Pluto erklärt, was Definitionen, Kategorien, Deskription und Normativität im empirisch-rationalistischen Sinne ist. Ich endete mit der Behauptung, Essentialisten können die empirisch-rationale Methode nicht verstehen.

Ich möchte mit einer kleinen Abgrenzung beginnen: Es geht hier explizit nur um essentialistisch argumentierende SozialkonstruktivistInnen. Ich möchte in keinem Fall implizieren, damit alle Geisteswissenschaften in einen Topf werfen zu wollen. Ich will nirgendwo in Frage stellen, dass die hier dargestellten Fehlschlüsse nicht überall verbreitet sind. Aber unter denjenigen SozialkonstruktivistInnen, welche z.B. biologische Ergebnisse aufgrund ihrer politischen Ungehnehmheit ablehnen, oder die wie eingangs erwähnt harmlose Comics zum Hass erklären, unter diesen sind die Essentialisten dominant. Umgekehrt (wie weiter unten auch noch einmal an anderem Beispiel erklärt) will ich ja auch nicht mit allen naturwissenschaftlerInnen in einen Topf geworfen werden. Xenophobe Propaganda wie diese zum Beispiel finde ich unerträglich, und die Wissenschaft als Vehikel für solche Ängste zu verwenden empfine ich als Schande.

Warum könnte das so sein, dass die nicht-empirischen Sozialwissenschaften so sehr am Essentialismus hängen? Es ist immer schwer, darzustellen, wie die Logik einer Bewegung funktionieren soll, in welcher man eine Menge Fehlschlüsse entdeckt hat. Ich werde mir Mühe geben. Zuerst eine historische Betrachtung: Meiner Ansicht nach steht am historischen Anfang dieser Ideen ein methodisches Problem: Wenn ich nun nicht die natürliche Realität, sondern die Gesellschaft ‚verstehen‘ möchte, dann stehe ich offensichtlich vor etwas anderen methodischen Herausforderungen als die Naturwissenschaft. Man könnte behaupten, die Gesellschaft sei einfach zu komplex, um sie mit denselben Methoden zu erfassen wie die Naturwissenschaft, aber ich würde dem vehement widersprechen. Inzwischen gibt es sehr viele interessante, wiederholbare, kontrollierbare gesellschaftswissenschaftliche Experimente. Aber dem war natürlich nicht immer so, und (wie ich denke) aufgrund der gedachten Grösse und Wichtigkeit ihrer Forschung haben sich die frühen Gesellschaftswissenschaftler oft nicht damit aufgehalten, kleine Brötchen zu backen. Das ist nämlich das eigentliche Geheimnis der Naturwissenschaften: Phänomene zu *isolieren*, zu untersuchen und sie zu beschreiben, egal wie abstrakt sie auch sein mögen im Vergleich zur grossen Schönheit der Natur, welche ja auch erstmal überwältigend komplex ist, man könnte gar behaupten, komplexer als die menschliche Gesellschaftsordnung. Wenn diese Gesellschaftswissenschaftler nun also komplexe Gesellschaften beobachten (deskriptiv, u.U.), dann stellen sie schnell fest, dass einzelne Beobachtungen nicht sehr hinfreich sind, die Geschichte zu kategorisieren und zu erklären, oder gar vorherzusagen. Da also weder Wille noch Einsicht zur Durchführung ‚langweiliger‘, langwieriger, ‚unbedeutender‘ reduktionistischer Experimente zu machen, welche zum Verständnis von Zusammenhängen notwendig sind, hat man sich, ohne sich an methodischen Zweifeln aufzuhalten, daran gemacht, Fehlschlüsse zu produzieren, welche mithilfe essentialistischer Konstruktionen verschleiert wurden. Ein historisch schönes Beispiel dafür, welches immer noch katastrophal nachwirkt, ist der Idealismus. Der geht kurz gesagt so: zwei widersprüchliche Ideen/Ziele/Entitäten in der Realität  nennen wir These und Antithese, und dazwischen muss es dann eine Synthese geben, welche die Lösung/nächster Entwicklungsschritt der Menschheit ist. Dumm nur, dass es versäumt wurde, im Raum der Ideen oder ‚widersprüchlicher Realitäten‘ eine Metrik anzugeben, so dass das ganze ganz offensichtlich nie *eine* Synthese „berechenbar“ machen würde. So etwas ist natürlich logisch unmöglich. Dumm auch, das Ganze dann einfach zu behaupten, ohne anzugeben, wie die Thesen, Antithesen und Synthesen mit der Realität in Bezug stehen sollen. Und das verschleiert man am besten mithilfe des Essentialismus: Der Idee, es gäbe ein „Wesen“, ein „Sein“, ein wahres erahn- oder erfassbares Wesen der Dinge. Von diesem „Wesen“ aus lassen sich dann Tendenzen implizieren, welche aufgrund ihrer Verquickung mit der Definition nicht mehr getrennt hinterfragt werden, und so lässt sich dann eine Synthese aus These und Antithese konstruieren, ohne das man (selbst) merkt, dass alle synthetischen Annahmen über Metrik, These, Antithese und Synthese in der angenommenen definierten Wesenheit der Ideen und Dinge versteckt hat. Ein Junge bzw ein Mädchen ist in diesem Denken keine reine Kathegorisierung eines XY oder XX-genetischen jungen Menschen mit bestimmten typischen primären Geschlechtsmerkmalen, sondern die Bezeichnung ‚Junge‘ ist eine Aussage über sein Wesen. Es ist an dieser Stelle wichtig, dass die Sozialkonstruktivisten es für ihre grandiose Leistung halten, diese Wesenheit von zu engen Vorstellungen über den *Inhalt* dieser Wesenheit befreit zu haben (ich neige daher dazu, sie ‚reformierte Essentialisten‘ zu nennen, oder vielleicht besser gar ‚doppelt reformierte Essentialisten‘, in dem Fall, dass wir schon die historischen Materialisten als einfach reformierte essentialistische Idealisten betrachten). Sie haben sich mit der Öffnung des Inhalts in Bezug auf die Wesenheit der Menschen aber gleichzeitig *nicht* von der Methodik entfernt, und das ist der Grund des ganzen Dramas, um das es hier geht. Deshalb weisen sie es auch weit von sich, Essentialisten zu sein: Der Inhalt ihrer Aussagen über die Menschen wurde von ihnen von einfachen Zuschreibungen befreit, darauf sind sie mächtig stolz. Ihre Methodik bleibt aber die gleiche. Es ist weiter wichtig zu beachten, dass es (jedenfalls für mich) zwar vollkommen lächerlich erscheinen mag, dass eine Definition eine Aussage über das Sein oder das Wesen beinhaltet, aber machen wir uns nichts vor: Diese Philosophie hat von Hegel über Marx, und in Form der Seinsfixiertheit Existenzphilosophen über Heidegger und Co, das komplette 20. Jahrhundert versaut beeinflusst.

Das war nun also die historische Abhandlung über die Gründe für die Idee, eine Definition könnte Information beinhalten. Es gibt natürlich (aus offensichtlichem Grund) keinen  logischen Grund für diesen Fehlschluss, aber eine weitere wichtige Motivation: Es liegt meist ein sprachanalytischer Fehlschluss vor: Wenn man Sprache a priori (und das mit dem a priori ist hier sehr wichtig) als künstlich und abstrakt denk- und benutzbar betrachtet, ohne Bezug auf die intersubjektive Beobachtung, dann gibt es den oben umrissenen experimentellen Ausweg aus der Zirkelschlüssigkeit der Definitionen nicht. Also muss es dann Elemente der Sprache geben, welche eine Wesenheit der Dinge, der Lebewesen, der Geselschaft, der Ideen wesenhaft direkt erfassen. Das ist dann halt Essentialismus. Das ist natürlich ein sehr offensichtlicher Fehler, aber er passiert offenbar leicht.

