Hochglanznaivität

Kurze Unterbrechung des Wohlfühlprogramms auf diesem Kanal für einen kleinen Rant. Morgen gehts dann weiter mit Familienurlaubsflausch, versprochen!

Während die einen jammern, dass an ihrem Elend doch immer nur die anderen (Gesellschaft, Strukturen, Patriachat) Schuld sind, erzählen uns nun andere, dass wir doch schlicht selber schuld seien, wenn wir unseren Traumlifestyle, unseren Traumjob und unsere Traumkinder nicht total easy und entspannt unter einen Hut bekommen.

Am Wochenende wurde ich via featurette.de auf einen Artikel von Teresa Bücker aufmerksam in dem sie für das online Magazine Edition F die Profibloggerin und Fotografin Katja Hentschel porträtiert. Bzw. ihr massiv Platz für Selbstmarketing einräumt. Selbstmarketing ist ja an sich nichts schlechtes, aber wenn es derart substanzlos und oberflächlich ist, wie in diesem Fall, nunja, dann ist das irgendwie wohl eher Angeberei.

In dem Portrait erklärt uns also Katja Hentschel, dass Vereinbarkeit von Mutterschaft und Job ganz viel mit Einstellung zu tun habe. Nach 5 Wochen Mutterschaft weiß sie zu berichten, dass sie die anstrengendste Zeit mit dem Baby ja bereits erlebt habe. Und dass das ja alles halb so wild sei, und sie finde, es fehle an positiven Vorbildern in den Medien, wie man es schaffen könne Elternschaft und Karriere zu verbinden. Deshalb hat sie parallel zum Kind kriegen noch ein neues Blogprojekt gestartet. Ein Gemeinschaftsblog, welches eben diese positiven Vorbilder zeigen will.

Ich mein, ernsthaft? Nach 5 Wochen weiß sie wirklich wie der Hase läuft? Weil sie ja schon 5 Tage nach der Entbindung wieder im Cafe war? Wieviel Prenzlauer Berg Hipster Klischee kann man eigentlich in ein Leben packen? (Okay, das war jetzt unfair. Katja Hentschel hat nun mal dieses Leben, und das gönne ich ihr auch von Herzen.) Aber für die allermeisten Frauen besteht das Leben nun mal nicht darin, in High Heels um die Welt zu jetten, in Prenzlauer Berg Kaffee trinken zu gehen und ein Leben wie im Hochglanzmagazin zu inszenieren. Okay, das ist die eine Seite.

Es gibt aber auch noch die andere: Mir geht regelmäßig die Hutschnur hoch, wenn ich lese, höre, erlebe, dass es nun mal nicht anders gehe, als dass ein Elternteil Teilzeit arbeite, dass das nun mal meist die Frauen seien, weil die ja eh schon den geringeren Verdienst haben, weil ja der Kindergarten nur bis 12 Uhr Mittags geht, dass der Kindsvater in seinem Job auf keinen Fall mehr als 2 Monate Elternzeit nehmen könne (die dann gerne auch gleichzeitig mit der Mutter genommen werden, um gemeinsam eine Weltreise zu machen, statt der Frau dadurch den Rücken für den Wiedereinstieg in den Beruf freizuhalten), etc. pp. Am meisten ärgern mich solche vorgebrachten Klagen von Frauen, die sich als Feministinnen verorten und die Gesellschaft, das Patriachat und die Machtstrukturen dafür verantwortlich machen. Verdammt nochmal, kriegt euern Arsch hoch, verlasst eure Komfortzone and get real!

Ich wusste als Teenager schon, dass ich nie nie niemals auch nur irgendwie finanziell abhängig von irgendjemand sein wollte, wenn ich mal groß bin. Keine Ahnung, ob das einen großen Einfluss auf meine Studienwahl hatte, aber ich habe einen Beruf gelernt, der realistisch in Aussicht stellt und aktuell auch realisiert, dass ich genug Geld verdiene um eine Familie zu ernähren. Klar kann ich ein Ingenieursstudium nur empfehlen, wenn einer sowas auch Spaß macht, wenn sie vor einem Doppelbruch keinen Monsterschreck im Matheunterricht bekommt, und auch Textaufgaben im Physikunterricht ihr Ding sind. Als ich dann in der Situation war, dass ich plötzlich nicht mehr nur Verantwortung für mein eigenes Leben zu tragen, sondern da auch noch der große kleine Mensch (und dessen Vater) war, merkte ich, dass das mit der totalen Unabhängigkeit und dem selbstbestimmten Leben etwas tricky werden könnte. Ich fand nämlich nach der Geburt des großen kleinen Menschen keinen Job in der Stadt, in der der Liebste als Wissenschaftler eine feste Stelle hatte. Sich damit abzufinden, sich halt irgendeine Arbeit zu suchen, was völlig anderes zu machen, und darüber zu klagen, dass alles so gemein und ungerecht ist, und ich auch nicht so genau weiß, warum ich mich plötzlich in einer klassisch rollenverteilten Ehe wiederfinde, wie konnte das passieren, das ist nicht mein Ding. Es war klar, wir müssen unseren Plan ändern. Und das war für uns beide klar. Dieses „Hups, mein Partner ist plötzlich der totale Machochauvi, seit das Kind da und ich zu Hause“ ist auch was, was ich nur sehr bedingt nachvollziehen kann. Es folgte also eine sehr schmerzhafte Zeit, in der ich für den tollsten Job, den ich mir vorstellen konnte, nach Köln zog, während der Liebste und der große kleine Mensch in Hamburg blieben. Für den Liebsten hätte es hier im Rheinland beruflich sogar eine Übergangslösung gegeben, aber hier in NRW war das 2010 mit spontan verfügbarer U3-Betreuung aussichtslos. In Hamburg hatten wir einen Kitaplatz. Für den Liebsten war das keine schöne Zeit, wochentagsalleinerziehend und immer die Perspektive vor Augen, seine Wissenschaftlerkarriere aufgeben zu müssen, wenn wir wieder als Familie zusammenwohnen wollten. Trotz meines höheren Einkommens habe ich von verschiedenen Seiten zu hören bekommen, dass ich seinen Lebenstraum zerstöre. Schlussendlich fügte sich eins ins andere, wir zogen nicht nach Köln, weil es dort schlicht unmöglich war, eine vernünftige Kinderbetreuung zu finden, sondern in eine Nachbarstadt, total unsexy, aber pragmatisch und der Liebste gewann in der Wissenschaftlerlotterie und bekam eine feste Stelle an einer hiesigen Uni. Ich bin fest davon überzeugt, dass sich all die Schmerzen, die Tränen, die Sehnsucht sowas von gelohnt haben und ich bin froh, dass wir an uns, an unsere Träume, an unsere Karriere geglaubt und daran festgehalten haben, auch als es sehr sehr schwer auszuhalten war. Es ist eine Frage der Prioritäten und für mich war und ist klar: Ich habe nicht 10 Jahre Zeit und Geld in eine Ausbildung investiert, um am Ende beim Job einen großen Kompromiss einzugehen.

