Warum ich Muttertag doof finde

Seit Tagen werde ich wieder mit Muttertagsgrüßen konfrontiert. Am Mittwoch vor der Kantine verteilte der Betriebsrat Schokolade an Frauen, es gab sogar eine e-mail vom Betriebsrat, in der er Muttertagsgrüße verbreitete. Gestern in der Fußgängerzone verteilte die CDU Schokoladenherzen an Frauen. Der kleine kleine Mensch hatte am Mittwoch einen Muttertagsgruß im Gepäck, als ich ihn von der Tagesmutter abholte. Der große kleine Mensch brachte einen Muffin mit einem Pappherz, auf dem „Für Mama“ stand, mit aus dem Kindergarten. Heute auf Twitter gabs die unterschiedlichesten Tweets anlässlich des Muttertags. Und ich bin genervt.

Als Kind fand ich es irritierend, warum ich an einem Tag im Jahr besonders nett zu meiner Mama sein soll. Sie hat doch an jedem anderen Tag ebenso Respekt, Wertschätzung und Liebe verdient. Geschenke zum Geburtstag, das konnte ich verstehen, aber zum Muttertag? Warum?

Jetzt bin ich selbst Mutter und es nervt mich noch viel mehr.

Zum einen finde ich die Historie des Muttertags in Deutschland nicht unbedingt als etwas, deren Tradition ich weitertragen möchte. Eingeführt vom Verband deutscher Blumengeschäftsinhaber ist ja schon klar, was die Intention war: Kommerz. Bereits 1933 hatte der Muttertag aber noch einen ganz anderen Beigeschmack: die Förderung des arischen Nachwuchses.

Abgesehen von geschichtlichen Gründen habe ich aber immernoch Bauchschmerzen bei diesem Tag.

Ich mich bei solchen Aktionen sehr stark in die Ecke Frau=Mutter gedrängt. Meine biologische Bestimmung ist, dass ich gefälligst Mutter zu sein habe als Frau.

Dann dieser kollektive Zwang, der Mutter genau an diesem Tag durch materielle Geschenke (hauptsächlich Blumen) mitzuteilen, dass eine sie wertschätzt. Wie sehr kommt dieser Ausdruck der Wertschätzung denn dann von Herzen, wenn überall in einer unglaublichen Penetranz suggeriert wird, dass genau heute diese Geste von mir bzw. meinen Kindern erwartet wird?

Ich will heute keine Blumen, kein Frühstück ans Bett oder ähnliches, wenn ich nicht auch an anderen Tagen im Jahr mit solchen Nettigkeiten überrascht werde. Diese Nettigkeiten sollen von Herzen kommen. Wenn ich das Gefühl habe, ich müsse meiner Mama sagen, dass sie einen guten Job macht, dann sage ich es ihr in genau der Situation, in der ich das fühle. Dafür brauche ich keinen Tag, der von Blumenhändlerinnen und Nazis mit Bedeutungen aufgeladen wurde, hinter denen ich ganz sicher nicht stehe.

Und ebenso wenig, wie ich mich genötigt fühlen möchte, heute nett zu meiner Mama zu sein, genauso wenig möchte ich meinen Kindern gegenüber diese Erwartungshaltung entwickeln. Wenn sie mich heute ganz besonders doof finden, dann sollen sie das sagen und nicht stattdessen heuchlerisch einen Strauß Blumen vorbei bringen.

Und dass die CDU mir Muttertagsgrüße überbringt, das finde ich auch gewaltig bigott. Die Politik der CDU macht es mir nämlich nicht gerade einfacher, mein Leben mit Kindern so zu gestalten, wie ich es mir vorstelle. Weil sie nämlich durch so Aktionen wie dem Betreuungsgeld weiterhin ein Mutterbild fortschreiben, welches ich beim besten Willen nicht leben möchte. Aber auch, weil durch die aktuelle Politik ganz konkrete Rahmenbedingungen geschaffen werden, denen sich das Familienleben unterzuordnen hat (kaum Flexibilität bei der Kinderbetreuung, steuerliche Entlastung für den Trauschein, nicht für Kinder,…)

Auch im Job kann ich nicht erkennen, dass mir da als Mutter eine besondere Wertschätzung entgegen gebracht wird. Vielmehr ist es so, dass es Aussagen wie „xy ist aber keine Position für eine Mutter von kleinen Kindern“ gibt. Für solche Zuschreibungen ist Schokolade ein schlechter Trost.