Ich würde das hier, nach dem gestrigen Blogpost, doch gerne noch einmal weiter ausführen. Es gab 3 Interaktionen mit Bezugnahme auf den gestrigen post, davon 2, die man als Diskussion bezeichnen könnte. Alle drehten sich interessanterweise hauptsächlich um die Interpretation der Bedeutung von Sprache. das verwundert nicht, denn meine Hypothese ist ja wesentlich, dass das fehlenden Verständnis derintersubjektiven Informationsübergabe durch Sprache ein wesentlicher Grund für die Verbreitung des Essentialismus ist. Daher hier noch einmal ein Beispiel: Es wurde in der Diskussion behauptet (ich versuche, das richtig wiederzugeben), dass wesensbehaftete Definitionen für die Naturwissenschaft notwendig seien. Denn „gross“ und „klein“ seien nicht anders erfassbar als durch Definitionen. Das ist klarerweise falsch. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Eine Person X spricht kein Deutsch und kennt die Bedeutung des Wortes „länger“ nicht. Person Y kennt „länger“, spricht die Sprache von Person X nicht, kann aber Experimente durchführen. Also wird so lange anhand von Beobachtungen geprobt, bis Person X immer dann dem Basissatz „Dieses A ist länger als dieses B“ zustimmt, wenn auch Y es tut. So wurde experimentell die Bedeutung von „länger“ vermittelt. Person X kann nun zuversichtlich, aber nicht absolut sicher sein, „länger“ „richtig“ verstanden zu haben. Doch was heisst „richtig“? Einfach nur, dass die Auswirkungen der Definition, die X verwendet, die gleichen sind, die auch Y verwendet (und vielleicht noch viele andere, da wir uns immer wieder gegenseitig experimentell und unbewusst unsere Definitionen abgleichen). Esist nun auch klar, dass sich durch einfache Vergleiche nun auch „gross“ und „klein“ intersubjektiv und ohne Essentialismus übertragen lassen.

Ich möchte noch ein anderes Beispiel verwenden: Farben. Ich kann nicht wissen, ob eine andere Person beim betrachten einer farbigen Fläche „wirklich“ das gleiche sieht wie ich. Rot sieht für mich halt rot aus, aber unabhängig von allen kulturellen Assoziationen (Wärme, Feuer, Liebe) kann ich natürlich nie sicher sein, dass jemand anderes „das gleiche“ sieht, ob er oder sie das gleiche Wesen der Farbe Rot erfasst. Das ist wirklich irritierend, auch für mich. Aber für die wissenschaftliche Methode ist es vollkommen irrelevant. Wichtig ist nur, dass wir diegleichen Beobachtungen mit „Rot“ verknüpfen. Und das ist experimentell überprüfbar und auch *nur* experimentell erlernbar. Nicht rot-grün blinde Kinder sagen halt ein paar mal „Grün“ zur Farbe des Feuerwehrautos, und irgendwann haben sie es sich dann gemerkt. Wir sehen an diesem Beispiel, dass der Schluss naheliegt, dass wir Menschen aufgrund der biologischen Konstritution unserer Wahrnehmung ’naive Essentialisten‘ sind, genauso wie wir auch ’naive Realisten‘ sind und ’naive Bayesianer‘. Und genau deshalb, weil wir tief in uns wollen, dass das Gegenüber das Wesen unserer Empfindungen versteht (auch wenn das streng logisch gar nicht geht, ja sogar das „Wesen“ wahrscheinlich noch nie vernünftig gefasst wurde), genau deshalb ist es so schwer, den Essentialismus trotz seiner offensichtlichen Fehlschlüssigkeit zu beenden.

Ich denke, es ist unbestreitbar, dass die typische Argumentationslinie der (starken) Sozialkonstruktivisten essentialistisch ist: „Die Gesellschaft IST ein Ergebnis einer sozialen Konstruktion“ ist für sie a priori wahr und nicht hinterfragbar (lustige Beispiele dafür auch im Originalton in Harald Eias „Brainwash: The Gender Equality Paradox“). Derartige Beispiele finden sich überall, in einem wahnsinnig lustigen Text versucht sich Bruno Latour sogar an Einstein mit derartigen „Argumenten“. Es gibt für diesen inhärenten Essentialismus viele andere Beispiele: „Blackfacing ist rassistisch“, „DefMa abzulehnen ist antifeministisch“, „Kapitalismus ist asozial“, und dies abzulehnen, ist Hass.

Es ist also für die Essentialisten das Wesen des Sozialen, dass es von Menschen gemacht, also konstruiert ist. Damit sind wir wieder bei dem zentralen Satz aus dem Erkenntnisgewinn-Post aber diesmal anders geklammert: „Darin spiegelt sich eine zunehmend antiintellektuelle, ja autoritäre Geisteshaltung, die sich weigert, [] Gesellschaft als immerwährenden Prozess von Aushandlungen zu verstehen.“ In Schutzbachs Denken ist es eine autoritäre (Achtung, implizite Wertung!) Verletzung der Freiheit zur Konstruktion der gesellschaftlichen Realität, sich ihrer a priori getroffenen Behauptung nicht anzuschliessen. Gesellschaft ist in ihrer Wesenheit im sozialkonstruktivistischen Denken aushandelbar, und zwar vollkommen. das liegt ja in ihrem Wesen. Deshalb heissen diese Leute schliesslich Sozialkonstruktivisten. Und daran ändert auch ihre angebliche Selbstdekonstruktion nichts. Dieser Startpunkt ist genauso offenbar essentialistisch wie dogmatisch. Deshalb kann in ihrem Denken der Inhalt der Gesellschaft, also soziale Bezüge wie die Rolle von Mann und Frau, a priori vollkommen unabhängig von der biologischen Konstitution konstruiert, also auch verändert werden. Und ich denke, an diesem Zitat sieht man endlich, warum es mir so wichtig ist, darauf hinzuweisen, warum ich das Grundproblem im Essentialimus sehe: Wären sie einfach „nur“ Sozialkonstruktivisten, aber mit naturwissenschaftlicher Methodik, dann könnte die legitime (aber tendenziell eher nicht zutreffende, sicher nicht in ihrer starken Form) Aussage „Meine Hypothese ist, dass das Verhalten von Jungen und Mädchen nur/dominant gesellschaftlich beeinflusst ist und nicht/untergeordnet durch biologische Faktoren“ als einfache falsifizierbare testbare Hypothese aufgefasst werden. Diese Hypothese ist an sich, wenn man sie nicht essentialistisch versteht und zum Dogma erhebt, also reine synthetische Hypothese ja auch vollkommen unproblematisch (wenn auch ijn ihrer strengen Form klarerweise wissenschaftlich widerlegt). Man kann dann sozialwissenschaftliche und biologische und psychologische Experimente machen, um zu versuchen, diese These zu testen. Wenn es nur das wäre, dann gäbe es keinen Grund, über Menschen herzufallen, die anderer Meinung sind als die Sozialkonstruktivisten. Man würde Experimente machen, und sie diskutieren, und sehen, ob das Statement funktioniert oder nicht. Und nicht auf die abstruse Idee kommen, es als Frauenhass darzustellen, wenn man darüber nachdenkt, wie groß der Gender Pay Gap ist, oder darüber, dass es Experimente gibt, die zeigen, wie unser Verhalten genetisch und hormonell beeinflussbar ist. Das als Frauenhass zu bezeichnen, das ist totalitär, und es ist eine direkte Folge der essentialistischen Methodik. Die Aussage „Menschen unterliegen in ihrem Verhalten nicht nur konstruierten kulturellen Einflüssen, sondern auch im Mittel je nach Geschlecht unterschiedlichen (teilweise periodischen) biologischen Einflüssen in Form ihrer Instinkte/in Form hormoneller Beeinflussungen.“ untergräbt aus Sicht der Essentialisten das Wesen der Gleichheit der Geschlechter. Sie können die Aussage über die Beobachtung der Realität nicht von der Aussage über das gesellschaftliche Ziel der gleichen Freiheit und Entfaltung aller Menschen denken — beides ist für sie wesenshaft miteinander verbunden. Daher begreifen sie eine deskriptive Tatsachenbehauptung als normative Abwertung. das bezeichnen sie dann als Hass.