Aus der heutigen Perspektive (Vollzeitstelle im Traumberuf, 2 Kinder, Mann festangestellter Wissenschaftler, der 50% der Sorge- und Reproduktionsarbeit leistet) würde ich sagen: Joah, ziemlich so hab ich mir das vorgestellt. Aber: es ist verdammt anstrengend! Es ist hart erkämpft. Wir hatten gute Ausgangsbedingungen. Gute Ausbildung, renommierte Hochschulen, körperlich und psychisch gesund, konnten immer füreinander sorgen (finanziell, emotional und in der alltäglichen Praxis). Das alles ist nicht selbstverständlich und das meiste liegt außerhalb unseres Einflussbereichs.

Und deshalb wehre ich mich entschieden dagegen, wenn eine Frau, die seit 5 Wochen Mutter ist, einen hochflexiblen, weitestgehend selbstbestimmten Job hat, uns erzählen will, dass die Frauen sich nicht so haben sollen, das ist doch voll easy, Kind und Karriere. Mein Traumjob sieht nunmal etwas anders aus. Ich gebe zu, ich bin aus verschiedenen Gründen kein Typ für die Freiberuflichkeit. Ich bin ein Sicherheitsjunkie. Ich finde es für mein seelisches Gleichgewicht verdammt wichtig, zu wissen, wieviel Geld jeden Monat aufs Konto kommt. Außerdem brauche ich feste Strukturen, in denen ich arbeite. Diese festen Strukuren bedingen aber nun mal, das ich da auch nicht so megaflexibel mit den Familienverpflichtungen bin. Ich kann mir mein Leben nun mal nicht um meine Alltagsbedürfnisse drumrumbauen. Mein Job, den ich wirklich sehr sehr liebe, ich will überhaupt gar nichts anderes machen, findet in einem Großkonzern statt. Und noch dazu in einer Männerdomäne. Männer, die größtenteils Alleinverdiener sind, deren Frauen ihnen den Rücken frei halten. Die deshalb auch über Kolleginnen denken, wenn die Mütter sind, dann sind sie genauso wie ihre Frauen zu Hause komplett allein für die Kinderbetreuung und Haushaltsorganisation zuständig. Vergisst eine Mutter mal ihren Fahrradhelm im Büro, dann liegt das daran, dass sie als junge Mutter ja soviel unter einen Hut bringen muss. Egal, wie sehr ich mich für mich anstrenge, mein Leben zu organisieren, ich bewege mich in einem Wahrnehmungsumfeld, in dem ich bewertet werde und in extrem vielen beruflichen Zusammenhängen gibt es Vorurteile gegen Mütter. Dagegen kann ich durch mein eigenes Handeln angehen, aber ich habe keine Garantie, dass ich damit jeden verbohrten Betonkopf bekehre. Ich kann noch so gut sein, noch so sehr wollen, wenn jemand mich immer unter der Blickwinkel „Mutter“ sieht und beurteilt, dann wird es verdammt schwer, den davon zu überzeugen, dass das eigentlich keine Rolle für meine professionelle Beurteilung zu spielen hat und vor allem, dass Väter und Mütter doch bitte wenn schon, dann doch bitte mit den gleichen Vorurteilen zu belegen sind.

Und auch die Kinderbetreuung kann ich nicht um mein Leben drumrum bauen, sondern muss meinen Alltag auch daran ausrichten. Wir sind in der sehr komfortablen Situation, dass unsere KiTa bis 17:30 Uhr geöffnet hat (DER Grund, warum wir NICHT in der hippen Großstadt, sondern in der unsexy Nachbarstadt wohnen). Geht zu zweit. Wenn einer von uns auf Dienstreise ist, kann der andere schon keine 40h/Woche arbeiten. Außerdem: 3 Wochen Sommerschließzeit, die sich nicht mit der vorlesungsfreien Zeit des Liebsten deckt. Ab nächstem Jahr eine offene Ganztagesschulen, wo die Kinder nur bis 16:30 Uhr betreut werden. Kinderkrankheiten die sich nicht an Projektpläne, Betriebsstillstände, Produktionskampagnen halten. Kleinigkeit verglichen mit den Problemen, die ich im Freundinnenkreis so mitbekomme. Ich motze auf hohem Niveau. Aber, und das möchte ich ausdrücklich festhalten, ich sehe, wie privilegiert ich bin, dass viele eben keine Kinderbetreuung bis 17:30 Uhr haben, dass sich viele von einer befristeten Stelle zur nächsten hangeln, keine 10 Tage Urlaub im Allgäu machen können, auch wenn sie sich noch so sehr dafür anstrengen und ihre Prioritäten entsprechend setzen.Die sich abstrampeln, alles geben, sich voll einsetzen und doch ausgebremst werden. Von Strukturen, von schizophrener christdemokratischer Politik, von verbohrten, unflexiblen Arbeitgeberinnen.

Wir brauchen keine Role Models, die uns zeigen, dass man nur genug wollen muss, dann klappt das auch mit der Karriere. Denn wenn es nicht klappt, dann bedeutet das nämlich im Umkehrschluss, dass wir ja schlicht und einfach selber Schuld sind. Ja, Karriere muss man wollen. Beide Geschlechter übrigens. Es gibt auch genügend Männer, die genausowenig ins mittlere Management aufsteigen (wollen), genauso wie es Frauen gibt, die unter Karriere schlicht und einfach „erfüllende Berufstätigkeit“ verstehen. Ich möchte nicht, dass wir mit solchen Erzählungen wie sie bei Glowbus stattfinden, einen unglaublichen Druck auf Frauen ausüben, sich noch mehr anstrengen zu müssen, um ein Leben wie aus dem Hochglanzmagazin führen zu können. Ich halte aber auch nichts davon, es sich in einer vermeintlich ungerechten und von der Gesellschaft erzwungenen Unterlegenheitsposition bequem zu machen und nur die anderen für mein Leid verantwortlich zu machen.

