Fragiles Glück

Seit Tagen gehen mir diese Gedanken nicht mehr aus dem Kopf. Ganz besonders, wenn ich die kleinen Menschen anschaue, in Momenten, wo ich sie besonders liebenswert finde. Aber auch in den Momenten, wo ich sie besonders doof finde.

Was wäre wenn diese Scheiß-Nazis doch stärker sind als wir? Wenn die noch vor ein bis zwei Monaten deutlich spürbare antieuropäische Stimmung umschlägt in ein Auseinanderbrechen der EU, Interessenskonflikten zwischen europäischen Nationalstaaten und schließlich in offenen Hass gegen alles Fremde, Andere? Wenn die politische Situation kippt hier in Deutschland. Ich meine, Teile der Bundesregierung hauen jetzt schon Sprüche raus, die mir den Atem stocken lassen. Dann diese freiheitsfeindlichen Tendenzen im Bereich der inneren „Sicherheit“. Ein offen verfassungsfeindlicher „Verfassungsschutz“, der vom Innenminister gedeckt wird. Es braut sich da eine Gemengelage zusammen, die mir ernsthaft Angst macht. Und ich weiß, dass ich mich ziemlich schnell in Gefahr bringen würde. Dass mich schon allein mein digitaler Fußabdruck, den ich schon jetzt hinterlassen habe, in Gefahr bringen kann.

Ich halte die Möglichkeit, dass ich, um die kleinen Menschen zu schützen, alles hier (einen tollen, gut bezahlten Job, der Sicherheit und Luxus bedeutet, eine schöne große Wohnung, Freunde, meine Familie, meine Nähmaschinen und damit ein sehr wichtiges Hobby für mich,…) zurücklassen müsste, mich auf die Flucht begeben müsste, weil ich hier für meine teilweise unkonventionellen Ansichten verfolgt und bedroht werde, mittlerweile für ein nicht total abwegiges Szenario. Ihr mögt mich für Kassandra halten, aber 1933 ist ja auch nicht einfach so passiert. So sehr ich Diederich gehasst habe, so sehr hat es mich beeindruckt, dass Heinrich Mann schon 1914 gesehen hat, was da kommen wird.*

Die Welle der Hilfsbereitschaft, die sich da gerade dem Hass, der sich in brennenden Unterkünften, in gewalttätigen Protesten und ekelhaftesten Kommentaren bei Facebook und in den Kommentarspalten der Onlinemedien Bahn bricht, entgegenstellt, beruhigt mich. Noch. Aber verdammte Scheiße, dass es Tage gedauert hat, bis sich Merkel zu den Vorfällen in Heidenau geäußert hat, dass Spitzenpolitiker der CSU fast täglich irgendeinen menschenfeindlichen Müll von sich geben, dass die Presse lange von „besorgten Bürgern“ statt „rechten Terroristen“ schrieb, das ist real! Es gab genügend Leute, die mich für gaga hielten, als ich letzten Sommer auf Facebook Leute entfreundete, die anlässlich der Männer-Fußball-WM ihr Profilbild schwarz-rot-gelb färbten. Vollkommen überzogene Reaktion auf einen gesunden Patriotismus. Und ein Jahr später haben wir den Salat. Nein, nicht jeder, der letzten Sommer Deutschlandfahnen schwenkte, zündet Flüchtlingsunterkünfte an. Aber diese Gruppenidentifikation schafft ein Klima, in dem sich die Nazis sicher fühlen, dass sie sich sowas überhaupt erlauben können. Flüchtlingsunterkünfte anzünden ist keine freie Meinungsäußerung. Das ist eine Straftat. Und jeder Politiker, der da noch was von „Ängste der Bürger ernst nehmen“ schwafelt, der verharmlost eine Straftat!!!