Ich möchte noch einnmal betonen, dass ich mich hier nur auf essentialistisch argumentierende Sozialwissenschaftler oder Agitatoren beziehe. Diese gibt es unbezweifelbar in großer Zahl. Natürlich gibt es Beispiele für wissenschaftlich arbeitende SozialwissenschaftlerInnen, die meine ich hier aber nicht. Sondern genau die, welche jede Aussage, jedes Ergebnis als patriarchal/hegemonial/wie auch immer politisch ablehnen, das ihrer Essenz nicht in den Kram passt. Oder halt Naturwissenschaften einfach nicht verstehen und daher meinen, das sei halt nur so unreflektierte Projektion patriarchaler und cissexistischer Vorstellungen auf die Natur.

Dies ist die zentrale Aussage dieses Posts: Das Problem des Sozialkonstruktivismus, des Essentialismus, des Totalitarismus hat eine methodische Grundlage. Aufgrund dieser methodischen Grundlage zerstören die Essentialisten die Freiheit des Individuums, wo immer sie an die Macht kommen. Selbst wenn sie dabei manchmal die humanistischsten Ziele haben mögen. Denn in ihrem Denken verbieten sich alle Aussagen qua Definition, welche ihren willkürlichen a priori getroffenen normativen Definitionen widersprechen. Wer, wie oben beschrieben, ihre Definition der absoluten Gleichheit der Geschlechter auf naturwissenschaftlicher Grundlage deskriptiv hinterfragt, begeht in ihren Augen einen normativen, moralisch zu verurteilenden Fehler, der geahndet werden muss. Das Ende der Freiheit, auch wenn sie selbst oft behaupten, dass ihnen Freiheit am Herzen liegt.

Aber weiter: Eben weil die Sozialkonstruktivisten Essentialisten sind, ist die Weigerung, ihre wesenhafte Wahrheit „das Verhalten von Jungen und Mädchen ist gesellschaftlich beeinflusst ist und nicht durch biologische Faktoren bestimmt“ anzuerkennen, für sie ein Angriff auf die wesenhafte Wahrheit, welche sie glauben, selbst entdeckt zu haben: Dass die „wesenhaften“ Beschreibungen von Jungen und Mädchen (an der sie festhalten) keine absolue Aussage über deren Verhalten und Rolle in der Gesellschaft machen. Denn darauf fußt ja das ihrige Modell der Gleichberechtigung: Jungen und Mädchen und alles dazwischen sind gleichwertig (haben die Sozialkonstruktivisten revolutionär erkannt!!! Wäre niemand sonst drauf gekommen!), also auch wesenhaft gleich in ihrem gesellschaftlichen Potential. Wenn man nun die biologische Realität anerkennt, dass man experimentell Unterschiede im *mittleren* Verhalten/Denken/Hormonhaushalt/etc von Männern/Frauen, Cis/Trans, Homo/Hetero feststellen kann, die sich nicht einfach durch gesellschaftliche Strukturen erklären lassen (z.B. Simon Baron Cohen – Vom ersten Tag an anders, Karl Grammer – Signale der Liebe), so ist das für die Essentialisten ein Angriff auf ihre moralische, also normativ belastete Aussage „Jungen und Mädchen und alles dazwischen sind wesenhaft gleich in ihrem gesellschaftlichen Potential“. Ihre normative, moralische Aussage der Gleichwertigkeit aller Geschlechter fusst auf einer essentialistischen Aussage über ihre gleiche gesellschaftliche Wesenheit. Für den empirisch-rational denkenden Menschen stellt sich das ganz anders dar, sie/er/es kann den Furor der Essentialisten nicht verstehen: die Experimente über die biologischen Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen mögen ob der Verquickung von Kultur und Biologie methodisch komplex sein (auch wenn es inzwischen schon interessante solche an eintägigen Kindern gibt), aber egal, was dabei herauskommt, an der Möglichkeit der Gleichwertigkeit aller Geschlechter ändern diese Experimente nichts: Die deskriptive Aussage über Ergebnis und Interpretation der Ergebnisse der biologischen/psychologischen Experimente ist für den/die/es empirischen Rationalisten komplett entkoppelt von der möglichen normativen *Entscheidung*, allen vielen Geschlechtern gleiche Rechte und Pflichten einzuräumen und auf ihre gleichmässigen Chancen zur Teilhabe an allen gesellschaftlichen Rollen hinzuarbeiten.

Es soll an dieser Stelle natürlich auch darauf hingewiesen werden, dass der empirische Rationalismus, eben weil er nicht totalitär ist, keine Anspruch auf eine Verknüpfung zwischen wissenschaftlicher Methode und gesellschaftlichen Normen und Zielen erhebt. Oder mit einfachen Worten: ein methodisch fähiger empirischer Rationalist zu sein macht einen Menschen nicht „gut“. Fälle wie die des Astronomen Geoff Marcy kommen vor, in denen kritisches wissenschaftliches Denken auf gesellschaftlich normativ inakzeptabes Verhalten trifft, welches einen fähigen Wissenschaftler insofern diskreditiert, als dass er als Professor und Leiter eine Arbeitsgruppe untragbar ist. Der Essentialist kann diese Unterscheidung nicht treffen: Gute Sozialwissenschaft ist seiner Interpretation nach wesenhaft gut, und daher im totalen Einklang mit seinen geselschaftlichen Zielen. Sozialwissenschaftler, die nicht seiner *politischen* Strömung angehören, sind automatisch autoritäre Feinde der Wahrheit.

