Gastbeitrag: Vom Essentialismus zum Totalitarismus – Teil 1

Ich wohne mit einem Menschen zusammen, mit dem ich mich vortrefflich streiten kann. Was sehr gut ist, jemanden zu haben, mit dem man kontrovers diskutieren kann ohne sich dabei böse zu sein. Denn verschiedener Meinung zu sein, heißt noch lange nicht, dass man das gegenüber doof findet, in Gänze ablehnt und für komplett unmöglich hält. Leider gelingt das nicht mit allen Menschen und neben schlicht persönlichen Antipathien kann es noch einen anderen Grund für so tiefgreifende Missverständnisse geben, dass man mit den widerstreitenden Personen noch nicht einmal mehr die gleiche Straßenseite teilen möchte.
Mit dem Mensch, mit dem ich Tisch und Bett teile ist das zum Glück nicht so. In letzter Zeit haben wir sehr viel darüber diskutiert, wie es zu diesen tiefgreifenden Missverständnissen auf der intellektuellen Ebene kommen kann, die schlussendlich auch emotional eine Verständigung unmöglich machen. Und er hat dazu viel spannendes, teilweise auch kontroverses zu sagen. Aber er hat keinen Blog. Also gibt es hier eine Mini-Gastbeitragsserie. Weil es schade wäre, wenn diese Überlegungen in den Kommentaren versteckt bleiben würden. Oder gar nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken würden.

von @zusehrverkuerzt

Genügend kurze Abhandlungen über dieses Thema gibt es schon. Aber (meiner Meinung nach) nicht genug umfassende. Ich werde meine Gedanken grob in drei Posts aufteilen: Was ist empirischer Rationalismus? Was zeichnet Essentialismus und Sozialkonstruktivismus aus? Weshalb ist diese Strömung so anfällig für Totalitarismus?

Also los:

Was ist empirischer Rationalismus?

Immer mal wieder kommt es im Rahmen von gesellschaftlichem Engagement zu einem „Clash of civilizations“ zwischen liberal agierenden Personen und totalitären Essentialisten. Eine der letzten Debatten in der feministischen Netzszene drehte sich darum, ob man die Comics von @erzaehlmirnix verlinken sollte und ob man diese Comics überhaupt im feministischen Zusammenhang erwähnen darf. Diese Debatte liefert einige interessante ganz konkrete Beispiele dafür, die es ermöglichen, die philosophische Grundlage dieses Clashs of Civilizations zu beleuchten. Das ist nun an einigen Stellen schon auf lesenswerte Weise getan worden, z.B. hier und hier, wo schön beschrieben wird, wie die empirischen Rationalisten (auch wenn sie u.U. nicht wissen, dass sie sich in dieser Debatte zumindestens implizit als solche verhalten) auf die Sozialkonstruktivisten treffen. Und letztere zum Angriff über gehen. Ich möchte dem nach einer kleinen Einführung zwei Dinge hinzu fügen: Erstens, noch einmal die logischen Grundlagen des Sozialkonstruktivismus betrachten, um nicht nur zu verstehen, dass er so ist wie er ist, sondern warum. Denn das Grundproblem ist kein moralisches, sondern ein epistemologisches Problem des Essentialismus. Und zweitens, versuchen herauszuarbeiten, warum die Essentialisten in dieser Debatte den Totalitarismus offenbaren, welcher sie so unerträglich macht.

Ich denke, es geht hier um kein kleines Randproblem. Natürlich ist es im historischen Kontext schnurzegal, ob ein paar durchgeknallte Netzfeministinnen auf andere losgehen. Aber der Essentialismus ist eine dauernde Gefahr für die Freiheit des Individuums, er ist die Basis des Kollektivismus, und daher Grundlage der Ideologien der Tötungsmaschinen des 20. Jahrhunderts. Daher finde ich das ganze wichtig, und auch, weil ich es einfach peinlich finde, dass sowas in gewissen Kreisen auch noch akademisch gelehrt wird.

Als Anknüpfungspunkt möchte ich die Frage in den Kommentaren unter dem hier vor einigen Tagen erschienen Post über Erkenntnisgewinn verwenden, in dem die Frage auftauchte, warum in den Naturwissenschaften Pluto einfach so vom Planet zum Zwergplanet ‚wird‘. Das kann man so verstehen, dass das ja dann ein tolles Beispiel sei, dass in den Naturwissenschaften ‚Wissen‘ ‚ausgehandelt‘ wird. Denn darum ging es ja u.a. in dem Post.

Nehmen wir dies nun als einführendes Beispiel für eine der konstruktivistischen Position entsprechende Aussage. In obigem Post lesen wir ja „Wissen [] als immerwährenden Prozess von Aushandlungen zu verstehen.“ Diese Leute verstehen “Pluto ist jetzt kein Planet mehr, sondern ein Zwergplanet” also als Aussage über Pluto selbst. Denn nur solche Definitionen und Kategorisierungen sind im freien Sinne ‚aushandelbar‘. Dabei ist es eine Aussage über die Kategorisierung, und nicht über Pluto. Ich denke, WissenschaftlerInnen wissen in Normalfall sehr gut, was sie mit so einer Aussage meinen:

„Pluto ist ein Zwergplanet” beinhaltet explizit und implizit:
1.) (implizit) Das Objekt mit Helligkeit xx und Umlaufbahn yy nenne ich Pluto -> Definition
2.) (explizit) Pluto wird Kategorisiert als Zwergplanet
3.) (darüber hinaus) Ich nenne alle Objekte “Zwergplanet”, die folgende beobachtbare
Eigenschaften erfüllen:
* kleiner als …
* typischerweise stark elliptische Umlaufbahn …

Man sieht also, dass die neue Kategorisierung unabhängig von unserem Wissen über Theorien über Pluto ist. Er ist in der nicht mit absoluter Genauigkeit bekannten Realität immer noch gleich gross (abgesehen davon, dass er messbar seine Atmosphäre verliert), gleich schwer, hat die gleiche Umlaufbahn, den gleichen Mond. Unser Wissen hat sich im Laufe der Zeit präzisiert (siehe z.B. seine Atmosphäre), aber nicht revolutioniert/neu paradigmiert/was auch immer grade Mode ist. Was sich geändert hat, ist, dass immer mehr Objekte entdeckt wurden, die wir Zwergplaneten nennen, und dann bemerkt wurde, dass die beobachteten Eigenschaften von Pluto näher an denen der anderen Zwergplaneten sind als an den 8 anderen Planeten. Daher die reine Umkategorisierung.