Exemplarisch möchte ich euch hier zwei ganz unterschiedliche, von starken Frauen geschriebene Blogs ans Herz legen:

Frau Brüllen (die heute etwas schneller zum gleichen Thema gebloggt hat ❤ ), eine klare Vorstellung davon hat, welche Prioritäten sie in ihrem Leben setzt und damit, so scheint mir, beruflich das erreicht, was sie will.

Mama arbeitet will auch, aber sie ist leider ein Beispiel dafür, dass wollen alleine nicht genug ist. Sie ist alleinerziehend, unfreiwillig freiberuflich und trotz exzellenter Ausbildung bewegt sie sich finanziell am Existenzminimum.

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22 Gedanken zu „Hochglanznaivität

  1. danke für diesen wunderbaren Text. ich hab zwar keine Kinder, aber wenn ich das lese, kommt mir solidarisch die Galle hoch.

  2. Danke! Auch an Frau Brüllen!

    Nach 20 Jahren Vollzeit-Berufstätigkeit in der IT-Branche – davon knapp 10 Jahre mit einem und knapp 8 mit zwei Kindern – wäre ich stark dafür, Frau Hentschel in 5 Monaten und dann in 5 Jahren nochmals zu befragen. ^^ Nämlich wenn ihr Nachwuchs die ersten Kinderkrankheiten hinter sich hat, sie selbst die erste ausgefallene Kinderbetreuung, wochenlang durchgebrüllte Nächte, den ersten Anruf vom Kindergarten, dass das Kind kotzt und bitte abzuholen sei – etc., etc., etc.

    Von Jobs mit nächtlichem Bereitschafts- oder mit Schichtdienst möchte ich lieber gar nicht erst anfangen. Die gibt’s in Frau Hentschels derzeitiger Bubble wahrscheinlich gar nicht.

  3. Mich überrascht jetzt ein wenig, dass du zu einer einzelnen Perspektive einer Frau diesen Rant ableitest – auch im Kontext der Arbeit, die ich sonst so mache und was ich politisch fordere. Der Text ist ein Portrait, keine Gesellschaftsanalyse, spricht also daher zunächst nur für Katja, die es sich, mal davon abgesehen, nicht leicht gemacht hat zu entscheiden, das Kind ohne Partner in die Welt zu bringen, sondern eben von Anfang an alleinerziehend.

    Du findest übrigens auf Edition F oder wo ich sonst noch so schreibe zur Genüge Kritik an der beschissenen Familien- und Arbeitsmarktpolitik, die es vielen unglaublich schwer macht und weit hinter ihren Möglichkeiten zurück bleibt.

    Vielleicht kann man deswegen aus Katja ein Symptom herauslesen: Wo Strukturen versagen, ziehen sich viele auf sehr individuelle Lösungen zurück. Ich glaube im Bereich von Familienpolitik nutzt das wiederum der Rückwärtsgewandtheit der Lösungen. Familie kostet Kraft, die fehlt, sich für bessere Politik einzusetzen. Dass die Hebammenproteste so mobilisiert haben, überrascht da fast. Übrigens gab es die Tage auf Glowbus ein tolles Interview mit einer Hebamme – sehr weit weg vom Hochglanz.

    Als Autorin ist es mir wichtig, viele Perspektiven zu zeigen. Auch konträre. Katja hat mir persönlich Mut gemacht mit ihrer Haltung, weil ich an meiner eigenen Lage momentan eher verzweifle. Ich bin schwanger, kann es mir finanziell nicht leisten lange in Elternzeit zu gehen – ohne Garantie auf den Kitaplatz für ein Kind unter eins. Kann ich dann den Job, in einem Startup, in dem ich weniger verdiene als in meinem vorigen, überhaupt weiter machen?
    Meine beste Freundin ist mit Kleinkind getrennt und muss den Unterhalt nun einklagen. Muss über Alleinerziehende, denen es schlecht geht, mehr geschrieben werden? Ja. Tut Politik in diesem Bereich zu wenig? Viel zu wenig?
    Hätte ich mich in Katjas Situation für das Kind entschieden? Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht.

    Aber wie du schon sagst: Nur Hochglanz oder nur Jammern führt auch nicht weiter. Und was ich in Katja mag, ist dass sie sehr klar sagte, dass es ohne Solidarität und Unterstützung nicht geht. Das heißt, dass wir uns bei politischen Forderungen unterstützen, und gegenseitig ganz konkret. Da kann es gut sein, wenn ein Text inspiriert oder wütend macht. Ändern tut sich am meisten, wenn wir diskutieren und Debatten anstoßen. Daher danke für deinen Text.