Hier erkennt man dann auch schön die Verknüpfung des Essentialismus mit dem Totalitarismus: Alles, was z.B. der Gleichstellung der Geschlechter entgegen steht, *muss* aus Sicht des Essentialisten beseitigt werden: Also z.B. auch der Kapitalismus, denn da sind ja Männer an der Macht. Eine Feministin, die sich als bürgerliche Kapitalistin verordnet, kann es aufgrund der für den Essentialisten wesenhaften Verknüpfung des Kapitals mit dem Patriarchat nicht geben. Und hier sehe ich das grösste Potential des Essentialismus, unsere liberale Gesellschaft (uh, „liberal“, welch Schimpfwort!) wirklich ernsthaft zu beschädigen: Durch Beschädigung der politischen Debatte und durch Impfung totalitärer Argumentationsmuster. Deshalb halte ich es so wichtig, sich dagegen zu wehren. Aber ich z.B. darf das nicht, ich bin ein weißer Mann, ein empirischer Rationalist, ein Anhänger des aufgeklärten Liberalismus, verheiratet, mit Kindern, habe ein überdurchschnittliches Einkommen, bin ein Naturwissenschaftler, und (methodisch in experimenteller Kenntnis des Fehlens eines flexibleren funktionierenden Systems, nicht ideologisch) ein Anhänger der kapitalistischen sozialen Marktwirtschaft. Und ein vehementer Verfechter der Vereinigten Staaten von Europa auf Basis der EU. Jedes einzelne dieser Merkmale disqualifiziert meine Meinung aus der totalitären Sicht des Essentialisten, denn ich bin in *jeder* dieser Kategorien Profiteur der Strukturen, welche er/sie aufgrund ihrer Wesenhaftigkeit als Grund der Unterdrückung der Frau/der POC/Trans ausgemacht hat. Und im Zweifel bin ich offenbar noch dazu ein arroganter Arsch. Mit so jemand wie mir diskutiert man/frau/x nicht. Dass ich z.B. für die Abschaffung Deutschlands bin (natürlich anders, als die Sozialkonstruktivisten das wollen), dass ich 50% der Carearbeit leiste, dass ich dem Arbeitsort meiner Partnerin hinterhergezogen bin, aufgrund der Arbeit meiner Partnerin 10 Monate quasi alleinerziehender Vater war, dass ich nun wirklich nicht konservativ bin, dass ich leider seit langem aus gesellschaftlichen Gründen eine mehrheitlich wissenschaftsfeindliche Partei wähle, nun ja, das ist alles zweitrangig dabei, mich aufgrund meines Wesens, nicht aufgrund meiner Ziele und Handlungen, als Teil des Problems der Unterdrückung der Frau zu sehen. Es ist für die Essentialisten eben eine Frage der Definitionsmacht, zu definieren, also für sie zu werten, dass ich wesenshaft ein patriarchaler Materialist *bin*, dessen „Meinung“ hier nicht zählen darf.

Ganz zum Schluss noch eine Idee, nur als Einstieg in eine Diskussion: Falls ein/e LeserIn nun sagen möchte „aber die SozialkonstruktivistInnen sind gar nicht so“, dann schlage ich folgendes Experiment vor: Einfach die Comics von @erzaehlmirnix anschauen. Wenn Sie als LeserIn zu dem Schluss kommen, dass diese nicht Frauenhass transportieren, Rassistisch sind, etc, sondern inhaltliche Auseinandersetzungen mit eben diesen Themen darstellen (denen man zustimmen kann oder halt nicht), dann brauchen Sie sich nicht angesprochen und angegriffen fühlen. Gleichzeitig sollte dann aber auch klar sein, dass nicht geleugnet werden kann, dass es sehr viele Menschen gibt, die mit den hier dargestellten sozialkonstruktivistischen essentialistischen Argumenten versuchen, inhaltliche Debatten als Hass oder sogenannte *ismen zu brandmarken und damit zu unterbinden. Und das ist gefährlich für eine freie Gesellschaft.

Morgen geht es dann weiter mit ein paar weiteren Beispielen, warum die essentialistische Logik in der Praxis zwangsläufig in totalitären Tendenzen mündet.

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34 Gedanken zu „Gastbeitrag: Vom Essentialismus zum Totalitarismus – Teil 2

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  2. „Es ist also für die Essentialisten das Wesen des Sozialen, dass es von Menschen gemacht, also konstruiert ist.“

    Sehr interessant.

    Der Essentialismus liegt hier also nicht darin, dass Mann und Frau bestimmte essentielle Eigenschaften haben, die zB eine biologische Grundlage haben konnten und insoweit der sozialen Konstruktion entzogen sind, sondern darin, dass sie zwingend veränderbar sind.

    Essential ist, dass sie keine essentiale soziale Eigenschaft neben der Nichtessentialität haben.

    Ich hatte zum Gleichheitsfeminismus als Sozialkostruktivismus mal geschrieben:

    https://allesevolution.wordpress.com/2011/09/02/essentialismus-und-die-geschlechterdebatte/

    Gleichheitsfeministen gehen von einer Essenz Mensch aus, die dann durch kultur gestaltet wird und lehnen Geschlechtsmerkmale als Essentiell ab. Sie vertreten allerdings bezüglich dieser Kultur einen gewissen Essentialismus.Sie vertreten teilweise einen gewissen Essentialismus bezüglich der Vergangenheit (Männer und Frauen waren immer so wie sie sind, es gibt im Mainstreamfeminimus keine Betrachtungen, die vor dem modernen Menschen einsetzen).

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  4. @koneu

    in gewisser Weise läuft es oft darauf hinaus. Ich weiss jetzt nicht, wie ironisch Du Deine Aussage meinst, aber ich würde sagen, ich ignoriere die mögliche Ironie für den ersten Teil der Antwort.

    Totalitär wird meist so verwendet, dass eine Weltsicht alles durchdringt. das liegt bei Essentialismus auf der Hand, daher neigt er dazu, Totatiltáre Gedankenmuster hervorzubringen. Denn z.B. das Wesen des Kapitalismus ist seiner Meinung nach asozial, patriarchal und kolonial. Es ist dann vollkommen irrelevant, ob es Möglichkeiten gibt, das Organisationsprinzip Kapitalismus so zu strukturieren, dass es auch für weniger wohlhabende Schichten mehr Wohlstand generiert als ein (wie das historische Beispiel zeigt) Alternativsystem, dass es inklusive ist und dass es global gerechter ist (auch das historisch belegt) als Alternativsysteme. Das ist leider z.B. beim Queerfeminismus evident: Feministinnen MÜSSEN antikapitalistisch und antirassistisch sein, sonst können sie keine Feministinnen sein. Dass diese 3 Kategorien logisch nichts miteinander zu tun haben — egal.

    Nun, ich könnte mir vorstellen, dass Dir obige Beschreibung egal ist, denn in einer potentiell unterkomplexen Analyse hast Du eventuell den Eindruck, das, was ich sagte, sei totalitär. Es ist Dir dann eventuell entgangen, dass ich 1.) niemanden als Rassistin herabwürdigen möchte, nur weil sie ein paar Fragen stellt, 2.) niemand herabwürdigen möchte, weil er oder sie anderer Meinung ist als ich, und vor allem explizit darauf hingewiesen habe, dass in einer nicht-totalitären epistemologischen Methode wie der von mir vorgestellten jede/r die Freiheit hat, Meinungen zu verfolgen, die ich schlecht finde. Wie Herr Münkler, Herr Kutschera, wie Herr Hunt, zum Beispiel. Im essentialistischen Sozialkonstruktivismus ist das nicht möglich: politische Gegner des Sozialkonstruktivismus sind aus Sicht der SozialkonstruktivistInnen automatisch Feinde der Freiheit, wie z.B. Herr Münkler. Oder sie sind Bürger*****, wie eine prominente Netzfeministin. Wer hier keine Asymmetrie erkennt, dem ist nicht zu helfen. Des Weiteren sei darauf hingewiesen, dass hier nicht propagiert wurde, dass es neben den Naturwissenschaften nichts geben dürfte (diese unterkomplexe Argumentation scheint aus einer möglichen nonmention auf twitter). Es wurde nur behauptet, dass offensichtlich fehlschlüssige Denkschulen, welche essentialistisch arbeiten, offen die Naturwissenschaften angreifen, und selbst hochgradig problematisch sind. Aber wahrscheinlich hast Du Deinen Kommtentar ja nicht derart unterkomplex gemeint, dies nur der Vollständigkeit halber.