Hier bietet sich ein kleiner Einschub an: Was meint die Naturwissenschaft mit ‚Wissen über Pluto‘? Damit ist dreierlei gemeint:

  1. Die formale (typischerweise mathematische) Formulierung der einzelnen Messergebnisse (Basissätze), zusammen mit der Messung der Unsicherheit dieser Messungen,
  2. die synthetische Theorie der Messapparatur, und schliesslich
  3. die synthetische Theorie über die Natur: die Zusammensetzung, Entstehung, Flugbahn, etc von Pluto, dazu die Theorie der Gravitation (die allgemeine Relativitätstheorie in diesem Fall, oder auch alternative wissenschaftliche Theorien, so obskur sie sein mögen, solange sie falsifizierbar sind (wie sogar MOND)).

Ob das beschriebene Objekt ein Planet „ist“ oder ein „Zwergplanet“ spielt dabei keine Rolle. Das bleibt eine Kategorisierung. Wir sehen an diesem Beispiel, dass 1.) bis 3.) nicht aushandelbar sind. Die einzelnen Beobachtungen der Position Plutos können nicht verhandelt werden, die Unsicherheiten der Messapparaturen können gemessen werden und dienen zum Test der Theorie der Messapparatur, so dass auch diese Theorie nicht gesellschaftlich beeinflussbar ist, und die allgemeine Relativitätstheorie, nun ja, da hat schonmal jemand aus politischen Gründen versucht, sie auszumerzen, wir haben gesehen, wozu das führte, unter anderem.

In dem hier beschriebenen Zusammenhang wird desweiteren nun ‚deskriptiv‘ als Bezeichnung all dieser Teile der Aussagen der Naturwissenschaft benutzt, egal ob Basissatz oder synthetische falsifizierbare Theorie der Natur. Denn es ist nicht sehr hilfreich (wenn auch nicht logisch ‚falsch‘), zu sagen, der Apfel muss halt nach unten fallen (die synthetischen Sätze also als normativ zu bezeichnen), und daran hält er sich halt. Dies ist mir wichtig, denn 1.) „normativ“ derart anders zu definieren führt sehr leicht zu einem Fehlschluss ähnlich dem essentialistischen: Dass die erfolgreichen synthetischen naturwissenschaftlichen Sätze eben eine Aussage darüber machen, wie etwas *sein* soll. Also ganz konkret: Wenn wir naturwissenschaftlich feststellen, dass in einer bronzezeitlichen Gesellschaft bestimmte Arbeitsteilungen vorhanden gewesen sein dürften (also aus den vorhandenen Spuren der Vergangenheit schliessen, dass eine nicht-falsifizierte synthetische Beschreibung der Befundlage die ist, dass eine Arbeitsteilung vorlag), dann folgt daraus eben *keine* Aussage im strengeren normativen Sinn. Es folgt daraus also gerade nicht, wie wir unsere Regeln und Ziele für unsere in der Tat konstruierten sozialen Bezüge setzen sollten. Dieser Fehlschluss würde durch die Nutzung von ’normativ‘ für die Aussage ‚Bronzezeitliche Gesellschaften waren arbeitsteilig‘ aber zumindestens leichter, wenn nicht gar wahrscheinlicher. Und 2.) ist es falsch, anzunehmen, dass der Apfel, wenn er fällt, einem Naturgesetz folgt. Denn die Naturgesetze sind ja gar nicht wahr. Sie sind erfolgreich getestete falsifizierbare Beschreibungen der Natur. Daher wird hier ‚deskriptiv‘ sowohl für Basissätze als auch für synthtische falsifizierbare Aussagen verwendet, und ’normativ‘ nur für Aussagen über nicht-falfizierbare Aussagen über Regeln (z.B. methodische Festlegungen in der naturwissenschaftlichen Praxis) oder Ziele (z.B. gesellschaftliche Ziele, z.B. die Freiheit des Individuums und das konkurrierende Ziel der Freiheit vor Furcht und Bedrohung).

‚Wissen‘ im naturwissenschaftlichen Sinn ist also die Kenntnis von erfolgreichen (entweder noch nicht falsifizierten oder falsifizierten, aber hinreichend guten für einen bestimmten Zweck) falsifizierbaren Beschreibungen der messbaren Vorgänge, sowie die dazu herangezogenen Basisätze, welche jede einzelne Messung beschreiben. „Wissen“ beinhaltet keine Definitionen und Kategorisierungen, diese sind nur Hilfsgrössen, welche immer frei durch den Inhalt der Definition ersetzt werden können. „Wissen“ beinhaltet auch nur eine Aussage über objektive Annäherung an „die Wahrheit“, und nicht über die „Wahrheit/Realität/Noumenon“ selbst. Denn das naturwissenschaftliche Programm ist ein methodisches, kein metaphysisches oder ontologisches, es macht keine Aussage über die Realität an sich, sondern nur über die beobachtbaren Phänomene, und seine Methodik ist nicht direkt abhängig von der Natur der Phänomene.

Hier könnte nun ein sprachanalytischer Einschub erfolgen, der erklärt, warum die analystische Philosophie Sprache nicht richtig verstanden hat, denn sonst könnte man sich fragen, warum man am Ende nicht doch von Definitionen abhängt. Denn wie kann man Worte kennen, ohne ihre Bedeutung zu ‚definieren‘? In der Realität ist der Ausweg ganz einfach: Das erlernen von Sprache ist ein Experiment, das fast genauso abläuft, wie die naturwissenschaftliche Methode, welche oben beschrieben ist. Wir lernen Worte kennen und nutzen sie experimentell (in Interaktionen) und schliessen durch gelungene und missglückte Anwendungen des Wortes Bedeutungen aus (also falsifizieren sie), welche im Widerspruch zur Bedeutung für unsere Umgebung stehen. So verbessern wir die Konsistenz der Bedeutung der Wörter für uns alle gegenseitig, erreichen aber nie eine perfekte Deckung, wie wir an immer wiederkehrenden Missverständnissen sehen können. Genauso, wie die Naturwissenschaft objektiv besseres Wissen erarbeitet, aber kein perfektes. Auch hier beinhalten die Bedeutungen der Worte kein Wissen über die Natur oder soziale Gefüge, dieses ergibt sich erst in erfolgreichen synthetischen Aussagen, welche Bezüge zwischen der Bedeutung einzelner Wörter behaupten. Ende des empirischen „sprachanalytischen“ Einschubs…

Es ist nun klar, dass weder in Definition noch in Kategorisierung die geringste faktische Aussage liegt. Es sind reine Hilfsgrößen, hoffentlich nützlich. Und es ist eben nützlicher, Pluto zusammen mit ähnlichen Objekten zu kategorisieren, als mit verschiedeneren Objekten.

Aber auch in ’nützlich’ steckt natürlich keine Wertung…

Warum ist das so interessant in dieser Debatte? Erstens natürlich, weil so verständlich wird, warum die Essentialsten eine Umkategorisierung oder Neudefinition als “Aushandeln von Wissen” begreifen. Denn sie verstehen ja nicht, dass in der aushandelbaren (und intern in der Community und der Öffentlichkeit heiss diskutierten) Neudefinition gar kein Wissen über die Natur steckt, sondern reine Kategorisierung. Weil die Essentialsten schon diesen Punkt nicht verstehen, können sie die empirisch-rationale wissenschaftliche Methode nicht verstehen. Weiter geht es morgen mit der Beschreibung von Essentialismus und Sozialkonstruktivismus.