  4. Ganz ehrlich: Mit diesem Kommentar kommt deutlic mehr Inhalt, Analyse und Reflexion rüber als in dem ursprünglichen Portrait. Danke! Die Tatsache, dass du ansonsten sehr interessante Texte mit schlauen Analysen schreibst, hat mich überhaupt bewogen, in die Diskussion einzusteigen. Weil ich es irgendwie echt nicht fassen konnte, dass dieser Text von dir ist. Ich will deine guten Absichten hier auch gar nicht in Frage stellen und auch nicht in Abrede stellen, dass dieses Beispiel Mut machen kann. Ich wünsche Dir, Katja und allen Frauen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, alles Gute.
    Aber alle Frauen, mit denen ich über dieses Portrait gesprochen habe, konnten entweder nur darüber lachen, oder haben sich geärgert. Wie eben auch ich. Jede Frau, die länger als 1 Jahr mit Kind(ern) im Leben steht, hat darüber mehr zu sagen als das, was in diesem Portrait stand. Natürlich brauchen wir Mutmacherinnen, die uns erzählen, dass man auch mit einem 5 Tage alten Säugling nicht aufs Cafe verzichten muss, aber das reale Leben ist doch soviel vielfältiger und mit viel komplexeren Problemen durchsetzt.
    Es ist wichtig zu sagen: es geht.
    Es ist wichitg zu sagen: Es gibt Probleme, die kann man als „Familie“ meistern.
    Es ist wichtig zu sagen: Wir als Gesellschaft können noch vieles besser machen.
    Aber all das ist so viel vielfältiger, soviel komplexer, als die Beispiele, die in dem Portrait erzählt werden. Die Durchdringungstiefe im Portrait und die Durchdringunstiefe in der Realität stehen einfach in keinem Verhältnis zueinander.
    Was bei mir hängen geblieben ist, ist „Hey, ich konnte nach 5 Tagen schon wieder ins Cafe gehen, da kann der Rest vom Leben ja wohl auch kein Problem sein“. Dass von Solidarität und Unterstützung die Rede war, ist in meinem Hirn schon nicht mehr angekommen, weil ich den Text da schon nicht mehr ernst nehmen konnte. Und auch beim nochmaligen Lesen denke ich: Ja, schön, Umfeld unterstützt, steht in einem Nebensatz. Ansonsten geht es nur um die eigene Einstellung zur Situation. Wie konnte sie zu einer positiven Einstellung gegenüber dieser doch eher respekteinflößenden Situation kommen? Es geht nicht um konkrete Politik, konkrete Beschreibungen der Unterstützung. Wenn es mal konkret wird, wird es absurd: Dass eine Alleinerziehende den höchsten Kitasatz bezahlen soll, der sich aus dem Haushaltseinkommen ergibt, löst bei den meisten Leserinnen wahrscheinlich eher Neid als Mitleid aus.
    Ich glaube, das Thema und du, ihr habt Potential 🙂 Mehr Portraits, tiefere Analysen, die der Thematik Alleinerziehend positiv gegenüberstehen. Aber auf die Realität bezogen und nicht allein auf die innere Einstellung dazu abheben. Was geht, was muss besser werden, wo gibt es Solidarität und Unterstützung an konkreten Beispielen, die sich auf einen längeren Zeitraum als 5 Wochen beziehen und die sich auf vielfältigere Realitäten als die auf eine Online-Freelancerin in Berlin-Prenzlauer Berg bezieht. Christine Finke z.B. 🙂

  5. Teresa, mit Verlaub: Nach 5 Wochen kann sich keine Mutter auch nur annäherungsweise vorstellen, was sie noch erwartet. Sie glaubt, die schlimmste Zeit sei vorüber? Schön wär’s. Aber keine Mutter, die sich schon etwas länger so nennt, wird auch nur eine Sekunde lang daran glauben.

    Ich bin selber seit 2009 alleinerziehend, kenne also mittlerweile auch mehr als nur einen Lebensentwurf aus der Praxis. Selbst mit Unterstützung ist Kindererziehung bei Vollzeitarbeit immer eine Gratwanderung. So ein Netz kann so schnell zusammenbrechen – es reicht eine Norovirus-Epidemie. Und der Gedanke, dass jemand 5 Wochen(!) nach der Geburt einen Elternratgeber(!) schreibt, obwohl ihm der Wind bzgl. „Kind + Beruf“ bisher nur als laues Lüftchen um die Ohren wehte, der lässt mich bestenfalls milde grinsen. Das wirkt völlig abgehoben, unglaubwürdig und wirklichkeitsfern. Kann ich nicht für voll nehmen. Wirklich nicht.

    Frau Hentschel sagt ja eben nicht nur „wir brauchen Unterstützung“ (= Binsenweisheit. Wissen wir eh alle. Dafür brauchen wir erst recht kein Buch.) Sie impliziert ja, dass sie jetzt schon weiß, wie der Hase mit Kind und Beruf läuft, und uns anderen Müttern mit unseren völlig anderen (eigener Dummheit geschuldeten?) Erfahrungen das jetzt endlich mal erklären will. Auf mich wirkt das wie ein Hohn ggü. all den Müttern, die mit zahllosen Schwierigkeiten kämpfen und denen damit ja implizit unterstellt wird, sie hätten doch selbst nach Jahren bloß den Dreh noch nicht raus. Vielleicht liegt es auch an Ihrer Schreibe/Interpretation, nicht an Frau Hentschel, aber aus jenem „Portrait“ liest sich jedenfalls ein Absolutheitsanspruch heraus, der so einfach keinen Bestand hat und „gestandene Mütter“ umgehend befremdet statt zu begeistern, wie Sie ja hier und bei „Frau Brüllen“ sehen.

    Ihre Euphorie sei Frau Hentschel gegönnt, aber sorry: Jener Text war unter erfahreneren Müttern absolut kein guter Einstand.

  6. 5 Wochen? Da war bei uns noch alles heile Welt. Der Spass fing doch erst mit 8 Wochen an 😉 (und das bei jedem der 3)
    Ich kann mich Frau Gerhardt da nur anschließen: kein guter Einstand bei den potentiellen Lesern.

  7. Mir kam beim Lesen dieses Textes, die Erinnerung, dass ich vor mehr als 27 Jahren in der Pause einem Konzerthausfoyer stand und Bekannten erzählte, dass es easy sei mit Baby und mein Leben nach 5 Wochen genau so ist wie vorher, man muß es nur organisieren wollen.
    In Woche 6 wurde das Kind ein bißchen krank und danach ich, so richtig, wochenlang, mit unklarer Diagnose, ich brauchte 6 Monate, um mich zu erholen. Mit der Sicht von heute, verstehe ich das Körper-Signal: Ball flach halten und kapieren, dass das Leben wirklich anders ist..
    Ich glaube, das ist die Phase, wo frau sich aufgerappelt hat und noch gut unter Hormondröhung steht, ein bißchen laut Pfeifen im dunklen Wald ist auch dabei. Ich bin da auch immer gern proaktiv, aus lauter Angst, dass mich was fressen könnte.
    Mir wäre eine differenziertere Sicht auf so eine Biografie lieber gewesen als so ein unreflektiertes Sister-Interview.