  5. Ich empfinde ja sowas wie eine morbide Faszination für die merkwürdige Einstellung, eine faktenbasierte Überprüfung von irgendwas sei ein Angriff auf die durch das irgendwas unterlegte (aber ja u.U. auch vollkommen anders begründbare) normative Schlussfolgerung. Es ist so seltsam von hinten durch die Stirn ins Auge.
    Aber egal. Ich teile vermutlich deine Einschätzung bzgl. sozialwissenschaftlicher Experimente nicht völlig- ich weiß aber möglicherweise nicht en detail genug über die von dir angesprochenen Experimente. Im Kern finde ich aber das bloße Argument „wir können oder wollen die Realität nicht auf ein Experiment herunterbrechen, deshalb sehen wir jeden Versuch einer empirischen Analyse als Nonsense an.“ selbst unter der Annahme, dass Experimente tatsächlich nicht möglich/vertretbar/aussagekräftig sind immernoch schwachsinnig. Denn es gäbe ja zwischen Experiment und Definition noch ca. 200 Zwischenschritte der Wahrheitsfindung, die dann vielleicht nur eingeschränkt anwendbar und aussagekräftig, aber dennoch sehr viel faktengeleiteter sind als einfaches postulieren. Und es zählt auch nicht zu sagen „ja aber damals, als wir unsere Betrachtung als Philosophen begannen gab es noch keine computergestützte Datenauswertung.“ Denn unter den bösen kapitalistischen Sozialphilosophen gab es seit dem 18.Jh Ansätze Daten zu erheben und daraus neutrale Rückschlüsse zu ziehen, Beispiele sind Montesquieu, Weber, Smith, Keynes. Die alle faktenbasiert, z.T. durch Referenzgruppenvergleich o.ä. argumentieren. Meine Vermutung: Experiment und Definition sind jeweils relativ „rein“, sie führen zu relativ klaren Aussagen. Demgegenüber würde alles dazwischen immer nur zu relativistischen Aussagen führen „gegeben der Datenlage“, „gegeben dass die Stichprobe repräsentativ für die Grundgesamtheit ist“, „unter der Maßgabe, dass keine omitted variable vorliegt“, … das ist vermutlich unbequemer.

  6. Damit ich ein etwas genaueres Bild von dem bekomme, was Du da so schilderst, kannst Du bitte etwas mehr Empirie und Daten dazu liefern? Aus Deinen Beschreibungen kann ich nämlich nur wenig von dem erkennen, was die Phänomene und Verhaltensweisen genau sein sollen, die Du da beschreibst und wo ich sie finde.

  7. @siebenhundertsachen

    ich glaube, wir verstehen uns da ganz gut. Ich wollte auch nicht von allen Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern des 18. und 19. Jhds sprechen, sondern von genau denen, welche zum Erblühen des Essentialismus im Idealismus führten, darüber auch zum historischen Materialismus, und den damit verbundenen bis heute nachwirkenden fehlschlüssigen Theorien.

  8. @koneu

    Jetzt bin ich etwas unsicher, was Du meinst… Du möchtest zur Entwicklung der Quantenmechanik, zur Entwicklung der speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie, der Vereinigung der speziellen Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik in der 2. Quantisierung, zum Standardmodell der Teilchenphysik und zu alternativen Theorien, zum LHC, dem Higgs und der Suche nach einer Teilchenerklärung für die dunkle Materie etwas mehr konkrete Empirie und Daten? Ich empfehle

    http://inspirehep.net

    Da sind sie alle Originalveröffentlichungen frei zugänglich, jedenfalls die moderneren. Aber das ist es wahrscheinlich nicht, was Du wolltest. Vielleicht wolltest Du ein gutes populärwissenschaftliches Buch darüber? Wie wäre es mit

    R. Feynman: QED: The Strange Theory of Light and Matter ISBN 9781400847464
    S. Weinberg: Der Traum von der Einheit des Universums. Bertelsmann, München 1993, ISBN 3-570-02128-9
    J. Butterworth: Smashing Physics, ISBN 978-1472210302

    Oder eher ein Lehrbuch?

    M. Thomson: Modern particle physics ISBN 978-1107034266
    D. Griffiths: Introduction to Elementary Particles ISBN 978-3527406012

  9. @koneu

    Mist, ich hab eventuell die Antworten verwechselt… ich versuche noch einmal nachzuvollziehen, worauf Du Dich beziehst, einen Moment…

  10. Ach. In Deinem Text geht es um Quantenmechanik und Relativitätstheorie? kein Wunder, dass ich auf so verlorenem Posten stand. Ich hatte schon gedacht, dass Du in einer seltsamen, nicht gut getrennten Weise über einerseits politische Programme und wissenschaftliche Konzepte, andererseits über Verhaltensweisen auf Online-Plattformen Gedanken formulierst. Aber schön, dass Du das aufklärst. Mein Interesse an Physik ist derzeit nicht so ausgeprägt, aus der Diskussion klinke ich mich dann aus.

  11. @koneu
    also, jetzt nochmal… sorry für die Verwechslung…
    Ich nehme an, Du fragst nach Julia Seeliger als Beispiel einer von vielen Netzfeministinnen, die eine andere (die hier ungenannt bleiben soll) als Bürger***** bezeichnet, weil sie die totalitäre Verknüpfung aus linksextrem, sozialkonstruktivistisch und feministisch nicht mitmacht. Oder nach allen vielen Vertretern des Definitionsmachtskonzepts, das inhärent totalitär ist. Oder nach Münklerwatch, das sollte ja hinreichend bekannt sein. Ich glaube auch nicht, dass ich mit Herrn Münkler in allem politisch übereinstimmen würde, aber das hat nichts damit zu tun, denn dazu ist eine Universität da: in einen inhaltlichen Austausch zu kommen. Ihm anonym *ismen aller Art zu unterstellen, und zwar mit der üblichen hier *im Detail* dargestellten essentialistischen Logik, ist keine irgendwie politisch freie Auseinandersetzung mit der Frage, ob z.B. Deutschland sich mehr militärisch engagieren sollte, oder wofür sie ihn gerade wieder als *ist bezeichnen. Oder nach dem tollen Firm von Harald Eia, wo typische VertreterInnen der Gendertheorie ihre Dogmen frei offenbaren.
    Zum Thema der totalitären Kapitalismuskritik gibt es genügend tolle Beispiele. Lustigerweise, wenn ich das hier noch anmerken kann, betrachten diese den Kapitalismus typischerweise als totalitär. Das wäre zutreffend, würde er nicht nur ein Organisationsprinzip darstellen, sondern gleichzeitig Massstab allen politischen Handelns sein. Es gibt Leute die das wollen, ich nenne sie Vulgärliberale. Glücklicherweise ist das (noch) nicht der Fall: Die Konstruktion der EU z.B. ist eine Chance, Handlungsoptionen zu erhalten, die in viel zu kleinen Nationalstaaten (wie D) faktisch verloren gehen. Deshalb ist er Furor der Sozialkonstruktivsten gegen die EU so ein ironisches Drama, links dazu gibts im morgigen post. Dazu gibt es eine ganze Vielzahl von Bereichen des öffentlichen Lebens, welches per solidarprinzip vom Kapitalismus ausgeklammert ist: Forschung und Kunst, Bildung für Kinder und Jugendliche, Krankenversicherung usw. Noch dazu sind glücklicherweise auch die Bedingungen der Arbeit durch Arbeitsrecht, Recht auf Bildung einer Gewerkschaft und Arbeitskampf, etc, hochgradig gesellschaftlich reglementiert. Und das ist gut so, sonst wäre der Kapitalismus unter Umständen selbst totalitär. Zurück zu den Beispielen:
    “Der absurde Selbstzweck der totalitären Waren- und Geldform selbst ist das Problem, während die ‚gerechte Verteilung‘ innerhalb dieser Form den Systemgesetzen und damit den systemischen Restriktionen unterworfen bleibt, also eine bloße Illusion ist. (…) [N]icht die Abschöpfung des abstrakten Reichtums in der unaufgehobenen Geldform ist das entscheidende Problem, sondern diese Form selbst.” http://www.kritisch-lesen.de/rezension/nach-der-dekonstruktion
    ist reiner Essentialismus. Die unbestreitbare Tatsache, dass ein in einen gesellschaftlichen Rahmen eingebetteter Kapitalismus (als Organisationsform, nicht als politisches Prinzip) über mehr als 100 Jahre hinweg in den westlichen Gesellschaften mehr Wohlstand und Teilhabe für den allergrößten Teil der Bevölkerung erbracht hat (und auch objektiv jetzt noch erbringt, sieht man sich das Elend an, das konkurrierende Modelle hinterlassen haben, und sieht man den unbeschreiblichen Fortschritt an Wohlstand in gegenwärtigen politisch totalitären aufsrtebenden Staaten, in denen der Kapitalismus zum Vehikel politischer Freiheit werden wird), wird rein essentialistisch gar nicht zugelassen.