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22 Gedanken zu „Gastbeitrag: Vom Essentialismus zum Totalitarismus – Teil 1

  1. Ein spannendes Thema hast du dir da ausgesucht. Ich möchte nur drei kurze Gedanken zu bedenken geben, dass die konstruktivistische Position in ihrer „vernünftigen Form“ durchaus ihre Berechtigung hat, auch naturwissenschaftliches Wissen als sozial konstruiert und ausgehandelt zu sehen:

    1. Du sagst selbst „Es ist nun klar, dass weder in Definition noch in Kategorisierung die geringste faktische Aussage liegt.“ Das Problem ist, jede Messung, jede Einheit, jeder Begriff wie „gleich“ oder „groß“ ist in genau dieser Form definiert. Der unmittelbare Zustand der äußeren Welt (wenn wir zumindest mal annehmen, dass es sie tatsächlich gibt) ist dem Menschen nicht zugänglich, er kann sich ihr ausschließlich über derartige begriffliche Definitionen nähern, die sich bestenfalls als „nützlich“ erwiesen haben. (Aber inwiefern „nützlich“ und wie kann das „ohne Wertung“ gehen?). Damit steht jedes „Wissen“, auch naturwissenschaftliches, auf einem Fundament aus an sich faktisch inhaltslosen Aussagen. Das macht es aber natürlich nicht beliebig.

    Literaturempfehlung hierzu: „Im Universum der Zeit“ von Lee Smolin (Blogbeitrag: http://weltenkreuzer.de/wissenschaft/zeit-oder-nicht-zeit-das-ist-hier-die-frage) und „Handwerk und Mundwerk“ von Peter Janich (Blogbeitrag: http://weltenkreuzer.de/wissenschaft/das-handwerk-der-ungeliebte-bruder-der-wissenschaft)

    Das führt uns zu Argument zwei:

    2. „Sozial konstruiert“ heißt nicht „beliebig“, „jederzeit veränderbar“ oder „politisch opportun“. Es bezieht sich auf unterschiedlichen Ebenen darauf, dass unser Verständnis der Welt auf impliziten und fest etablierten Übereinkünften beruht, die ihren Ursprung nicht als Naturgesetz haben, sondern in impliziten wie expliziten Lern- und Aushandlungs- und Sozialisationsprozessen über Generationen hinweg

    Literaturempfehlung hierzu: „Selbst im Spiegel“ von Wolfgang Prinz

    Das bringt uns zu Punkt drei:

    3. Natürlich hat auch die Naturwissenschaft eine soziale Komponente. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, was untersucht wird. Fördergelder müssen eingeworben und verteilt werden, Ideen diskutiert und Disziplinen etabliert werden. Das alles ist ein hochpolitischer Prozess, der natürlich in erster Linie sozial geprägt ist.

    Literaturtipp: Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen. (Mein Blogbeitrag dazu: http://weltenkreuzer.de/gesellschaft/der-tiefe-graben-zwischen-wissenschaft-und-gesellschaft)

    Das heißt jetzt alles nicht, dass ich naturwissenschaftlich erworbenes Wissen für unsinnig oder beliebig halte, nein. Es hat sich gezeigt, dass es sehr gut dazu geeignet ist, Progonosen darüber aufzustellen, was in kontrollierten Kontexten passieren wird. Es ist weitestgehend konsistent, intersubjektiv überprüfbar und soweit wir sagen können, zeitlich konstant (s. dazu aber das oben genannte Buch von Smolin). Genauso verfehlt wäre es aber von Seiten der Naturwissenschaften, ihre soziale Komponente zu bestreiten.

  2. @weltenkeuzer

    Tja, es freut mich, hier noch einmal darstellen zu können, warum das Sprachverständnis des essentialistischen Sozialkonstruktivismus eines seiner fundamentalen Probleme ist.

    Des Weiteren möchte ich anmerken, dass morgen ein Beispiel einer „vernünftigen“ sozialkonstruktivistischen Sicht kommen wird. Deine Beispiele entsprechen dem aber nicht.

    In 1.) widersprichst Du Dir wunderbar selbst. Du behauptest, dass inhaltlich testbare wissenschaftliche Aussagen auf inhaltsleeren Grundlagen stehen, weil sie offenbar Deiner Meinung nach auf tautologischen oder rein analytischen Begriffen aufgebaut sind, aber gleichzeitig nicht beliebig sind. Ich muss zugeben, das überfordert mich etwas, und ich habe auch gar keine Lust, das weiter zu durchdringen. Lee Smolin würde Dir jedenfalls nicht zustimmen, so viel kann ich Dir versichern.

    Ich möchte dieses Beispiel aber aufgreifen, um noch einmal ganz klar zu erklären, warum das klassische sprachanalytische Sprachverständnis falsch ist. Denn darauf basiert ja Deine Aussage:

    „Das Problem ist, jede Messung, jede Einheit, jeder Begriff wie “gleich” oder “groß” ist in genau dieser Form definiert.“

    Diese Aussage ist falsch. Ich kann Dir auch sagen, warum Du sie für richtig hältst: nämlich weil das falsch ist:

    „Der unmittelbare Zustand der äußeren Welt ist dem Menschen nicht zugänglich, er kann sich ihr ausschließlich über derartige begriffliche Definitionen nähern, die sich bestenfalls als “nützlich” erwiesen haben.“

    Es ist ziemlich offensichtlich falsch, denn das interface zwischen Theorie und „Welt“ (welche methodisch nicht weiter von Belang ist) ist das Experiment, und nicht die begriffliche Definition. Dies ist in der Naturwissenschaft selbst ganz offenbar. Aber auch im Erlernen der Sprache ist das nicht anders: Wir definieren „gross“ und „klein“ nicht einfach *innerhalb* eines geschlossenen formalen Systems, dann wäre die intersubjektive Übertragung ihrer „Bedeutung“ von Individuum zu Individuum in der tat unmöglich. Wir definieren sie über die Konfrontation mit dem Experiment: Wir testen gemeinsam (also >1 Individuum), ob wir z.B. mit „Objekt A ist länger als Objekt B“ den gleichen experimentellen Zusammenhang erfassen. Dies klappt z.B. bei Kindern prima. Nun kann man einwenden, damit wüsste ich immer noch nicht, dass beide Personen *wirklich*, also im *Wesen* der Bedeutung. das gleiche meinen, sich also im naiven Sinn wirklich „verstehen“. das ist ja aber gerade der Punkt: Das geht weder praktisch, noch ist es nötig! Es reicht für das methodische Programm der Naturwissenschaften vollständig, wenn beide bei jedem A und jedem B zum gleichen Schluss kommen, was länger ist. Und das geht, das willst Du nun nicht wirklich bezweifeln. Ob beide das gleiche *meinen* ist irrelevant, eben weil mir ja das *Wesen* von „länger“ schnurzegal ist: So etwas ist ein unsinniges Konzept. Leider scheint das schwer verständlich zu sein. Dies ist aber nicht ganz ohne gelegentliche „Fehler“: @drehumdiebolzen und ich verwenden violett und lila entgegengesetzt voneinander. Wir konnten das aber nur über ein Experiment herausfinden, wir könnten das nur sehr indirekt (unter Bezugnahme auf Konzepte, die wiederum anderweitig experimentell testbar sind) ohne direkte Bezugnahme auf die Beobachtung von Farben. Egal, jetzt wissen wir um die gedrehte Definition.

