Für mehr statt weniger öffentlicher Zärtlichkeit!

Der neueste Schrei in bestimmten queeren Kreisen ist es, ein Knutschverzicht für Heteros zu propagieren. Die Argumentation geht folgenermaßen: Nicht-heterosexuelle Menschen würden mit jedem öffentlich knutschenden Heteropaar unter die Nase gerieben bekommen, dass sie das Privileg, öffentlich knutschen zu können, nicht haben. Das sei schmerzhaft für diese Menschen und deshalb sollen doch bitte die verliebten Heteros aus Solidarität mit nicht-Heteros das öffentliche Knutschen sein lassen. Dadurch würden sie ein Zeichen setzen, dass sie sich ihrer Privilegien bewusst seien und freiwillig darauf verzichten. Ganz verkürzt ausgedrückt also: Weil es anderen schlechter geht als mir, erlege ich mir selbst Beschränkungen auf. Christian hat ein paar sehr passende Vergleiche gezogen um die Absurdität dieses Ansinnens zu illustrieren.

Robin hat ebenfalls einen guten Text zu dieser irrsinnigen Idee geschrieben. Und am Ende macht sie einen absolut genialen Vorschlag, wie ich finde: Statt weniger knutschen, sollen wir doch alle viel mehr Zärtlichkeiten im öffentlichen Raum austauschen. Allerdings nicht nur mit Personen des jeweils anderen Geschlechts, sondern mit unseren gleichgeschlechtlichen Freundinnen, um damit eben echte Solidarität mit nicht-Heteros zu signalisieren. Denn nur wenn es üblicher wird, dass Menschen des gleichen Geschlechts auch in der Öffentlichkeit zärtlich miteinander umgehen, sind auch weniger Sanktionen für abweichendes Verhalten zu befürchten.

Je länger ich über diese geniale Idee nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass diese Knutschverzichtsdiskussion ganz schön entlarvend ist. Denn dadurch wird sehr sehr stark ein Zustand fortgeschrieben, den die Proponentinnen doch eigentlich abgeschafft sehen wollen. Stellen wir uns also nun mal vor, wir würden bei Robins Vorschlag mitmachen. Wie fühlt sich diese Vorstellung an? Haben wir Angst vor Sanktionen? Fragen wir uns, was denn „die Leute“ über uns denken könnten? Ich wage zu behaupten, dass allein dieses Gedankenexperiment bei den meisten, die sich als homosexuellenfreundlich bezeichnen würden, arge Abwehrreaktionen hervorrufen wird. Nicht, weil sie es eklig fänden, zärtlich zum eigenen Geschlecht zu sein, sondern schlicht und einfach wegen der zu befürchtenden Sanktionen. Aber sich dieser Situation zu stellen ist doch viel solidarischer und lässt eine tausendmal mehr das eigene Privileg reflektieren als ein solidarischer Verzicht. Auch wenn es darum gar nicht so sehr gehen sollte, ist das ein sehr augenöffnender Nebeneffekt. Hauptsächlich würde es aber durch das Trollen der homophoben Dumpfbacken eben viel normaler, dass Menschen im öffentlichen Raum zärtlich zueinander sind, ganz unabhängig von der Geschlechtsidentität der Zärtlichkeiten austauschenden Personen.

PS: Ich habs übrigens schon ausprobiert, das Frauen knutschen in der Öffentlichkeit. Tut gar nicht weh, ist eigentlich genauso aufregend wie Männer knutschen.

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9 Gedanken zu „Für mehr statt weniger öffentlicher Zärtlichkeit!

  1. Habe gerade versucht, den von dir verlinkten Originalartikel der Mädchenmannschaft in Gänze durchzulesen: Ungefähr hier habe ich dann aufgehört:

    „Der springende Punkt ist: Ob ich will oder nicht – durch meine Hetero(pärchen)performance demonstriere ich nicht nur den Normalzustand und erinnere (schmerzhaft) an ihn, ich stelle ihn auch aktiv her und re_produziere ihn.“ ( Anna-Sarah von Mädchenmannschaft)

    Das ist mir zu verkopft und verhaltensgestört. Ehrlich. Wie kann man sein ganzes Leben nur ständig in Bezug zum Verhalten anderer abhängig machen und dazu in Beziehung sehen? Da kann frau/man doch nur verrückt werden. Wenn man das mal auf andere Bereiche des Lebens überträgt, wird einem die Absurdität der obigen Gedankenwelt schnell klar:

    Wenn ich auf der Straße herzhaft und genussvoll in einen schönen Nussplunder beiße, erinnere ich Diabetiker und Übergewichtige auf Diät (schmerzhaft) daran, worauf sie gerade verzichten müssen. Also lieber eine Möhre knabbern, nie mehr in Gegenwart anderer Menschen gut essen?

    Oder wenn ich mich mit meinem kleinen Kind auf der Straße zeige,verletze ich alle ungewollt Kinderlosen. Mit meiner Oma kann ich mich auch nicht mehr spazieren gehen, denn wer keine Großeltern mehr hat, wird durch dieses Verhalten böse angetriggert. Usw. usw.

    Danke für den Artikel.

  2. @ralf Du denkst nicht weit genug. Du hast das Privileg zu leben, obwohl so viele Menschen tot sind. Reflektiere das doch mal. Pro Lebensverbot!