  12. @koneu

    schön, dass Du, nachdem ich mich für die Verwechslung (3 Diskussionen unter 3 posts gleichzeitig) entschuldigte, den billigen Ausgang gewählt hast. Passt. NICHT.

  13. Lass es uns an dieser Stelle abbrechen, bevor die Diskussion noch unerfreulicher wird. Ich bin an vielen Stellen weder mit Deinen Thesen, noch mit Deinen Schlussfolgerungen einverstanden; finde, dass Du an einigen Stellen zumindest in der Darstellung hier unredlich argumentierst, mir fehlt aber sowohl die Zeit als auch die Energie, das im Detail auseinanderzunehmen. Ich habe schon erwähnt: ich finde, dass Du in ziemlich unterkomplexer Weise Dinge vermengst, die in meinen Augen einer Differenzierung bedürfen und Du verallgemeinerst Verhaltensweisen und schaffst damit Strohmänner, die zu bekämpfen sicher lustvoll, aber von nur wenig intellektuellem Nährwert ist.

  14. @koneu

    Kein Grund, das abzubrechen. Ich habe nur von Dir noch nichts gehört, was Du darüber denkst?

  15. Ich verstehe das wirklich nicht… ich liefere auf Verlangen in 3 Diskussionen ein Beispiel nach dem anderen, und zurück kommt ‚ich finde das unterkomplex, aber ich habe gerade keine Zeit und Energie‘. Wenn ich z.B. meine Wissenschaft auch nur partiell so betreiben würde, dann käme da in der Tat Schrott raus. Aber wenn ich auf diese Asymmetrie hinweise, ist das sicher ‚unfreundlich‘.

  16. @koneu: ich sagte es heute morgen bereits: dein Beitrag zur „Diskussion“ war bis jetzt: suggestivfragen stellen. Die führen in der tat zu nix. Auf die ersten beiden (Pluto und Totalitarismus) gab es von verschiedenen! Kommentatorinnen ausführliche Erklärungen, die ernsthaft auf die suggestivfragen eingegangen sind. Anstatt auf diese antworten einzugehen, einfach weiter mit suggestivfragen zu machen führt in der tat zu nichts. Das kann man dann aber nicht denen zum Vorwurf machen, die auf deine fragen antworten.

  17. @zusehrverkürzt

    Entschuldige, dass ich hier rumkritteln muss, aber dieser Gedankengang ist leider falsch, der die Möglichkeit einräumt, „Kapitalismus“ könnte „totalitär“ sein:

    aus einem post oben:
    „Noch dazu sind glücklicherweise auch die Bedingungen der Arbeit durch Arbeitsrecht, Recht auf Bildung einer Gewerkschaft und Arbeitskampf, etc, hochgradig gesellschaftlich reglementiert. Und das ist gut so, sonst wäre der Kapitalismus unter Umständen selbst totalitär.“

    Totalitär kann nur eine menschliche Herrschaftsform genannt werden. Die Herrschaft des Gesetzes, die total und universell ist, hingegen niemals. Ebensowenig die „Herrschaft des Geldes“, der Kapitalismus. Weil auch diese Herrschaft die Gleichheit vor dem Geld, dem „Kapital“ impliziert, (analog Gesetz) und damit zwar eine totale Herrschaft ist, aber vor der alle Menschen gleich behandelt werden.

    Während bei der totalitären Herrschaft die Menschen willkürlich verschieden behandelt werden.

    Das schreibe ich nur, um darauf hinzuweisen, dass auch die Verleumdung des Kapitalismus als „schlecht“ genau wie andere irrationale, essentialistische Haltungen nur darauf abzielen, die Freiheit einzuschränken, zweck politischer Kontrolle und womöglich in einen neuen Totalitarismus hinauslaufen.

    —-
    Den Sozialkonstruktivismus als Essentialismus eingeordnet zu haben, ist sicherlich sehr treffend in dem Blogpost von @ING darlegt.
    Das Witzige ist aber, dass er vordergründig als „Anti-Essentialismus“ daherkommt, indem er behauptet, die Welt liesse sich auch in ihr Gegenteil verkehren — wenn man dies nur wollte…
    Der Sozialkonstruktivismus ist also von extremer Dialektik, wie sie auch in dem Moralismus der Sozialkostruktivisten zu erkennen ist: Alles ist böse Macht, aber „wir“ (die Konstruktivisten) wollen „das Gute“.

    Das ist natürlich ähnlich Plato, der mit der Dreifaltigkeit des „Guten“, „Schönen“, „Wahren“. Der Philosoph nach ihm, gleichbedeutend mit Politiker, ist normativ und setzt seine metaphysische Spekulation, von der aus streng deduktiv geschlossen wird.
    So gehen die Sozialkonstrukteure auch vor.

    Der Kaffee mitten oben im Anfangsbild sieht übrigens sehr verlockend aus, ganz nebenbei bemerkt.

  18. @Alex
    „Der Kaffee mitten oben im Anfangsbild sieht übrigens sehr verlockend aus, ganz nebenbei bemerkt.“
    Ist das ein halbherziger Versuch, zum Kaffee eingeladen zu werden? 😉

    Welchen Blogpost von @ING meinst du? Ich bin gerade etwas verloren.

  19. Nee klar. Ich meinte es auch mehr bestätigend: Auch die Sozialphilosophie könnte anders, es ist nicht generell so, dass sozialwissenschaftliche Fragen und Empirie nicht zusammengingen, sondern nur so, dass es evtl. weniger praktisch ist um einen bestimmten Punkt zu machen.