  8. Dieses entweder direkt oder indirekt ausgedrückte “Selbst Schuld, wenn’s mit dem Arbeiten/der Karriere nicht klappt, sie hat sich nicht genug angestrengt oder Fehler gemacht” ist übrigens etwas, das neben all den Strapazen im Alltag fürchterlich piekst.
    Natürlich gehört Glück dazu, wie du auch schreibst, wenn alles gutgeht, sowohl in der Ehe als auch beruflich. Und das hat nunmal nicht jeder. Es ist zwar eine Frage der Einstellung, ob man sich wieder aufrappelt, falls das denn möglich ist. Ob das aber klappt, ist wiederum Glückssache. Bei mir sieht’s momentan gar nicht so schlecht aus, aber immer noch leben wir von Wohngeld und Zuschüssen, weil die Selbstständigkeit eher ein Zubrot ist.
    Frau H., die sich nun so in die Nesseln gesetzt hat mit ihrem selbstgerechten Ansatz, tut mir ein bisschen Leid. Sie wird schon noch merken, wo die Fallstricke des Elterndaseins liegen. Und dann hat sie vor aller Welt groß getönt, wie einfach das alles sei.
    Viele Grüße!
    Christine, Dr. magna cum laude und Mutter von 3en 🙂

  9. Spannend. Ich bin zwar nicht allein erziehend, aber während der Arbeit allein betreuend.
    Das erste Lebensjahr dachte ich auch noch, das sei ja easy und ich hätte die perfekte Lösung.
    Das zweite Jahr ging so. Und dann fing der Kurze an, sich zu langweilen…. boah, ey!

  10. Ein großartiger Artikel, der aufzeigt, an wie vielen Stellen frau strikt „dranbleiben“ muss, wenn sie ihren Karrieretraum wirklich leben will. Und wieviele andere Faktoren ebenfalls einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das gemeinsame Leben haben. Danke dafür!

  11. Klasse Post, tolle Diskussion dazu! Ich kann mich hier mehreren Vorrednerinnen anschließen. Eine Mutter, die sich nach 5 Wochen präsentiert und – wenn auch evtl. nicht ganz bewusst gewollt – anderen deutlich macht, sie sollten sich nicht so haben, schlägt massiv in die Kerbe der Feuilleton- und Kommentarspalten-Mütter, die (man gönnt es ihnen) schwer Glück hatten und nun meinen, ihre Situation auf so ziemlich jeden ausdehnen zu können. Ich erinnere gerne an die „Frauen, hört auf zu jammern“-Debatte. Auch ich bin sehr dankbar für Deinen Kommentar hier, Teresa, weil er einen völlig anderen Blickwinkel auf den Artikel, den Du gehostet hast, zeigt. Schwangerschaft, Mutterschaft, Karriere und Partnerschaft – das sind alles so wahnsinnig individuelle Dinge … vielleicht ist da das Beste, was kommenden Müttern überhaupt gesagt werden kann: hab Vertrauen, bleib flexibel, schaff Dir ein dickes Frustpotential an (das Du bereits hast, wenn man Dich so in Aktion erlebt)), dann findet Ihr auch eine gute, gemeinsame Lösung, wie es so viele fernab vom Hochglanz bereits getan haben. Es bleibt aber das, was auch Dein Post hier ausdrückt, @drehumdiebolzeningenieur: Es ist Arbeit, Diskussion, Bereitschaft … und dann leider immer noch eine gehörige Portion Glück. Und wenn man das Glück hatte (mit einem 5 Wochen alten Baby kann man das noch nicht so wirklich sagen ;)), dann tut man gut daran, nicht so schrecklich zu verallgemeinern. Das, und nur das, ist vom Ursprungsartikel nämlich auch bei mir hängengeblieben.
    juna, Mother of three 😉

  12. Weil es gestern auf Twitter noch zu einer kleinen Diskussion darüber kam, dass Optimismus doch nicht mit Naivität gleichzusetzen sei, möchte ich hier nochmal kurz was dazu sagen:
    Optimismus ist was ganz wichtiges. Deshalb habe ich oben auch so ausführlich meine eigene Geschichte aufgeschrieben. Es gab und gibt auch in meinem Leben Momente, in denen ich keine Ahnung hatte, ob und wie ich meine Vorstellungen eines selbstbestimmten unabhängigen Leben realisieren kann. Wenn ich da nicht diesen unerschütterlichen Optimusmus gehabt hätte (oder wie der Rheinländer zu sagen pflegt: Et hätt noch emmer joot jejange), daran geglaubt hätte, dass es irgendwie schon alles werden wird, und dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen, dann wäre ich wahrscheinlich nicht da, wo ich heute bin.
    Naiv finde ich aber, wenn man denkt, dass es nur auf eine selbst und die eigene Einstellung ankommt. Und dieses Bild transportiert das Portrait.

    Ich glaube, keine der Kommentatorinnen findet Katjas Hentschels Optimismus per se naiv. So wie ich die Kommentatorinnen wahrnehme, haben die alle selber eine gehörige Portion Optimismus, den sie auch ausstrahlen. Was wohl eher als Naivität wahrgenommen wurde, war die Chuszpe, mit der sie sagt: Nach 5 Wochen habe ich die schwerste Zeit schon durch und ich kann sagen, das ist total machbar. So ziemlich jede Kommentatorin hat versichert, dass sie die Erfahrung gemacht hat: Nach 5 Wochen geht der Stress erst richtig los.

    Mein Doktorvater, der selber 2 Teenagerkinder hatte, wollte, dass ich bis zur Entbindung Versuche mache und das zusammenschreiben auf nach der Geburt lege. So ein Baby schläft doch immer. Ich habe mich zum Glück durchgesetzt, habe ein paar von ihm gewünschte Aspekte nicht mehr untersucht, sondern habe meine Diss 2 Monate VOR der Entbindung verteidigt. Das war sowas von dermaßen die richtige Entscheidung. Denn als der große kleine Mensch mal da war, habe ich es noch nicht mal geschafft, Bewerbungen zu schreiben. Dafür musste ich Mann und Kind zu den Schwiegereltern schicken, so sehr hat der kleine Mensch mich beansprucht. Wie ich da eine Dissertation hätte schreiben sollen, ich habe keine Ahnung.