Die Allgegenwärtigekeit und Selbstverständlichkeit, mit der ich seit Tagen mit diesem Tag konfrontiert werde löst Aggressionen in mir aus. Nicht jede Frau über 30 kann oder will oder darf Mutter sein. Aber genau das wird bei diesen Schokoladen-Verteil-Aktionen transportiert. Denn egal, ob mit oder ohne Kindern unterwegs, die Schokoladen wurden relativ wahllos an Frauen, aber eben mit dem Hinweis auf *Mutter*tag verteilt. Das kann sehr schmerzhaft sein, wenn eine aus welchen Gründen auch immer keine Mutter ist. Es gibt Menschen, die können aus biologischen Gründen keine Kinder bekommen. Es gibt Menschen, die wollen keine Kinder. Es gibt Menschen, die dürfen per Gesetz keine Kinder bekommen (lesbischen Paaren und unverheirateten Frauen wird die künstliche Befruchtung versagt, bis 2011 mussten sich transsexuelle Menschen sterilisieren lassen als Vorraussetzung für eine geschlechtsangleichende Operation, das Recht von verpartnerten Paaren auf Adoption wurde zwar vom Verfassungsgericht entschieden, aber rechtlich noch nicht umgesetzt,…). Es gibt Menschen, die haben Kinder, aber es besteht kein Kontakt zu diesen Kindern. Für all diese Menschen kann die Präsenz und Penetranz dieses Muttertages ein echter Schlag ins Gesicht sein.

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8 Gedanken zu „Warum ich Muttertag doof finde

  1. Gerade heute hab ich echt kein bock auf muttitag.erst gestern durcheskaliert mit Pubertät und massiven Einschnitten in die Menschenwürde und heute wieder nett..Nein Danke !
    Völlige Überbewertung konsumorientierter Freundlichfreudiger Müssentage..( s.a.Weihnachten,Ostern,Sylvester u.a. )

    Freundliche Grüße
    Stella

  2. Schön geschrieben! Ich werde derzeit überall gefragt, wann ich Kinder bekomme. Ich kann das ganz lässig beantworten, aber man stelle sich vor, ich wolle welche, aber es ginge nicht. Das ist doch total grenzüberschreitend und alles! Arrgh. Liebe Grüße!

  3. Mein siebzehnjähriger (!!!) Cousin hat mich letztens gefragt, wann es denn bei mir „soweit“ wäre. Ich hätte ihm am liebsten vor die Füße gekotzt.

    Ich finde Muttertag okay, wenn man an diesem Tag nur besonders hervorheben will, was man sowieso immer fühlt. Klar müsste man das nicht an genau diesem Tag machen, aber joah, Tradition halt.
    Nur, wenn man ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter hat – und das haben doch viel mehr als man gemeinhin denkt – dann fühlt man sich doch ziemlich unter Druck gesetzt. Zumindest geht das mir so. Und Vatertag ist da fast noch schlimmer!

  4. Guten Morgen!
    Ich finde den Muttertag aus meiner eigenen Perspektive zumindest „grenzwertig“. Ich unterschreibe alle Deine Argumente, Miri, aber trotzdem war es für mich persönlich oft schwierig als (gefühlte) Mutter zweier Pflegekinder irgendwie nicht zu dem illustren Kreis derjenigen zu gehören, die sich ein „Schokoladenherz verdient“ haben… J. kam mal mit einem ganz blöden Spruch am Muttertag um die Ecke, der gerade an diesem Tag noch einmal schmerzlich bewusst machte, dass wir eben keine „normale“ Familie sind. Wenn ich die Perspektive wechsle und frage, was bedeutet(e) der Muttertag für meine/unsere Kinder… wird mir ganz anders und ich zolle der Leiterin in M.’s Hort Resepekt. Sie teilte uns per Elternbrief mit, dass es von dort keinerlei Muttertagsgeschenke geben würde. Die Begründung war einerseits ähnlich wie deine, wurde aber erweitert durch das Argument: die Familienkonstellationen seien sehr unterschiedlich und nicht immer sei eindeutig nachvollziehbar, wem das Kind gern sein Muttertagsgeschenk überlassen würde…

  5. Heidi, ja, dieser Aspekt ist mir dann gestern auch noch eingefallen, dass Menschen, die keine leiblichen Kinder haben, aber dennoch in einer „elternähnlichen“ Gemeinschaft mit Kindern leben, im persönlichen Umfeld am Muttertag nicht mitgedacht werden. Fremde stülpen dir das Muttersein in der Fußgängerzone ungefragt über und auf der anderen Seite wird es dir abgesprochen, obwohl du mütterliche Aufgaben wahrnimmst. Genauso schwierig finde ich es bei Menschen, die ein Kind verloren haben. Nicht jede weiß von dem Kind, diese Menschen leben ja nicht mit einem Kind zusammen, also sind sie augenscheinlich keine Eltern.

  6. Ich unterschreibe den ganzen Beitrag, und das sehr gerne! Liebe Grüße, Ulrike, Mutter und sonst auch noch so manches.

  7. Pingback: Lessons Learned | drehumdiebolzeningenieur

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