    Damit fällt das Problem weg, wie ich intersubjektiv und *ohne* Essentialismus Bedeutung transportiere: über Experimente. Auf genügend Experimenten dieser Art, die wir typischerweise in unserer Kindheit durchführen, können wir dann unter Bezugnahme auf grundlegendere Begriffe auch rein abstrakte Begriflichkeiten intersubjektiv übermitteln, allerdings auch hier ohne Anspruch auf 100% Genauigkeit. Ich dachte, ich hatte das schon beschrieben, aber nun ja.

    Also, wir sehen, wir nähern uns der Grundlage unserer empirischen Erfahrung über Experimente, (oder formaler: Über Beobachtungen, die wir gemeinsam oder unabhängig voneinander in formale Basissätze übersetzen und dann experimentell testen können, in wie weit diese Übersetzung eine hundertprozentige Deckung erbracht hat) und wir nutzen formale Konzepte, die wir empirisch testen, sowohl zur Entwicklung der wissenschaftlichen Theorien, als auch zur Entwicklung des intersubjektiven Interfaces der Sprache (oder anderer formaler Systeme). Daher ist in der Tat das rein analytische Sprachverständnis, ohne die Bezugnahme des formalen Systems auf Beobachtungen, eine der wichtigen Gründe für das Scheitern der essentialistischen Sozialkonstruktivsten.

    Wie dem auch sei, ich denke, es ist damit klar, dass wissenschaftliche Theorien NICHT faktisch inhaltsleer sind und nicht auf faktisch inhaltsleeren Aussagen beruhen (was Du aus einem mir unerklärlichen Grund explizit tust). Wenn Du dieser Annahme trotzdem weiter folgen solltest würde ich Dich (alter Scherz) allerdings bitten, Dein Verhältnis z.B. zu diesem Kommunikationsmedium zu überdenken. Es basiert auf der „faktisch inhaltsleeren“ Quantenmechanik und den faktisch inhaltsleeren Aussagen über experimentelle Beobachtungen, die zu ihrer Entwicklung geführt haben, seine Schaltkomponenten wurden aufgrund der Quantenmechanik der Halbleiter gezielt entwickelt, und ich könnte mir doch denken, dass dies und so vieles andere doch klare Hinweise darauf gibt, dass wir hier nicht über faktisch inhaltsleere Aussagen streiten. Ganz im Gegenteil, das überlasse ich gerne der Gegenseite.

    Ich möchte des Weiteren darauf hinweisen, dass in unserer alltäglichen Arbeit die ständige gegenseitige Überprüfung unserer Ideen die größte Rolle spielt, eben um experimentell sicherzustellen, dass unsere Übersetzung

    Zu 2.) Natürlich haben unsere „Übereinkünfte“, was auch immer das sein mag, ihre Ursprünge nicht in einem Naturgesetz, denn das Naturgesetz ist ja das temporäre Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit, nicht sein Beginn. Unsere Konzepte der Natur, die von uns aktiv entwickelten und durch präzisere und erweiternde Messungen manchmal wieder verworfenen Naturgesetze, ziehen ihre Inspiration und das Urteil über ihre Verwendbarkeit aus über Generationen durchgeführten Messungen, nicht auf „Übereinkünften“. Das heisst nicht, dass nicht diskutiert wird: Welche Vorhersagen der Theorie sind noch nicht mit hinreichender Präzision getestet? Welche Vorhersage ist noch nicht präzise genug berechnet? In welchem Verständnis welcher Messapparatur könnte sich noch ein Fehler eingeschlichen haben, und wie könnte ich das objektiv testen? Es scheint mir ein trauriges Problem in der Interaktion von NaturwissenschaftlerInnen mit anderen zu sein, dass die anderen immer versuchen, unsere Diskussion umzuinterpretieren. Typischer DefMa fail 😉
    Und falls Dir das noch nicht reicht: Die Quantenmechanik, oder die dunkle Energie, oder was auch immer, war GANZ BESTIMMT nicht das Ergebnis von Sozialisationsprozessen. Es war ein radikaler Bruch mit jeder wissenschaftlichen Sozialisation, hervorgegangen aus der Konfronation der vorigen Physik mit wunderbaren neuen Experimenten.

    Ich denke, die anderen beiden Punkte verschieben wir auf morgen. Denn Dein Punkt 3. ist entweder trivial (Menschen machen Wissenschaft, also interagieren sie dabei Sozial. Menschen erfinden Theorien, also kann es sein, dass soziale Vorstellungen diese beeinflussen. Das alles ändert aber nichts an der wissenschaftlichen METHODE und an ihrer Gebundenheit an das Experiment. Wenn man Methode und Einflüsse nicht auseinander halten kann, dann brauchen wir das hier nicht anfangen) und dann müssen wir da nicht weiter drüber reden, und DANN wären auch die Sozialkonstruktivisten sozial vollkommen unproblematisch. Leider wird sich im weiteren aber ergeben, dass es da bei den sozial aggressiven Sozialkonstruktivsten (und von denen rede ich, nicht irgendwie von allen SozialwissenschaftlierInnen, ich denke das ist klar) ein Problem des Essentialismus gibt.

  3. @weltenkreuzer

    ich hatte noch vergessen, auf ’nützlich‘ einzugehen.

    natürlich hast Du recht: „Nützlich“ ist eine normative Kategorie innerhalb der methodischen Festlegungen der Wissenschaft. Das war unpräzise formuliert, ich wollte nur den Unterschied zu einer moralisch normativen Bewertung betonen. Ich hoffe, das ist klar.