    Und der kurze Exkurs zum Thema KiTa-Beiträge, der hat schon was von „Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“. Die Kita-Beiträge werden nach Haushaltseinkommen festgelegt. Wenn also jemand erzählt, dass sie den Höchstsatz des Kitabeitrages zahlen muss, dann bedeutet das eben auch, dass diese Person über ein überdurchschnittliches Haushaltseinkommen (in Berlin > 81.060 Euro/Jahr brutto) verfügen muss. (Dass die Staffelung in anderen Städten, wie z.B. Hamburg, absurd steil ist, ist eine Diskussion, die wir gerne führen können, das ist aber losgelöst von der Alleinerziehenden-Problematik, unter der Katja Hentschel das Thema verhandelt).
    Gestern twitterte @mama_arbeitet, dass sie nun weniger Wohngeld bekäme und dass sie stolz darauf sei, weil das eben bedeutet, dass ihr Einkommen gestiegen sei und sie somit mehr zur Miete beisteuern könne. Es gehe also aufwärts. Christine Finke ist als Optimistin für mich damit unendlich viel glaubwürdiger als Katja Hentschel.

  13. Ich verstehe, wenn man nach Jahren der Mutterschaft denkt, eine Frau kann nach 5 Wochen nicht einschätzen, was alles auf sie zukommt. Es steht ausser Frage, dass sie es nicht kann. Die ersten 5 Wochen waren bei mir die eher einfachsten, was kam, war eine Phase nach der anderen, die jede für sich schön war, jede für sich ihre Schwierigkeiten hatte, die immer wieder neu waren, mich damit vor neue Herausforderungen stellten.

    Trotzdem verstehe ich die Aufregung nicht. Ein Kind alleine auf die Welt zu stellen ist nicht ganz einfach. Schön, hat sie sich dafür entschieden, schön hat sie die positive Sicht, es zu schaffen. Wie würden die Reaktionen ausfallen, würde sie klagen, dass alles nur doof sei, sie denke, ihr Leben verpfuscht zu haben, nicht wisse, wie weiter?

    Auch bei ihr wird nicht alles rund laufen und doch geht sie es an. Mit einer positiven (und ja, ein wenig optimistischen) Sicht. Ich bin selber alleinerziehende Mutter, war die meiste Zeit meiner Mutterschaft auf mich gestellt. Wie auch sie sagt: Man braucht Hilfe von aussen. Ich hatte sie nicht immer, aber immer mal. Dafür bin ich dankbar. Selbst dann geht nicht alles und schon gar nicht, wie man es gerne hätte. Aber es geht. Ich wünsche ihr auf alle Fälle viel Glück! Und ich wünsche ihr Menschen, die ihr positiv zur Seite sehen, sie in ihrem Mut unterstützen und vielleicht mithelfen, die eine oder andere Hürde zu packen.

  14. Dem stimme ich vollumfänglich zu!
    Nur: Es findet keinerlei Reflexion darüber statt, aus welcher privilegierten Situation heraus sie diesen Optimismus entwickeln konnte. Wäre es nur das „Ich habe die ersten 5 Wochen überlebt, also ist alles tiptop“, darüber könnte ich lächeln und denken“Jaja, so hab ich auch mal gedacht“.
    Aber dieses Narrativ, das sich durch das komplette Porträt zieht, dass man sich auf alles im Leben einstellen könne, mit der entsprechenden Grundhaltung gehe alles ist in meinen Augen neoliberales Gelaber galore. Und damit meine ich nicht ihre Entscheidung, das Kind alleine zu erziehen. Dafür empfinde ich durchaus Respekt. Sondern dass es möglich sei, das ganze Leben um die eigenen Bedürfnisse drumherum bauen zu können, wenn man denn die entsprechende Grundhaltung habe.

  15. Das sehen wir gleich. Die Haltung „alles ist möglich, man muss nur dran glauben“ scheint modern zu sein und in meinen Augen wird sie nicht wahrer durch das ständige Wiederholen. Da rolle ich auch immer die Augen gegen Himmel 😉

  16. so, nachdem ich die diskussion zum text (übrigens auch den text selbst) durchaus spannend finde, klinke ich mich nun doch noch einmal mit ein. es ist natürlich einfach einzelne sätze aus einem ganzen zu isolieren und sich auf diese zu stürzen, so als gäbe es kein drumherum, keine vergangenheit, keinen erfahrungsschatz auf dem sie beruhen. und das fragst du ja auch, wie kann es sein, dass ich dem ganzen so optimistisch gegenüber stehe? zu erst einmal habe ich mehrere jahre viel mit kindern jeden alters gearbeitet. ich war zudem ein jahr aupair in den usa bei einer familie ohne mutter und einem vater, den man quasi nie sah. hinzu kommen um die 20 familien deren sprösslinge ich betreut und unterrichtet habe, bevor das alles losging mit dem bloggen und der fotografie. wie im interview kurz erwähnt, habe ich außerdem einen master in kinderpsychologie. trotz alldem hatte ich angst was auf mich zukommt, denn alle expertise nützt nicht viel wenn man plötzlich ein kind hat, welches besondere pflege braucht, aus welchem grund auch immer. zum glück ist mein sohn aber gesund und nicht einfacher oder schwieriger als die meisten der babies meiner freunde. aus all diesen punkten heraus (und noch vielen mehr, die den rahmen eines kommentares sprengen), denke ich also durchaus, dass mein optimismus berechtigt ist.

    zum thema grundhaltung „alles kann, wenn man nur will“ – das stimmt, dazu stehe ich. wer wirklich etwas erreichen will, der arbeitet hart, findet mittel und wege, studiert, probiert und steht nach jedem scheitern wieder auf. viele suchen die fehler bei den anderen, wenn nicht alles nach plan läuft, doch die anderen kann man nicht ändern. die eigene herangehensweise aber schon.

    als jemand der kinder immer als immenses glück angesehen hat finde ich es oft frustrierend wie viele leute in meinem umkreis das kinder kriegen lang vor sich herschieben (teilweise bis es zu spät ist) oder gar keine wollen, weil sie denken sie würden ihr leben und ihre karriere dafür aufgeben zu müssen. es ist sicher kein zufall, dass die geburtenrate in deutschland die niedrigste in der EU und in den letzten jahren extrem gesunken ist. artikel wie http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/beruf-und-familie-man-muss-wahnsinnig-sein-heute-ein-kind-zu-kriegen-12737513.html sprechen genau das an und machen die mutlosen noch mutloser. ich finde es ist an der zeit diesem entgegenzuwirken und auf glowbus wollen wir frauen vorstellen (denn es gibt sie zu hauf), die durchaus familie und beruf wuppen und dabei nicht unglücklich sind. im gegenteil. wie mir scheint bist du eine von ihnen. weiterhin alles gute, katja

