Kostüm Sew Along #1

Je mehr ich selber nähe, desto mehr merke ich, dass mir Konfektionskleidung wirklich nicht passt und mein Körperbau scheinbar auch ein paar Regeln der Schnittkonstruktion über den Haufen wirft. Eine meiner größten Quellen für Frust war früher das Hosenanzug kaufen. Dass mir Hosen generell nicht vernünftig passen, auch nicht die, die ich mir auf den Leib schneidere, damit habe ich mich mittlerweile abgefunden. Dass ich deshalb auch ein Leben ohne Jackets führen soll, damit will ich mich so leicht nicht abfinden. Aber gerade bei Jackets ist es ja irgendwie klar, dass die nur maßgeschneidert wirklich passen können.

Seit mind. einem halben Jahr geistert Gerties Suit Jacket in meinem Kopfkleiderschrank herum. Ich glaube nämlich, diese Vielzahl an Abnähern kommt meinem Passformproblem sehr entgegen. Ich habe nun mal eine ausgeprägte Oberweite, relativ schmale Schultern (hups, das weiß ich auch erst, seit ich selber nähe, früher hieß es immer, ich habe ein breites Kreuz), eine nicht vorhandene Taille und zu allem Überfluss eine sehr schmale Hüfte. Ach ja, ein Hohlkreuz hätte ich auch noch im Angebot. Die schmale Hüfte ist übrigens der Grund, warum mir Hosen nicht passen wollen. Über kurz oder lang rutschen die mir alle runter, weil da nix ist, was sie aufhält. Tut der Rock auch, aber da sieht es meist nicht so bescheuert aus, weil er keinen Schritt hat, der mir dann in der Kniekehle hängt.

So ein Jacket ist gerade bei solch ausgeprägten Passformproblemen eine echte Herausforderung für mich. Passform anpassen ist definitiv nicht meine Stärke beim Nähen, auch wenn es ja irgendwie der größte Vorteil vom Selbernähen ist (wobei ich Stoff und Schnitte, die ich mag, ganz unabhängig von aktuellen Trends und Moden, auch ganz weit oben auf meiner Motivationsliste stehen hab).

Zum Geburtstag bekam ich von meiner Schwiegermutter einen Gutschein über 50 Euro von einem extrem exklusiven Stoffladen geschenkt. Fragt mich bitte nicht, was mich geritten hat, aber ich war der Meinung, dass, wenn ich mir schon ein Jacket selber nähe, dann auch eins, wo der Stoff schon richtig was hermacht. Also fasste ich den Plan, den Gutschein für Kostümstoff zu verwenden, wohlwissend, dass der Gutschein dann nur einen Teil des Preises decken würde. Den ersten Stoff, der mir angeboten wurde, war dann aber mit 100 Euro/m doch deutlich jenseits meines Budget (ganz abgesehen davon, dass ich mich niiiiemals getraut hätte, diesen Stoff anzuschneiden).
Nach etwas Suche fanden wir dann einen Stoff, der eher meinen Preisvorstellungen entsprach, sehr hübsch ist, und farblich gut zu mir und meiner Bürogarderobe passt.

DSC_1544Das war im März. Seither schleiche ich um den Stoff und den Schnitt herum. Ich hoffe sehr, dass ich es mit eurer Hilfe schaffe, ein wirklich gelungenes Jacket zu nähen.

Den Schnitt habe ich schon abgepaust. In Gr 16. IMAG0317Nach der Erfahrung mit dem Shirtwaistdress aus Gerties Buch war mir klar, dass die Jacke auch nicht annähernd direkt auf Anhieb passen würde. Da aber Gr. 16 beim Shirtwaistdress fürs Vorderteil notwendig war, habe ich in Ermangelung eines Jacken-Basisschnitts diesmal auch das Rückenteil in 16 abgepaust.

Ohne Nesselprobeteil geht es diesmal nicht. Nicht bei Stoff für 36 Euro/m! Also vorgestern abend flottikarotti Vorderteil, Rückenteil und Ärmel aus Nessel zugeschnittenIMAG0328Gestern abend habe ich dann die 12 Abnäher zuerst mit der Hand geheftet (ich habe noch nie so komische Abnäher gesehen. Normalerweise sind das doch immer Rauten, oder? Hier sind es undefinierbare Polygone. Lässt sich auf den Bildern erahnen.) Irgendwann war mir das zu doof. Ich mein, für ein Probeteil! Von Hand heften! Geht’s noch? Aber die mit der Maschine gehefteten Abnäher sind in der Tat trotz vorherigem abstecken mit Nadeln nicht exakt auf der Nahtlinie.

Danach das Rückenteil, Schulternähte und Seitennähte mit der Maschine zusammengeheftet und anprobiertNesselkleid130907-005 Nesselkleid130907-006 Nesselkleid130907-007 Nesselkleid130907-008Wie erwartet, die Schultern sind zu breit. Unter den Armen ist auch zuviel Stoff. Um den Bauch rum ists okay (Vielleicht sollte ich den Stoff doch mal bügeln, um das abschließend beurteilen zu können). Also mal mit Nadeln abgesteckt und die Schulternaht vom Kleidungsstück darunter mal nachgezeichnet.Nesselkleid130907-009 Nesselkleid130907-010 Nesselkleid130907-012Wohl etwas zu viel abgesteckt, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen

Die Armlöcher sind höchstwahrscheinlich auch mal wieder zu groß, das werde ich aber erst sehen, wenn ich die Ärmel eingesetzt habe, was der nächste Schritt sein wird.