  20. @drehum
    „Ist das ein halbherziger Versuch, zum Kaffee eingeladen zu werden?“

    Aber sicher 🙂

    Sorry, ich habe dir diesen post zugeschrieben, dabei ist er ja von deiner „besseren“ oder @verkürzten „Hälfte“, wie man so schön sagt 😉

    Ich hebe also meine Kaffeetasse auf Euch!

  21. Ein paar kleine Anmerkungen: Ich finde die drei Texte hervorragend, insbesondere der erste ist geradezu makellos. Im obigen Text empfinde ich die Verwendung der Essentialismusfigur als unpraktisch für Dein Argumentationsziel, weil die Adressaten normalerweise jede Form des Konstruktivismus als Gegensatz zum Essentialismus sehen, weil sie letzteren als ontologisch sehen. Wenn der Essentialismus ontologisch gedacht wird, dann ist es naheliegend, dass die Sozialkonstruktivisten sich als die besseren Konstruktivisten sehen: nicht nur die Kategorien sind sozial konstruiert, sondern auch die Merkmale, aufgrund derer die Konstruktion erfolgt. Die Sozialkonstruktivisten werden also Dir vorwerfen, zum Essentialismus zu neigen, weil Du Merkmale postulierst, die unabhängig von der Betrachtung durch das soziale Subjekt gegeben sind.
    Deine Verwendung von Essentialismus ist nicht ontologisch, d.h. Du unterstellst der Gegenseite nicht, dass sie ein intrisisches Wesen annehmen, dass sich in den erkennbaren Merkmalen nur unzureichend offenbart, wie es die Wald-und-Wiesen-Antifunktionalisten tun. Du sprichst von einem sozialkonstruktivistischen Essentialismus: die soziale Konstruktion erschafft das Wesen der Dinge, statt die Merkmale der Dinge in einen Zusammenhang zu setzen.
    Das ist alles richtig, aber die Notwendigkeit (und absehbare Fruchtlosigkeit) Dein Gegenüber erstmal von Deinem Essentialismusbegriff zu überzeugen, und davon, dass sie als Konstruktivistin dennoch Essentialistin ist, schwächt aus meiner Sicht die Argumentation.
    Im Kern willst Du ja an dieser Stelle nicht den Funktionalismus verteidigen, sondern den Gedanken, dass alles Wissen normativ ist, woraus auch der Totalitarismus entspringt: wenn Wissen normativ generiert wird und andererseits Normen schafft, dann muß der Prozess der Wissenserzeugung normativ kontrolliert werden. Wenn z.B. IQ-Unterschiede zu einer ungerechten Welt führen, dann muß ich Forschung, die IQ-Unterschiede feststellt und damit erschafft, logischerweise verbieten. Die Stoßrichtung des Arguments muß sich also direkt gegen die Normativitätsansprüche auf Wissenschaft richten, ansonsten verbringst du den Rest des Abends damit, zu erklären, warum ein Essentialismus nichtontologisch sein kann.

  22. PS: Ich glaube, ich muss Julia Seeliger in Schutz nehmen. Ich denke, sie ist keine essentialistische Sozialkonstruktivistin, sondern sie hat einfach einen sehr persönlichen Haß auf Katrin Rönicke. Durch die Beschimpfungscombo Klassismus+Vulgärsexismus verliert sie jede intersektionelle Anschlußfähigkeit. Ich halte sie eher für eine intelligente, aber nur mäßig theoretisch unterbaute klassische Linke mit einem großen Angermanagementproblem, durch dass sie sich ständig in den Fuß schießt.

  23. Lieber Joscha,

    vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich habe in der Debatte ja schon genau das gelernt, was Du beschreibst. Ich hatte das partiell (nicht ganz) antizipiert, und daher von methodischen Essentialismus gesprochen. Ich denke aber immer noch, dass dieser methodische Essentialismus wichtig ist. Ich gebe Dir recht, dass dass das funktionale Problem darin besteht, alles Wissen als normativ zu betrachten. Aber meiner Anschauung der Debate nach ist es ein methodisch essentialistischer Fehlschluss, der diese Menschen dazu führt, genau das anzunehmen. Ich halte das auch psychologisch für relevant: Diese Menschen fühlen sich in ihrer eigenen wesenhaften Identitätskonstruktion verletzt, wenn man ihre Sicht der Welt und ihre Sicht des ‚Wissens‘ hinterfragt. Diese ‚Verletzung‘ weit meiner Meinung nach nur deshalb so schwer, weil sie sich ultimativ in Frage gestellt sehen, wenn man ihren wesenshaften Zuschreibenden nicht folgt. Daher der Furor. Sie behaupten ja selbst, einer pluralistischen Wertedebatte gegenüber offen zu sein, reagieren aber mit Bezeichnungen wie ‚Hass‘ und ‚Verletzung‘, sobald man ihrem normativen Muster nicht folgt. Nur andere Normen anzunehmen, also anderes ’normatives Wissen‘ zu haben kann für sich allein aus der Logik des normativen Wissens heraus nicht frevelhaft sein. Aber wenn eine „wahre“ wesenshafte Zuschreiben verletzt wird, dann wird es legitim, diese absolut falsche Meinung zu unterdrücken. Deshalb habe ich so viel Text auf diesen effektiv offenbar für die Debatte unfruchtbaren Punkt verwendet. natürlich mag es noch mehr elementar psychologische Gründe geben, warum diese Menschen sich so sehr ‚verletzt‘ fühlen, aber mir scheint dieser methodische Essentialismus für die intellektuelle Verbrämung dieser möglichen zusätzlichen psychologischen Gründe nicht unwichtig zu sein.

  24. @zusehrverkuerzt: Wie gesagt, inhaltlich ist Dein Punkt für mich nachvollziehbar, aber er bietet keinen guten Gradienten, auf dem man einen tendenziellen Sozialkonstruktivisten aufs Trockene ziehen könnte: stattdessen wird man seine Zeit damit verschwenden, zwischen ontologischem und strukturalistischem Essentialismus im Schlamm herumzurobben. Andererseits ist mir nicht klar, wie man die antiliberalen Sozialkonstruktivisten überhaut noch erreichen kann.

  25. Lieber Joscha,

    ich denke, da stimmen wir überein. Es war ein Versuch. Ich finde, dieser Versuch wird zu selten unternommen. Es gibt sicherlich Menschen, die vom Argumentationsmuster einen einfacheren Zugang zu den Antiliberalen finden als ich. Nehmen wir wiederum Katrin Rönicke als Beispiel. Vielleicht hat sie die Chance, einige dieser Menschen anzusprechen und aufzurütteln. Ich habe nur den Eindruck, solange sie die Debatte um sich selbst als ‚Machtnarrativ‘ beschreibt, und nicht als Clash of Civilizations, wird sie auch nichts ausrichten. Obwohl sie es vielleicht könnte. Und daher dachte ich schon, dass es interessant sein könnte, diese Hintergründe des Totalitarismus zu diskutieren. Nun ja…

  26. @zusehrverkuerzt: Es bleibt die Frage, wie man die Sozialkonstruktivistinnen aus ihrem Beliefattraktor herausschubsen könnte, und allgemeiner: wie man wieder die Konzepte der Aufklärung etabliert, um die Menschen gegen Totalitarismus zu immunisieren.