  3. Wenn ich das richtig lese, kann eigentlich für die Autorin fast alles in dieser Welt da draußen – Personen, Dinge, Verhaltensweisen, Regeln, Konventionen – zu „heterosexistischer und transphober Kackscheiße“ werden. Wäre sie Diabetikerin, wäre es für sie „gewaltvoll“, würde jemand eine Sahnetorte zum Camp mitbringen, Argumentiert würde aber vermutlich nicht dahingehend, dass es sich um eine persönliche Betroffenheit handele, sondern es würde auf eine Metaebene gezogen – Herrschaftsausübung der Gesunden über die Diabetegeknechteten.

  4. Danke.
    Danke.
    Danke.
    Seit einer Woche versuche ich rauszufinden, wie ich mein Unbehagen formulieren kann und du hasts für mich erledigt

  5. Bitte.
    Bitte.
    Bitte.

    Klick gemacht, wie ich die Kritik formulieren möchte hat es bei dem Vorschlag von Robin.

  6. Danke fürs Verlinken 🙂

    Seitdem ich den Artikel geschrieben habe, denke ich darüber nach, was für einen knackigen Namen man so einer Bewegung geben könnte, aber mir fällt einfach nichts ein! Es sollte ins Ohr gehen, kurz und prägnant sein und natürlich die Botschaft transportieren. Hast du da vielleicht eine Idee? Oder ein anderer?

    Was du über das Unbehagen von heterosexuellen Menschen schreibst, sich homo zu geben, kann ich gut nachvollziehen. Ich muss zugeben, dass ich dieses Unbehagen selbst habe. Das liegt daran, dass ich als Frau (und auch schon als Mädchen), die nicht viel Interesse an angeblich weiblichen Themen hat, oft für lesbisch gehalten worden bin. Das Problem haben denke ich viele Frauen, die gerne zocken, Horrorfilme kucken, Fußball spielen etc. pp.
    Ich empfand das als beleidigend, weil ich es einfach scheiße finde, dass bestimmte Interessen und Themen einfach so abgestempelt und in eine Schublade gesteckt werden. Ist aber umgekehrt (Mann wird als schwul angesehen wg. seinen Interessen) fast noch schlimmer, glaube ich.

    Dennoch mag ich das mal ausprobieren. Wenn das eine bewusste Entscheidung ist, komme ich damit wesentlich besser klar. Dann sollen sie mich halt für lesbisch halten. Ist ja immerhin nichts schlimmes. Hat auch was von Selbsttherapie 😉

  7. Genau dieses Unbehagen, dass eine für lesbisch gehalten werden könnte, wenn sie mit einer Frau öffentlich zärtlich ist (bei Männern setzt diese Rezeption wahrscheinlich noch viel früher ein, Händchenhalten unter Freundinnen ist ja fast schon ‚unverdächtig‘) meine ich. Sich das klar zu machen sagt soooo viel darüber aus, wie sehr wir alle noch immer die Sanktionierungen gegen gleichgeschlechtliche Zuneigungsbekundungen fortschreiben. Und es gehört Mut dazu, sich das laut einzugestehen. Das hab ich aber aus dem ganzen theoretisierten Geschwurbel der Knutschverzichtsbefürworterinnen nirgendwo gelesen. Die machen wieder mal lieber andere (in diesem Fall die knutschenden Heteros) für das Schlechte in der Welt verantwortlich als tatsächlich mal über sich zu reflektieren.
    Wie du schon sagst, es ist doch eigentlich nix dabei, für ne Lesbe gehalten zu werden. Und doch ist da diese Hemmschwelle. Weil es noch immer alles andere als normal ist. Weil es noch immer viel zu viele gibt, die diese Normabweichung irritiert. Weil noch immer ganz selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass eine einen Partner/Freund/Mann hat und die wenigsten auf die Idee kommen, dass es ja auch eine Partnerin/Freundin/Frau sein könnte.
    Lustige Anekdote dazu: Während meiner Elternzeit kam ein neuer Kollege in unsere Gruppe. Weil etwas wenig Platz war, wurde er an meinen Schreibtisch gesetzt. Irgendwann rief er an und fragte, ob er meine Sachen in einen Karton räumen dürfe, ein Photo von einem fremden Mann und fremden Kind auf dem Schreibtisch sei schon etwas seltsam.

  8. Wir haben das früher ab und an auf Parties gemacht, um die Leute zu schocken. Im Sauerland kennt man sowas ja nur aus Mythen und Legenden ;-). Aber als zwei junge Mädels kann das leider auch noch einen ungewollten Effekt haben, nämlich dass sich manche Männer dann angespornt fühlen, weil sie an miese Pornofilme denken.
    Eben an der Bushaltestelle waren auch zwei junge Mädels am Knutschen. Ganz ehrlich war mir das vollkommen egal, welches Geschlecht beide hatten, fand es auch irgendwie süß, dass es zwei Mädels waren, aber generell fühle ich mich gestört, wenn direkt neben mir am hellichten Tag Menschen nicht aufhören zu knutschen und ich nicht weg kann. Ich denke dann immer: „Haben die kein Zuhause?“
    Ich bin pro Abschiedskuss und Händchenhalten für jedermann aber gegen sexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit.
    LG

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