Etwas verwirrt bin ich von der Anleitung. Auf den Schnittmusterteilen steht, dass man Vorder und Rückenteil je 2x aus Stoff und 2x aus ‚Interfacing‘ zu schneiden solle. Dann gibt es noch Schnittteile für vorderen Beleb aus Stoff, Kragenbeleg aus Stoff, hintere Schößchen aus Stoff und Vorder- und Rückenteil aus Futter (‚lining‘). Bei den Ärmeln steht, man solle 2x aus Stoff und 2x aus ‚underlining‘. Schaut man sich dann den Stoffausschneideplan an, dann werden die Ärmel 2x aus Stoff und 2x aus Futter zugeschnitten. Überhaupt frage ich mich, ob dieses ‚underlining‘ wirklich sein muss. Die Beratung im Stoffladen meinte auch, dass Vlieseline aufs Vorder- und Rückenteil reichen würde. Wie sind da eure Erfahrungen? Gertie schreibt in ihrem Buch, dass sie als ‚underlining‘ Nessel für den Körper und Organza für die Ärmel verwendet habe. Den Nessel hätte ich ja praktischerweise eh schon da und vor allem richtig angepasst. Könnte ich als Schnittmuster und ‚underlining‘ gleichzeitig verwenden. Rosshaareinlage kommt sicher nicht in den Schalkragen, das macht mir auf den Bildern einen viel zu steifen Eindruck.

Beim Rock bin ich noch unentschlossen, aber werde höchstwahrscheinlich einen schlichten A-Linien Rock nähen. Beim Bleistiftrock fehlt mir die Bewegungsfreiheit.

Was die Mitstreiterinnen so nähen und mit welchen Zweifeln und Problemen bezüglich Kostüm so zu kämpfen haben, wird beim MeMadeMittwoch-Blog gesammelt.

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5 Gedanken zu „Kostüm Sew Along #1

  1. Respekt, dass du dich gerade bei sowas komplizierten wie einem Jackett an einen der eher unzuverlässigen Gertie-Schnitte machst! Für die Ärmel würde ih auf jeden Fall Flutschfutter nehmen. Sonst zuppelt man bestimmt dauernd denÄrmel zurecht, weil er am Oberteil klebt. Ich bin nicht ganz sicher, ob Gertie hier nicht Lining und Underlining Synonym verwendet. Und ob man noch ein Underlining braucht hängt sicher auch von der Steifheit des Oberstoffes ab, oder?

    Viele Grüße und viel Erfolg

  2. wie schön , noch eine Frau die sich an diesem Schnitt die Zähne ausbeißen möchte. Ich werde die Vorderteile ganz normal mit Einlage verstärken und die Jacke füttern, da der Stoff bei mir nicht sehr dünn ist. Ich bin sehr gespannt wie die Jacke an den unterschiedlichen Frauen
    aussehen wird.
    Viele Grüße und viel Erfolg
    Sylvia

  3. So, hier nun Teil 2 meiner Gedanken – nur unreflektiert – ich finde zu diesem Jacket mit seinen angedeuteten Schößchenmuss entweder ein Bleistiftrock als Kontrastprogramm oder aber, wie bei Gertie, ein ausgestellter. Moderate A-Linie geht glaub ich nicht so gut. Daher würde ich einenausgestellten Bahnenrock kombinieren. Die sind auch sehr gut anzupassen wegen der vielen Nähte.

  4. Hallo,

    ich habe schon bei Meike auf Deinen Kommentar geantwortet, aber hier ist vielleicht die richtigere Stelle…

    Also ich kann nicht meckern. Sterbermäßig bin ich schon recht weit mit dem Jacket und es passt alles super zusammen, auch die Anleitung. Ich fand diese mit all den Querverweisen sehr gut verständlich und hilfreich. Ich habe den gesamten Oberstoff mit einem Underlining versehen, was sich sehr angenehm verarbeitet hat. Das Underlining habe ich auch als Musselin verwendet, sehr praktisch. Bebügeln mit Vliseline wäre mir zum einen zu doof (ich stehe mit dem Zeug auf Kriegsfuß, bei mir hält es nie), und zum anderen würde mir damit der Oberstoff zu steif werden. Es ist ja doch ein recht femininer Schnitt, und da einen „Panzer“…Einzige richtige Änderung bei mir ist, dass ich kein Hair Canvas verwende, sondern auf den Kragen Vlieseine aufgebügelt habe. Das ist aber nicht so toll, ich kann mir vorstellen, dass Gerties Gewebe dem Kraben mehr Dimension gibt.
    Liebe Grüße
    Birgit

  5. Ich finde deine Probe sieht schon mal ziemlich gut aus! Um diese Falte von irgendwo unter der Achsel schräg Richtung Bauch müsstest du dich nochmal kümmern. Mir scheint, dass die Seitennaht dort nach vorne gezogen wird, vielleicht fehlt da irgendwo in dem Bereich ein Tick Weite? Ich bin aber ganz und gar keine Anpassungsexpertin, mir fällt das nur an den Fotos auf.

    Was die Einlagen und „Underlining“ betrifft, nehme ich auch an, dass es sich bei den Ärmeln um einen Fehler handelt und „Lining“ gemeint ist, wie im Zuschneideplan. Ich hab noch nie gehört, dass Ärmel unterlegt werden, das macht man so weit ich weiß nicht mal bei maßgeschneiderten Männerjacketts. Gertie fährt aber auch davon abgesehen ganz schön was an Einlagen etc. auf. Das ist wirklich Geschmackssache.

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