Ich schweife ab. Ich schaue also die kleinen Menschen an und frage mich wirklich ernsthaft: Würden sie, diese an Luxus und Überfluss gewöhnten Kinder, eine Flucht überhaupt durchstehen? Wie würde ich das durchstehen? Alles aufgeben, unter Aufbringung aller meiner körperlichen, seelischen und finanziellen Kraft versuchen in Sicherheit zu kommen. Zu wissen, dass man dort, wo man dann zwar in Sicherheit ist, nicht besonders gewollt ist. Sozial ganz unten auf der Leiter zu stehen. Die Vorstellung, den Liebsten, die kleinen Menschen auf der Flucht zu verlieren. Tagelang nichts zu essen zu haben. Nichts zu trinken. Nur die Kleider, die wir anhaben. Unsicherheit, totale Erschöpfung. Und ein 3-jähriger, der noch nicht versteht, dass er leise sein muss, wenn man sich irgendwo über die Grenze schleicht. Schlepper, die sich einen Dreck darum scheren, ob man überlebt, hauptsache man zahlt irrwitzige Preise für vollkommen halsbrecherische Aktionen. Getrennt zu werden von den kleinen Menschen, vom Liebsten, in den Wirren der Flucht. Zu sehen, was diese Flucht mit ihnen macht. Angst, Hunger, Durst, Todesangst,… **

Ich schreibe das nicht, weil ich hier über meine potentielle Situation jammern möchte. Ich lebe hier in relativer Sicherheit und Luxus. Nur versuche ich mir vorzustellen, wie sich das anfühlt, was die Menschen, die aus echter Todesangst und Bedrohung kommen und die aktuell hier Schutz und Sicherheit suchen, durchmachen. Und auch wie schnell wir alle in eine solche Situation kommen können. Wir denken, das alles ist so weit weg. Hier ist doch alles tipitopi. Aber jede von uns hat in ihrem Bekannten-, Verwandten- und Freundeskreis Menschen, die unter abenteuerlichen, lebensbedrohlichen Umständen mittels Schleppern (damals Fluchthelfer genannt) aus der DDR und anderen Ostblockstaaten geflohen sind. Ihr eigenes 2-jähriges Kind betäubt haben, sich in doppelte Böden von Autos und LKW gezwängt haben. Das alles, als wir schon auf der Welt waren, also noch nicht allzu lange her.

Wenn ich mich heute für die Geflüchteten engagiere, die hier ankommen, dann mache ich das nicht nur deshalb, weil ich Mitgefühl für diese Menschen habe sondern auch, weil ich dadurch klar und deutlich zeige, dass ich die Hoffnung (noch) nicht aufgegeben habe, dass die rechten Menschenfeinden hier einer unüberwindbaren Opposition gegenüberstehen.

Dies ist ein Beitrag im Rahmen der Aktion „Bloggerinnen für Flüchtlinge„. Jetzt überweise ich erstmal einen Geldbetrag dieser Initiative, morgen sortiere ich mit den kleinen Menschen Spielzeug aus. Und wenn noch jemand weiß, ob im Kölner Raum ein Backofen und Herd für eine Wohnung für Geflüchtete gebraucht wird, möge sie sich bitte melden.

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* Der Liebste empfiehlt an dieser Stelle noch „Erfolg“ von Lion Feuchtwanger.

** Noch viel krasser, schonungsloser, eindrücklicher wird hier eine potentielles Fluchtszenario aus Deutschland  beschrieben http://emilundida.com/2015/08/28/emil-schreit-niemals-sollte-ein-kind-sehen-wie-sein-vater-geschlagen-wird/ Allerdings möchte ich hier eine Warnung ausprechen: Ich hab beim Lesen geweint und saß danach minutenlang apathisch vorm Rechner.