    Nun bleibt die Frage, wie ich „nützlicher“ oder „weniger nützlich“ einer Definition oder Kategorisierung innerhalb einer Theorie festlegen kann. Nehmen wir mal ein eindeutigeres Beispiel als Pluto: Sagen wir mal, wir sortieren die Teilchen nach ihrer Ladung, und nicht nach ihrem Spin. Kein Problem. dann landet das Elektron mit dem W in einer Kiste, und das Neutrino mit dem Higgs. Kein Problem, sollte man denken? Kann man machen. Jede Aussage geht dann z.B. so: Alle Ladung-0 Teilchen sind quasi Massels, ausser dem Higgs. Alle ladung-0 Teilchen haben keinen VEV, ausser dem Higgs. Alle Ladung-0 Teilchen haben spin 1/2, ausser dem Higgs, das hat 0, und dem Photon und dem gluon, die haben spin 1. … Das ganze geht formal natürlich noch viel mehr schief, ich habe nur versucht, das in einfache Begriffe zu übersetzen.

    Du siehst, wohin das führt. das ist objektiv unpraktisch. Wir können also festlegen, dass die nützlichere Definition die ist, welche die logische Struktur unserer Aussagen maximal vereinfacht.

  4. Oh Schön. Stoff zum Nachdenken. Ich denke, so wirklich weit liegen wir auch garnicht auseinander…. Hier noch ein paar Gedankenfragmente

    „In 1.) widersprichst Du Dir wunderbar selbst. Du behauptest, dass inhaltlich testbare wissenschaftliche Aussagen auf inhaltsleeren Grundlagen stehen, weil sie offenbar Deiner Meinung nach auf tautologischen oder rein analytischen Begriffen aufgebaut sind, aber gleichzeitig nicht beliebig sind.“

    Das ist gerade der „Witz“ an der Sache, dass aus streng genommen für sich sinnlosen Aussagen auf einer höheren Aggregationsebene durchaus belastbare Argumentationen und „Wissen“ aufgebaut werden können – Stichwort: Emergenz. Mein Argument sollte darauf deuten, dass solche Definitionen beeinflussen können, was auf höheren Aggregationsebenen passiert und damit eben durchaus(!) faktische Konsequenzen haben können, was du in deinem Text negierst.

    Es freut mich, welche Macht du dem Experiment zusprichst, aber du nimmst in meinen Augen eine idealtypisch fiktive Version des Experiments an. Das ist in der Realität von Menschen um alle bekannten(!) möglichen anderen Einflussfaktoren kontrolliert, diese ist Resultat des sozialen-wissenschaftlichen Prozesses (natürlich fundiert auf Messungen und Experimenten, die aber notwendigerweise nur auf einen Ausschnitt der Welt fokussieren können).

    Darin erklärt sich auch mein Hinweis auf Smolin, der in dem genannten Buch ausführlich herausarbeitet, warum das Axion der universellen Geltung kosmologischer Gesetze und der Relativität von Zeit vielleicht einen Erkenntnisfortschritt verhindert.

    „Unsere Konzepte der Natur, die von uns aktiv entwickelten und durch präzisere und erweiternde Messungen manchmal wieder verworfenen Naturgesetze, ziehen ihre Inspiration und das Urteil über ihre Verwendbarkeit aus über Generationen durchgeführten Messungen, nicht auf “Übereinkünften”.“

    Naja, erstmal ist es eine „Übereinkunft“ in der Wissenschaft, dass Messung und Verwendbarkeit als Kriterien für „Naturgesetze“ gelten, aber das nur nebenbei.

    Die wissenschaftliche Methode (hinter der ich voll und ganz stehe, versteh mich nicht falsch), ist zum jetzigen Zeitpunkt offensichtlich der beste Weg, den wir haben, Wissen über die Welt zu erzeugen, dass es uns erlaubt Prognosen zu machen (zumindest in gut kontrollierbaren, möglichst experimentellen Situationen). Wie du selbst sagst, ist aber auch sie historisch gewachsen und sollte kontinuierlich weiterentwickelt werden. Das wiederum ist ein hoch-sozialer Prozess. Nicht ihrem Anspruch, aber in ihrer Realität.

    Und wenn nur wissenschaftlich ist, was per Experiment / Messung erkannt werden kann, lieferst du nicht selbst mit der dunklen Materie ein gutes Beispiel für eine Hypothese, die nicht experimentell nachgewiesen sind, aber absolut notwendig, damit das bestehende Modell konsistent bleibt?

    Wie gesagt, ich rede hier nicht einem absoluten Konstruktivismus das Wort, aber habe auch meine Zweifel an der absoluten Objektivität der wissenschaftlichen Methode. Das wäre in meinen Augen ein „End of History“-Argument und die sind bisher selten gut ausgegangen. Sie ist, wie oben geschrieben, schlicht das Beste, was wir aktuell haben. Jeder, der das infrage stellt, hat sie tatsächlich nicht verstanden.

    Gerade damit eine gesunde Entwicklung dem von dir beschrieben Ideal entgegen stattfinden kann, ist es in meinen Augen jedoch auch immer wichtig sich der (vielleicht unlösbaren?) Probleme bewusst zu sein und sie grundsätzlich zu reflektieren.

    Ich glaube dir sofort, dass das innerhalb der naturwissenschaftlichen Community durchaus ein Thema ist, aber eben paradoxerweise keines, was man durch Messungen und Experimente abschließend lösen kann. In der Wahrnehmung von Außen erscheinen Naturwissenschaftler jedoch gerne als Verkünder absoluter Wahrheiten (vermutlich eher aus schlechter Kommunikation als Intention) und die sind sie nunmal (leider?) nicht…

  5. Achso, und dass von ihrer logischen Struktur her, Messungen nur falsifizieren und nicht verifizieren können, soll hier auch nochmal in Erinnerung gerufen sein…

    A (Naturgesetz) => B (Erwartete Messung), heißt nicht B => A (auch nicht in beliebiger Iteration oder Kombination), sondern nur !B => !A

  6. @weltenkreuzer

    vielen Dank für diese Präzisierung. Ich stimme mit ihr wesentlich mehr überein als mit Deinem ursprünglichen Kommentar. Nur noch ein paar Kommentare:

    1.) Dein Argument mit der Emergenz beschreibt NICHT das wissenschaftliche Programm. Die Basissätze sind NICHT inhaltsleer und stehen in keinem willkürlichen Zusammenhang zur synthetischen Theorie. Die Basissätze sind nicht rein analytisch, sondern selbst synthetisch („Das Messinstrument zeigt jetzt 8 an“), und Vorhersagen der Basissätze können formal eindeutig aus der Theorie vorhergesagt werden. Ob so etwas wie ‚Emergenz‘ in dem von Dir zitierten Sinne wirklich irgendwo demonstriert ist weiss ich nicht. Aber es hat methodisch nichts mit dem zu tun, was die Grundlagenforschung tut.