  17. Liebe Katja, ich wollte nie in Zweifel ziehen, dass dein Optimismus in deiner persönlichen Situation begründet ist. Es braucht eine Menge davon, um sich dem Abenteuer Elternschaft zu stellen. Und noch viel mehr, wenn man dies alleine tut, so wie du.
    Und ebenso, wie ich Teresas Kommentar deutlich aufschlussreicher als das Portait fand, so ist es jetzt auch mit deinem Kommentar. Der ist soviel vielsagender als das Portrait. Das hier nehme ich dir ab. Das Portrait hätte man ohne mit der Wimper zu zucken ins Wahlprogramm der FDP drucken können (ich weiß, Teresa, das du DAS ganz sicher nicht willst :D).
    Mich bestürzt es auch, wenn ich höre oder lese, dass Frauen zwar gerne Kinder haben möchten, aber das Geld reicht nicht. Oder der Beruf ist damit inkompatibel. Oder der Mann dazu fehlt. Oder, oder, oder…
    Denen versuche ich auch immer zu sagen: Glaubt an euch, eine 100 % Sicherheit, dass etwas gelingt, gibt es nicht. Aber daraus Mut abzuleiten, das ist eben sehr stark von der Persönlichkeit abhängig und die wiederum lässt sich auch nur in sehr engen Grenzen ändern. Du bist offenbar so, ich bin so, aber ich kenne viele, die sich wahnsinnig unter Druck gesetzt fühlen, weil es ihnen nicht in einem Rahmen gelingt, der für sie akzeptabel ist.
    Frauen, die im Schichtdienst arbeiten, oder als Flugbegleiterin, denen nützt es einfach wenig, wenn man ihnen sagt „Wenn du nur willst, dann klappt das!“ Oder wenn die nächste zugewiesene Kita 15 km in die entgegengesetze Richtung weit weg ist, man dagegen klagt, die Gegenseite Recht bekommt (so wie bisher immer geschehen), man die Kosten des Verfahrens am Hals hat, dann klingt „Mit der richtigen Einstellung schafft mans“ halt einfach zynisch.
    Wenn eine Frau eine Absage nach der anderen bekommt, weil sie Kinder hat, womöglich noch alleinerziehend ist, dann hat sie in den seltensten Fällen eine reale Chance, durch freiberufliche Arbeit in ihrem Job (Krankenpflegerin, Ingenieurin, Verwaltungsangestellte, Arbeiterin,..) wieder Fuß zu fassen.
    Es ist eine wichtige Seite, Frauen Mut zu machen, das Abenteuer Elternschaft zu wagen. Die andere Seite ist, dass wir als Gesellschaft endlich begreifen müssen, dass es unsere verdammte Pflicht ist, die gravierendsten Risiken, die dieses Abenteuer für den Großteil der Bevölkerung real mit sich bringt, gemeinsam tragen müssen und es einfach wahr ist, dass nicht alle Risiken immer individuell gelöst werden.
    Dass du für dich eine Freiheit und Flexibilität gefunden hast, die dir Perspektiven eröffnet und dich zuversichtlich in die Zukunft mit deinem Kind blicken lässt, freut mich. Ebenso freut es mich für jede, die aus deiner Geschichte Zuversicht schöpft. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass wirklich „alles kann, wenn man nur will“ auf die Mehrheit der Frauen übertragen werden kann, entspricht einfach nicht der Lebensrealität.

  18. Magdalena wollte wahrscheinlich einfach nur nicht doll genug?
    „“Reich wird man hier nicht, aber es ist okay“, sagt Magdalena. Mit 120 Euro pro Nacht gehe sie im Schnitt nach Hause. Magdalena ist 39 Jahre alt, dunkelhaarig und hat naturbelassene Brüste. Warum macht sie das hier, als gelernte Industriekauffrau? „Du bist arbeitslos, dann kriegst du tausend Absagen, Absagen, Absagen, und dann sagst du: Scheiß drauf, ich gehe tanzen.“ Das war vor zehn Jahren.“
    Aus
    http://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2014-07/hamburg-reeperbahn-animierdame

  19. Ich bin gespannt auf die Sammlung der Berichte derer, die „es genug gewollt“ und somit „geschafft“ haben. (Ich bin auch gespannt darauf, zu welchem Zeitpunkt in ihrem oder dem Leben ihrer Kinder dieses Fazit gezogen wird. Vor der Volljährigkeit/Selbständigkeit der Kinder ist das ja doch eigentlich eher müßig, oder?) Und ich hoffe, es werden auch Nichtakademiker dabei sein. Angestellte. Eltern behinderter Kinder. Eltern, die selber behindert sind. Schichtarbeiter. Eltern mit mehr als zwei Kindern. Familien aus ländlichen Gegenden. Familien mit Migrationshintergrund. Pflege- und Adoptiveltern. Eltern mit Depressionen oder anderen chronischen Krankheiten…

    You get the point. Viel Glück.

  20. Danke Drehumdiebolzen-Ingenieurin, von Herzen danke, auch weil du sehr persönlich & sehr politisch geantwortet hast!
    Weil du nichts kleinredest und deine Kritik (ich finde das ist kein „rant“) fair bleibt.

    Weder Teresas noch Katjas Kommentare stimmen mich milder. Teresa hat sich entschieden, in diesem Porträt so direkt Katjas Aussagen aufzunehmen und stehen zu lassen. Es gab (wie du aus deinem Lebensweg schreibst) die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden, z.B. die scheinbare Logik der Porträtierten zu brechen, aufzuschlüsseln o.ä..
    Mein Hauptproblem mit Katjas Logik: zutiefst neoliberal und das wiederholt sich auch im Kommentar „wer wirklich etwas erreichen will, der arbeitet hart, findet mittel und wege, studiert, probiert und steht nach jedem scheitern wieder auf“ DAS finde ich eine Zumutung für sehr sehr viele Menschen. „Mama arbeitet“ ist da ein gutes Beispiel für jemanden, die nicht damit hadert, dass sie aufgrund ihrer Lebens-Situation systemisch in dieser Gesellschaft es verdammt hart hat. Aber auch an anderer Stelle, wo Katjas Logik erscheint „wenn ich das kann, dann werden andere das wohl auch können“. z.B. die „Heldengeschichte“ (so wird es im Text aufgebaut), nach 5 Tagen im Café zu sitzen. Ist für mich vergleichbar den Promi-Nach-Geburt-wieder-schlank-Bildern“.
    Hier gilt „Schön für Katja, Glück gehabt bei der Geburt. Aber nicht jeder hat gesundheitlich (oder aufgrund anderer Faktoren) dazu die Option – andere sind froh wenn sie 5 Tage postnatal alleine den Weg vom Bett ins Bad schaffen. Ich möcht dann jeweils abwechselnd „grow up“ und „nur weils für dich so ist, kannst du es eben nicht auf andere übertragen“ rufen oder nur denken „warts ab, wir reden in 20 Jahren nochmal“