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8 Gedanken zu „Fragiles Glück

  1. Da ist nichts hinzuzufügen. Ich habe auch ständig die Bilder im Kopf mit meinen noch kleinen Kindern auf der Flucht zu sein. Auch die Frage, wie es meine jetzt 15 & 17jährigen Kinder verkraften würden.
    Danke & herzliche Grüße
    Sabine

  2. Ich nehme tatsächlich jetzt erst so richtig wahr, dass meine Eltern uns als Kinder genau auf diese Weise versucht haben die Notwendigkeit von Toleranz und Solidarität deutlich zu machen. Und uns vor Augen geführt haben, dass Totalitarismus und Faschismus beliebig ist, dass man nicht „die Guten“ ist und deshalb vor Verfolgung sicher für alle Zeit. Indem sie gesagt haben „was würden wir tun, wenn auf einmal LKW kämen und die Nachbarn gegenüber mitnähmen?“ „Was wenn eines Tages Papas Bürokollege nicht mehr zur Arbeit käme, nachdem er in der Woche davor einen kritischen Artikel geschrieben hat?“ „Was wenn ein Erschießungskommando in die Schule käme und euren links-außen Politiklehrer exekutieren würde?“ Dann bräuchten wir Hilfe von anderen und wären darauf angewiesen, dass Menschen uns verstecken, dass andere Staaten uns aufnehmen, dass jemand unsere Sachen kauft und sowas. Und deshalb helfen wir anderen Menschen, weil es immer irgendwo auf der Welt böse Leute gibt, vor denen Menschen fliehen müssen.
    Ich habe da oft dran gedacht in den letzten Tagen und kann deinem Post nur in vollem Umfang zustimmen.

  3. Danke für diesen Post, aus vollem Herzen Danke!
    Seit Tagen schwirren Gedanken im meinem Kopf, die ich noch nicht richtig ordnen kann, nicht auf Papier bzw. virtuell schreiben kann. Dein Beitrag hilft hier ein bisschen mehr Klarheit zu bekommen.

  4. Pingback: Zurück zu den 80ern | Michou loves Vintage

  5. Jeder normale Mensch macht sich derzeit wohl solche Gedanken. Die Familie meines Vaters musste während des Krieges aus Ostpreußen flüchten. Die Erzählungen bzw. Diskussionen darum bestimmten meine erste Lebenshälfte. Besonders die Unfreiwilligkeit des Verlassens von Haus und Hof, das NIcht-mehr-zurückkehren-können hat meine Großeltern lebenslang gequält. Da heute Flexibilität bei der Wahl des Wohnortes gang und gäbe ist, erscheint es vielen vielleicht nicht so schlimm, woanders leben zu sollen. Es macht aber wohl einen Unterschied, ob man etwas geplant und freiwillig tut oder gerade jetzt die Kaffeetasse stehen lässt und mit dem Nötigsten in die Ungewissheit zieht.
    Die Auswirkungen eines Krieges sind auch in den Nachfolgegenerationen nachweisbar, da die Psyche tiefgreifenden Schaden aufweis, was Lebensweise und Erziehung betrifft. Das Vertrauen ist grundlegend erschüttert etc. Erst jetzt gibt es dazu Forschungsarbeit, den 2. Weltkreig betreffend.
    Und dann; wenn es uns träfe, wo sollten wir hin?
    Was das rechte Gedankengut angeht, sollte man sich keinen Illusionen hingeben. Grundzüge sind tief in der Gesellschaft verwurzelt und daher sind sich diejenigen, die diese Gesinnung offen zur Schau tragen relativ sicher, „Volksmeinung“ zu vertreten. Diese Denkweise ist eine Möglichkeit, seine Unzufriedenheit mit jetzigen Verhältnissen auszudrücken ohne sich unterstellen lassen zu müssen, kommunistischen etc. Idealen anzuhängen. Lieder ist es so, dass in der Gesellschaft braune Gesinnung immer noch eher akzeptiert wird als linke. Das zögerliche Verhalten der Politik gegenüber Auswüchsen scheint da eine eigene Sprache zu sprechen.

    Petra

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