    2.) In der Tat ist das hier noch etwas verkürzt. Geht ja nun auf einem Blog nicht anders, gerade von @drehumdiebolzen 😉 Natürlich gibt es metaphysische Einflüsse, insbesondere bei der Erfindung von neuen Theorien. Das schrieb ich auch weiter unten. Aber es wäre schon allein wissenschaftshistorisch vermessen, dies zu einem langfristig dominierenden Effekt zu erklären. Es gibt keine gesellschaftlichen Einflüsse, welche uns einreden, dunkle Materie wäre eine bessere Idee als MOND. Genauso, wie es das Experiment war, das die klassische Physik erledigte, kein gesellschaftlicher Einfluss. Daher diene meine Erwiderung nur dazu, den *dominanten* Effekt bei der Konstruktion neuer Theorien, und den ausschliesslichen Effekt bei Ihrer Zerstörung zu beschreiben: Das Experiment. dass dieser Effekt in Deiner Erklärung aber *fehlte*, obschon dominant, das hat mich dazu angeregt, dies hier so sehr zu betonen. Noch dazu, wo sich insbesondere bei der Fehlersuche (z.B. wo ist der Fehler? Fliegen Neutrinos überlichtschnell, oder ist die Theorie der Messapparatur falsch?) viele *nicht gesellschaftlich, aber methodisch* beeinflusste Vorurteile finden lassen, welche durch spannende Diskussion *und Experimente* gelöst werden müssen.

    3.) Wenn Du in Bezug auf Übereinkünften von methodischen Überinkünften sprichst stimme ich Dir voll zu. Aus dem Rest Deiner Erklärung folgte für mich, dass Du inhaltliche Übereinkünfte meinst.

    4.) Es ist immer wieder schwierig, ausgiebig genug zu erklären. Ich hatte selbst schon MOND erwähnt, wie Dir vielleicht entgangen ist. Und ich hatte vorsichtig formuliert, dass es bei der dunklen Energie (hier)/dunkle Materie (anderer thread) darum geht, sie wissenschaftlich konsistent zu *beschreiben* Es ist mir also bewußt, dass die *Existenz* der dunklen Materie ein ungeklärtes Problem ist, nicht aber seine Beschreibung! Denn die Rotationskurven der Galaxien, die Hintergrundstrahlung, BAO, TypeIIa Supernovae, all das lässt sich am allerbesten mit dunkler Energie und dunkler Materie beschreiben, und zwar vollkommen unabhängig von jedem soziologischen Einfluss. Man mag es aus welchen Vorurteilen heraus auch immer für keine gute Idee haben, Dunkle Materie mittels Teilchen zu beschreiben (ich kenne viele Kollegen, die legitim dieser Meinung sind), aber wir stimmen überein, dass die gegenwärtig beste Beschreibung der Kosmologie das kosmologische Standardmodell mit DE und DM ist. Es kommt nun darauf an, dies in weiteren Messungen zu präzisieren, um herauszufinden, welches der (metaphysischen) Vorurteile im Sinne einer Beschreibung der Messungen am weitesten trägt.

    5.) Es ist die Frage, was Du mit ‚absoluter Objektivität‘ meinst. Ich hätte diesen Begriff nicht verwendet, denn es passieren Fehler. Die *wenigsten* davon mit Absicht. Deshalb ist das Bild der Natur in den Naturwissenschaften zu keine gegebenen Zeit fehlerfrei. Aber im laufe der Zeit (ohne angeben zu können, wie lange das dauert) finden wir immer mehr Fehler. Und zwar durch Konfrontation unserer fundamentalen Theorien, unserer Theorien des Messprozesses, mit immer mehr Ideen und immer mehr Experimenten. Dieser Fortschritt ist objektiv beschreibbar und objektiv messbar. Daher stellt er auch kein ‚End of History‘ dar: Denn was sagt mir schon, was ich im nächsten Experiment herausfinde? Auch das ist ein seltsames Phänomen, das ich nicht verstehe: Die Naturwissenschaften machen den ganzen tag nichts anderes, als zu versuchen, ihre eigenen Theorien zu widerlegen. Wirklich. Und was kommt als Kritik? Ihr seid arrogant, ihr produziert monologische „Wahrheiten“, die andere glauben sollen, usw. Warum? Mein Tipp: Weil diese Kritiker unsere Methode nicht verstanden haben. Im übrigen gibt es hier auch nirgends von mir ein Argument dafür, dass wir die *bestmögliche* Methode gefunden haben. Das sieht man schon an ‚moderneren‘ Entwicklungen: man könnte die strikte Verwendung blinder Analysen, oder die strikte Veröffentlichung von Nullresultaten im Vergleich zu früher durchaus als (kleine, aber wichtige) Fortentwicklung der naturwissenschaftlichen Methode sehen.

    6.) Was Du mit „unlösbaren Problemen“ meinst ist mir jetzt leider unklar. natürlich weiss ich, dass wir die absolut „wahre“ Weltformel nie finden werden, genauso wie wir nur sicherstellen können, dass unsere Methoden logisch fehlschlussfrei und *optimiert* sind, aber nie weiss, ob sie das bestmögliche sind. Der Punkt ist aber, dass das mit den ‚inhaltsleeren Aussagen‘ definitiv kein valider Kritikpunkt ist 😉 Oder was meinst Du?

  7. @weltnkreuzer

    Du willst mich schon ein bisschen auf die Schippe nehmen, indem Du mir scherzhaft unterstellst, das Hubesche Induktionsproblem und das Popporsche Abgrenzungskriterium nicht zu kennen? 😉

  8. Ein Nachtrag… Weil hier noch Bruno Labour lobend erwähnt wurde… es kann ja sein, dass es andere Gebiete gibt, auf denen er wissenschaftliche Beiträge geliefert hat. Aber die Wissenschaftstheorie war das sicher nicht. Legendär ist sein Einstein-Text, den ich mal wieder rausgekramt hatte. Wer Einstein so beschreibt, hat ihn ganz offensichtlich nicht im geringsten verstanden: http://www.bruno-latour.fr/sites/default/files/31-EINSTEIN%20SSofSpdf.pdf Man könnte vermuten, er hätte das als Parodie gemeint.

    Es sollte für die Vertreter der sozialkonstruktivistischen Denkschule, der Latour nahesteht, ziemlich einfach zu verstehen sein, dass es nichts bringt, sich über Einstein auszulassen, wenn man keine Ahnung hat, worum es geht. Es gibt auch leichter lesbare Abhandlungen darüber, z.B. http://www.physics.nyu.edu/sokal/le_monde_english.html