    Danke nochmal an die Ingenieurin, auch für das ehrliche Schildern, wie ihr abgewogen habt, wie und wo ihr leben wolltet Es gibt aus meiner Sicht erschreckend wenige, die sich im Familienglück ernsthaft hinsetzen und alle Faktoren auf den Tisch legen – Gehälter, Netzwerke, Infrastruktur.

    Bei letzterem grauts mir immer noch ob der deutschen Situation. Wir sind den „dritten“ Weg gegangen, den jemand anders mal „Vereinbarkeits-Emigration“ getitelt hat. Hier schließen Kitas nicht vor 17.30, die unsere hatte bis 19h auf und die Kindergarten-Hortbetreuung geht bis 18h oder 18:30h. Hier schickt die Krankenkasse eine Kinderpflegerin, wenn das Kind krank ist, bezuschusst und für 3EUR/h Elternkosten. Aber solche Chefs und solche Wahrnehmungen, die gibts hier auch.

  21. Ein wundervoller Rant! Auch mir ist beim Lesen des Porträts von Teresa über Katja ein paar Mal der Atem gestockt. Ich schiebe einen Teil von Katjas Aussagen auf die Hormone, manches ist vielleicht auch unglücklich formuliert. Ein paar Mal habe ich aber auch einfach gelächelt. Nach fünf Wochen ist man doch noch total hormongeschwängert und lebt auf einem anderen Stern. Das ging mir auch so, auch wenn ich nicht gedacht habe, dass hiermit nun alles geschafft sei.

    Ich kenne Katja persönlich, und obwohl wir sehr sehr unterschiedliche Menschen sind, finde ich es wahnsinnig beeindruckend, wie sie ihre Karriere (übrigens auch schon vor der Schwangerschaft bzw. dem Kind) um ihre Lebensumstände herumgebaut hat – und das, mit Verlaub, sehr erfolgreich. Ich finde es bewundernswert und mutig, allein ein Kind zu bekommen und gehöre zu den Menschen, die sie hier im Zweifel bedingungslos unterstützen würden, wenn die Kacke am Dampfen wäre, auch wenn wir keine engen Freundinnen sind.

    Neben vielen kleinen Dingen, an denen ich in diesem Porträt anecke, bleibt aber auch einfach die Aussage: es geht. Und ich glaube das auch. Es geht! Man muss es wollen, dann geht es. Ich habe eineinhalb Jahre so gut wie NICHT geschlafen, und ich habe bereits wenige Wochen nach der Geburt wieder langsam angefangen zu arbeiten. Ich habe ein tolles, aber kein einfaches Kind. Und zusätzliche habe ich auch noch einen tollen, aber keinen einfachen Freund ;-).

    Wie dir auch war mir IMMER klar, dass ich definitiv weiterarbeiten würde und auch meine Ziele nicht geringer stecken wollte. Meine Mutter war mir in dieser Hinsicht ein unglaublich tolles Vorbild, obwohl sie in der konservativen westdeutschen Kleinstadt in der wir lebten durchweg schief angeguckt wurde.

    Heute bin ich froh, selbstständig zu sein. Ich gehöre nicht zu den Sicherheitsfanatikerinnen, sondern eher zu den kreativen Kampfchaotinnen. Ich bin nicht so geschäftstüchtig wie Katja, dafür stecke ich aber wahnsinnig viel Perfektionismus, Liebe und Leidenschaft in meine Arbeit und akzeptiere dafür, ein paar Monate im Jahr teils am Existenzminimum zu kratzen. Das ist leider die Kehrseite der Flexibilitätsmedaille, zumindest bei mir. Ja, ich kann mein Kind (im Wechsel mit meinem Freund, der Teilzeit arbeitet und glücklicherweise eine flexiblen Arbeitgeber hat, es aber auch einfordern musste) um 16 Uhr von der Kita abholen, dafür schaue ich aber abends auch nicht gemütlich fern, sondern sitze meist von 21 bis 1 oder 2 Uhr wieder vorm Computer und arbeite weiter. Mein Elterngeld war ein Witz, was ich zusätzlich verdient habe (weil eine wirkliche Elternzeit als Freiberuflerin schlichtweg nicht möglich ist), musste ich ans Amt abgeben. Ich finde es unglaublich, dass ich dafür bestraft wurde, dass ich während der Elternzeit dafür gesorgt habe, dass ich danach nicht ohne Aufträge und Kontakte dastehe.

    Trotz dieser Erfahrung finde ich aber, dass wir es in Deutschland ziemlich gut haben und auch auf sehr hohem Niveau jammern. Dein Text fasst viele Punkte, mit denen ich mich in den letzten zwei Jahren beschäftgt habe, wunderbar zusammen: Auch ich bin der Meinung, dass die väterliche Elternzeit nicht zum gemeinsamen Reisen genutzt werden sollte, sondern dass sie dafür da ist, uns Frauen den Wiedereinstieg in den Beruf (oder die Berufung) zu ermöglichen. Wer diese Chance (für alle Beteiligten) nicht nutzt, ist wirklich selber Schuld! Das Ausrufezeichen möchte ich noch einmal extra unterstreichen.

    Das absolut Wichtigste für mich ist es, selbstbestimmt zu bleiben. Ich möchte Erfüllung in meinem Job und in meiner Familie, ich möchte notfalls in der Lage sein, mich (und mein Kind) allein zu versorgen und ich möchte vor allem die Autonomie über mein restliches Leben nicht verlieren. Das ist nicht einfach, aber ist mir unglaublich wichtig, deshalb ziehe ich es durch.

    Danke für den tollen Text.

    Caro

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