  27. Lieber Joscha,

    ja, genau. Wenn das eine/r wüsste. Ich vertrete die Position, dass naturwissenschaftliche Bildung helfen würde. Das war auch einer der Gründe, warum ich der (natur)wissenschaftlichen Methode so viel Raum eingeräumt habe, obwohl viele Menschen der Meinung sind, dass die mit dem Problem gar nichts zu tun hat, es eine arrogante Selbstüberschätzung sei, ein Kulturkampf, hier die naturwissenschaftliche Methode als Beispiel zu verwenden. Aber ich bin der Überzeugung, dass das persönliche Erfahren der naturwissenschaftlichen Methode unmittelbar vor dem Essentialismus schützt, und damit in einer logischen Kettenreaktion auch vor vielen der hier diskutierten Probleme. Das ist natürlich nicht so leicht zu implementieren, aber eine Debatte darüber würde vielleicht etwas bewegen.

    Das gilt im übrigen genauso für die religiösen Irren. Ein Grund mehr, warum ich mich so :uber die tiefe Verankerung der christlichen Religion in die Schulen in Deutschland ärgere. Aber nun ja…

  28. @zusehrverkuerzt: Ich teile Deinen Optimismus bezüglich der heilenden Macht der Naturwissenschaft nicht so ganz. Die Exzellenzuniversität des 21. Jahrhunderts hat es nicht mehr so mit der umfassenden Persönlichkeitsentwicklung. Naturwissenschaftler sind meist noch weniger allgemeingebildet als Geistes- und Sozialwissenschaftlerinnen, und den wenigsten ist ihre Epistemologie klar. Die Resistenz vieler Naturwissenschaftler gegenüber sozialkonstruktivistischer Ideologie hat vermutlich eher etwas damit zu tun, dass Nerds ihre Identität nicht so stark aus dem sozialen Umfeld aufsammeln, d.h. allgemein weniger ideologieaffin sind. Neurotypische Menschen müssen vermutlich gezielt gegen Irrationalismus geimpft werden; das war ja genau das Projekt der Aufklärung. Im Moment gibt es zwar so etwas wie ein Aufklärungsrevival (LessWrong etc., aber das richtet sich explizit und ausschließlich an Nerds und ist kulturell mit Sozial- und Geisteswissenschaft weitgehend inkompatibel.

  29. Lieber Joscha,

    Als „Macht“ hätte ich das nun auch nicht bezeichnet… 😉

    Ich finde Deine Gedanken bzgl. Nerds und Neurotypicals sehr interessant. Aber darüber hinaus: Ich kenne ja die deutsche Universitätslandschaft ganz gut, und auch ein paar Ausserhalb. Es ist mir schon klar, dass es möglich ist, auch ohne das Nachdenken über Epistemologie durch das Studium zu kommen. Aber ich stelle trotzdem ein signifikantes Interesse daran fest, spätestestens bei den DoktorandInnen. Und die sind dann typischerweise hinreichend erfahren mit der Praxis der Forschung, dass ihnen zumindestens grob klar ist, wie man das beschreiben kann, was sie tun, und wie nicht.

    Jetzt ist es natürlich auch klar, dass es nichts bringt, und man nicht fordern kann, dass jede Person eine naturwissenschaftliche Promotion anstrebt. Das war ja auch nicht der Punkt. Es ging um eine Erhöhung der persönlichen Erfahrung des Experiments und seiner Interpretation. Das ist nur ein möglicher, und nicht alles umfassender und alles lösender Schritt, aber ich glaube, es wäre ein Baustein. Bei gutem Unterricht kann das in der Schule passieren. In einem guten Praktikum (was man in der Schule viel mehr machen sollte) kann man an einfachen Beispielen den Test von Hypothesen erfahren. Man kann persönlich erfahren, wie sehr man mit totaler Überzeugung daneben liegen kann, wenn man nicht versteht, was man tut, oder die Messapparatur nicht hinreichend getestet hat, usw. Und so wird das Bewusstsein darüber geschärft, dass es kein absolutes a priori Wissen gibt, und dass man auch mit der ultimativ erfolgreichen Hypothese immer noch daneben liegen könnte, wenn man im nächsten Praktikum ein neues Experiment macht.

    Wir machen mit OberstufenschülerInnen Masterclasses in Teilchenphysik. Dort suchen sie in vereinfachten Daten unserer Experimente nach Signalen verschiedener gefundener und hypothetischer Teilchen. Bin immer wieder überrascht, wie viel Begeisterung (nun ja, nicht bei allen) das hervorruft. Es muss auch nicht nur so etwas ‚komplexes‘ und ‚modernes‘ sein. Man kann mit ganz einfachen falschen Alltagsannahmen anfangen, z.B. für Physik „Geschwindigkeit ist proportional zur einwirkenden Kraft“, oder für Chemie „Reaktionen sind immer exotherm“, usw.

    Daher: Ein Vorschlag für einen Baustein, mehr nicht.

  30. @zusehrverkuerzt: Viele von meinen promovierten Kollegen lesen kein Buch außerhalb ihres Fachgebiets mehr. Es besteht ein starker subjektiver Druck, sich extrem anpassen und auf den Kernbereich des Fachs konzentrieren zu müssen, um eine Chance auf eine der wenigen Dauerstellen zu haben.

    Ist Dir übrigens aufgefallen, dass es in der Piratenpartei zwar viele Naturwissenschaftler, aber praktisch überhaupt keinen Hintergrund in politischer Theorie gab? Die praktisch komplette Wehr- und Ahnungslosigkeit gegenüber den Spaltpilzen war erschütternd. Was ich damit sagen will: es scheint, als ob ein großer Teil des Wissens voriger Generationen abrupt verlorengegangen ist, vielleicht weil unsere Zivilisation jetzt komplett in ADHD verfallen ist, und die Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr ausreicht, um sich eine tiefgehende Allgemeinbildung zu erschließen. Und es seit dem Wechsel von Humboldtschen Idealen zur ECTS-Abrechnung auch keiner mehr ernsthaft erwartet.

    Hier (Harvard & MIT) finde ich mehr allgemeingebildete Kollegen als in Deutschland, was vermutlich daran liegt, dass in wissenschaftlicher Hinsicht weniger nackte Existenzangst regiert. Dafür gibt es inzwischen eine andere Angst: die vor den Studierenden. Manche Kollegen erzählen mir, dass sie sich jedesmal, wenn jemand eher aus der Vorlesung geht, fragen, ob sie irgendwas gesagt haben könnten, das jemand in den falschen Hals gekriegt hat und zu einem Disziplinarverfahren führen wird. Wir sind noch nicht bei McCarthy, aber deutlich über den Punkt hinaus, wo es noch darauf ankommt, ob wir objektiv irgendwas Falsches gesagt haben.

  31. Diese Erzählungen Deiner Kollegen, das ist für eine Ingenieurin kaum vorstellbar, dass ein solches Klima in Vorlesungen herrschen kann. Das macht mich durchaus betroffen.
    In Deutschland scheint es zur Zeit nur an Berliner Hochschulen solche Tendenzen zu geben, wenn man sich Münkler-Watch oder diesen absurden Eklat um die Vorkommnisse in Hornscheidts Vorlesung anschaut. Aber wenn ich mir die Entwicklung hier so anschaue, dann fürchte ich, dass es in ein paar Jahren hier ähnlich abgehen könnte. Zumindest in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften. Meine Kolleginnen schauen mich meist sehr verständnislos an, wenn ich ein bisschen was aus der Filterblase der „wahren“ Feministinnen erzähle…

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