  9. Ohne euch hier unterbrechen zu wollen: könntest du mir „Modell“ in den Kontext einordnen?
    Hintergrund: in der empirischen Wirtschaftswissenschaft sind Experimente so gut wie nie möglich (bzw die sog. Experimentelle Wirtschaftsforschung ist sehr in den Kinderschuhen und umstritten), d.h. wenn wir eine Theorie, von der ich denke, dass wir der naturwissenschaftlichen Definition folgen, gehen wir üblicherweise über ein (möglichst formal-analytisch lösbares) Modell und dann eine ex-post Datenanalyse. Nun bedeutet Modell im Sinne der Wirtschaftstheorie zweierlei. Einerseits einfach die Darstellung/Präzision einer verbal aufgestellten Theorie in Form eines i.d.R. in sich geschlossenen Gleichungssystems, andererseits aber auch immer eine Vereinfachung des vermuteten tatsächlichen Zusammenhangs, insb. weil eine Partialbetrachtung erfolgt. Beispiel: Es gibt recht gut empirisch gesicherte Modelle zu den Determinanten des Wirtschaftswachstums. Diese beinhalten aber nur Makro-Variablen wie Kapitalstock, BIP, … und nicht die darunterliegenden individuellen Haushaltsentscheidungen, wie Sparverhalten, Arbeitsangebot, …
    Jetzt du. Wie ordnest du das ein, wenn man berücksichtigt, dass wir Experimente mit Gesellschaften schlicht aus ethischen Gründen idR ausschließen , dennoch aber eine möglichst eine empirische Überprüfung anstreben.
    P.S. ich lasse die Stolpersteine im Bereich der Interpretation mal außen vor

  10. Modelle sind ja immer Vereinfachungen, die versuchen, so einfach wie möglich so genau wie möglich zu sein. Das geht ja gar nicht anders. Ich finde das Beispiel mit der Newton’schen Mechanik im Vergleich zur Relativitätstheorie dafür immer recht anschaulich. Im Physikunterricht haben wir alle irgendwann mal die Gravitationskonstante auf der Erde bestimmt. Und für unser alltägliches Leben reicht dafür das Newtonsche Modell vollkommen aus. Erst wenn es um Geschwindigkeiten geht die weit jenseits dessen liegen, was wir im Alltag so erleben, muss man relativitisch rechnen um nicht total daneben zu liegen. Oder im Chemieunterricht haben wir verschiedene Atommodelle gelernt. Für die einfachen Sachen tat es das Bohrsche Atommodell, als es dann aber darum ging, wie aromatische Verbindungen aufgebaut sind, wurde klar, dass die Messungen der Atomabstände mit dem Bohrschen Atommodell nicht erklärbar sind und es wurde das Orbitalmodell eingeführt.
    Und dass den Ökonominnen keine experimentellen Daten vorliegen sehe ich nicht so. Ihr macht halt keine Versuchsplanung, sondern Politikerinnen denken sich die Experimente aus. Und mit den Daten füttert ihr eure Modelle.
    Ich glaube auch, dass es @zusehrverkuerzt gar nicht darum geht, die empirischen Naturwissenschaften als die einzig legitime Wissenschaft zu postulieren. Sondern darum aufzuzeigen, warum die Kritik der Essentialistinnen, man könne gar keine wertfreie Aussage über irgendwas treffen, schlicht falsch ist. Bzw. warum diese Aussage trivial ist. Dass sich empirische Rationalistinnen der Problematik des bias durchaus bewusst sind und es gerade darum geht, sich ständig zu fragen, wo könnte der Fehler in meiner Theorie liegen.

  11. Das Problem an der Sache wenn sich Politikerinnen Experimente ausdenken ist, dass es dann keine Kontrollgruppe gibt (außer in seltenen Einzelfällen, die wir dann auch tatsächlich „natürliche Experimente“ nennen, die dt. Wiedervereinigung ist so ein Einzelfall, der uns schlagartig für sehr viele Dinge eine Kontrollgruppe beschert hat) – d.h. ich kann zwar den Effekt einer best. Politik beobachten, aber nicht isolieren, dass es tatsächlich der Effekt der Politik ist, weil sich zeitgleich ja Millionen andere Einflussfaktoren geändert haben. Nur wenn wir also eine Politik nur für eine Teilgruppe durchführten, könnten wir letztlich sauber evaluieren. Es gibt natürlich sog. treatment studies, die das so machen. Aber diese finden fast nur in Entwicklungsländern Anwendung – warum wohl? Womöglich, weil dt. Ethikkommissionen das bei Leuten in „weit weit weg“ weniger dramatisch finden?

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  14. Ich wollte nicht unterstellen, dass @zusehrverkürzt die empirische Naturwissenschaft als einzige Wissenschaft begreift.Mir ging es nur um die Einordnung. Ich bin es gewohnt ständig neu zu verhandeln, was empirisches Arbeiten ist, was zulässige Vereinfachung ist, was Simulation was Analyse ist usw. Die Grenzen sind in den meisten Disziplinen vermutlich fließender, schon in der Ingenieurwissenschaft, oder nicht? Das schärft den Sinn für eindeutige Abgrenzung.
    Und bzgl. der Modelle ist es auch so. Die Grenzen der zulässigen Vereinfachung sind nicht genau und verschieben sich mit der Zeit und zunehmendem Wissen (vor allem auch zunehmender Rechenleistung).

  15. In den Ingenieurwissenschaften ist es sogar so, dass vielen das Falsifikationsprinzip gar nicht klar ist. 😀
    Und ich meinte auch gar nicht, dass du das unterstellst, sondern ich wollte es ganz allgemein nochmal deutlich machen, weil ich ein bisschen das Gefühl hatte, manche fassen das so auf.

  16. ‚Wir sehen an diesem Beispiel, dass 1.) bis 3.) nicht aushandelbar sind‘

    Das würde ich bestreiten. Unsere Wahrnehmung hängt von unserem Wissen, unseren Geisteszustand (der wiederum von unserer kulturbedingten Erziehung), davon wie wir auf die Situation vorbereitet sind und unseren Erwartungen ab. Außerdem setzen Beobachtungsaussagen einen geeigneten konzeptuellen Rahmen vorraus.
    Und das kann natürlich alles sozial ausgehandelt werden.

  17. @basementBoi

    Ein bekannter Einwand. Der hier auch in den Kommentaren schon partiell behandelt wurde.

    Dass Beobachtungsaussagen einen engen ‚Rahmen‘ voraussetzen ist unbestritten. das ist ja gerade der Trick: Ein Experiment so zu entwickeln, dass es reproduzierbar auf Veränderung einzelner Einflüsse reagiert, und objektiv Messergebnisse bestimmen zu können. Dass dies hilfreich (ersteres nicht immer notwendig) ist spricht nicht gegen die Methode, sondern macht sie so erfolgreich. Wenn Du willst kannst Du diese methodischen Festlegungen als ‚konzeptionell‘ bezeichnen.

    Unsere Wahrnehmung eines Ergebnisses des Experiments, auf einzelne Beobachtungen reduziert, ist gerade das, was ich mit untersubjektiver Informationsübertragung durch Experimente beschrieben habe. Wenn wir uns einig sind, dass wir z.B. mit „Dieses Messgerät zeigt jetzt 8 an“ immer gleichzeitig beobachten (unabhängig davon, was wir damit ‚wesenshaft‘ * meinen*), können wir uns experimentell überzeugen, dass unser unterschiedliches Wissen, unsere unterschiedliche kulturbedingte Erziehung, unsere Vorbereitung auf die Situation und unsere Erwartung für die Übersetzung unserer Beobachtung in die Basissätze keine Rolle spielt. Und siehe da, diese Experimente klappen wunderbar.

    Auch bei der Ableitung der Vorhersagen der Basissätze aus den formalen Theorien erreichen wir komplette Konvergenz, unabhängig von unseren metaphysischen Erwartungen. Auch dies können wir testen. Damit sind 1.) bis 3.) nicht aushandelbar. Die Beobachtung überprüfen wir intersubjektiv. Die Messfehler unserer Messapparatur messen wir, wir handeln sie nicht aus. Die fundamentalen Theorien werden formal eindeutig formuliert und konkurrierende Theorien auf den gleichen Experimenten getestet, um sie vergleichbar zu machen. All dies ist nicht aushandelbar.

    Nun sollte ’nicht aushandelbar‘ nicht mit ‚von aussen vorgegeben‘ verwechselt werden. Denn wir erfinden unsere Theorien, wir erfinden unsere Messapparaturen, wir entwickeln konkurrierende Ideen, welche Messapparatur besser ist und wie wir besser die Messgenauigkeit der Messgeräte überprüfen können, und wir entwickeln unterschiedliche Ideen für fundamentale Messungen, die wir in der Zukunft durchführen können. Darüber streiten wir uns, indem wir gegenseitig und selbst kritischst Fehler in unseren eigenen Messapparaturen und in denen unserer Kollegen suchen, und umgekehrt, und uns streiten, welches noch durchzuführende Experiment die besten Chancen hat, in der Zukunft Fehler in der Theorie aufzudecken, indem wir die erwartete Genauigkeit, Robustheit und Entdeckungspotential verschiedener technischer Ansätze vergleichen. All dies ist ein kreativer Prozess, und welche Theorie, welche Messapparatur erfunden werden wird, was zukünftige Experimente messen werden, das ist nicht a priori vorhersehbar.

    Aber: Das ist kein Aushandeln um sozialwissenschaftlichen Sinn. Wir handeln nicht aus, wir kritisieren, finden Fehler und erfinden Experimente und Theorien. Wir sagen nicht ‚wenn ich zustimme, dass Du da recht hast, dann sagst Du dass ich dort recht habe‘. Unsere Theorien mögen auch von unseren metaphysischen Vorstellungen inspiriert sein — „Gott würfelt nicht“ ist ein klassisches Beispiel. Aber auch eines, das zeigt, warum es nicht um aushandeln geht: Denn natürlich war dem berühmten Schöpfer dieses Zitats klar, dass seine metaphysische Forderung gegen die experimentelle Bestätigung des EPR-Paradoxons keine Chance haben würde, und so kam es dann auch. Wir handeln nicht mit kulturellen Vorstellungen, wir haben einen Scharfrichter, der das für uns erledigt: Das Experiment, das Kombinationen aus Theorie der Messapparatur und fundamentaler Theorie gnadenlos zugrunde richtet, unabhängig von jeder kulturellen Vorbildung Vorstellung, und metaphysischem Vorurteil. Große Ideen wurden gegen alle kulturelle Vorstellungen von diesem Scharfrichter gerichtet: Der Mensch im Zentrum des Universums, die klassische Elektrodynamik, die klassische Mechanik, die einfach quantisierte Quantenmechanik, wunderschöne Ideen wie Technicolor, sind alle schon endgültig erledigt, und auch die schönste aller Theorien, die Supersymmetrie, ist gerade dabei, trotz all meiner Liebe zu ihr, vor meinen Augen von diesem Scharfrichter zugrunde gerichtet zu werden. Da werde ich nichts zu handeln haben: Die einzige noch fehlende Vervollständigung der Pioncare-Gruppe kann vielleicht bald den Weg der tausenden wunderschönen nicht erfüllten Ideen gehen, egal wie sehr sie mir und anderen kulturell am Herzen liegen mag. Ich arbeite daran, die Supersymmetrie zu finden oder ihr selbst (zusammen mit vielen anderen) den Todesstoss zu versetzen, und alle Analysen dazu sind blind, und was daraus herauskommt wird das Urteil sein.

    das war jetzt Absicht pathetisch. Einfach nur, um den Unterschied zum gesellschaftlichen Aushandeln begreifbar zu machen. Denn dort gibt es keinen Scharfrichter, der die Ziele von mehr oder von weniger ökonomischer Gleichheit, von mehr oder weniger Förderung der Kultur, von tieferer klassischer Bildung oder praktischerer technischer Bildung jeweils voneinander unterscheiden können. Es ist legitim, diese Ziele in beliebigster Kombination verfolgen zu wollen, und kein Experiment kann uns dabei helfen, diese konträren Ziele gegeneinander abzugrenzen. Wir können das nur aushandeln, und das nennt man dann Politik. *Wie* man ein politisches Ziel am besten erreicht, das ist dann wieder eine andere Frage, bei der Experimente helfen können.

  18. Im übrigen würde es dieser Debatte mal helfen, wenn einmal auch nur ein konkretes Beispiel vorgebracht würde, in dem ein wissenschaftliches Ergebnis, also Wissen über die erfolgreichen noch nicht falsifizierten Aussagen über die Natur, oder wissenschaftliche Ergebnisse, „ausgehandelt“ wurde. Ich wüsste *keines*.

    Ich wüsste dagegen — wenn man die wissenschaftliche Methode unbedingt brutal kritisieren möchte, was legitim ist — viele *fehlerhafte* wissenschaftliche Ergebnisse, aber deren Fehler wurden in den seltenstenen Fällen absichtlich erzeugt (man denke hier an einige berühmte Fälschungen von Ergebnissen zum Zwecke des Karriereboosts), und die wissenschaftliche Methode war in all diesen Fällen sehr effizient darin, die abschichtlichen oder in den meisten Fällen unabsichtlichen Fehler im Aufbau oder Interpretation der Messapparatur zu finden. In jedem Fall sind weder die Fehler noch ihr Finden ‚aushandelbar‘.

    Die Überprüfung jedes Resultat durch konkurrierende Gruppen mit extremer Motivation, Fehler in der Messung der Konkurrenz zu finden, ist mit Absicht Teil der wissenschaftlichen Methode. Das heisst nicht, dass die Umsetzung dieser Methode perfekt ist. In einigen Feldern würde die konsequentere Veröffentlichung und Würdigung von Nullresultaten wesentlich zur Verbesserung der Praxis beitragen, und in vielen Fällen könnten Analysen blind oder doppelt blind durchgeführt werden, wo dies noch nicht der Fall ist.

    Ich denke, ich bringe hier viele konkrete Beispiele und viele methodische Anleitungen. Eine konkrete Beschreibung des offenbar von einigen Kommentatoren für real erachteten Aushandeln fände ich interessant.

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