Unterdrückungsmechanismen in emanzipatorischen Bewegungen?

Kürzlich fand ich mich selbst in einer Situation wieder, die mich sehr stark an das Experiment, welches in „Die Welle“ beschrieben wird, erinnerte. Wirklich erschüttert hat mich vor allem, wie sehr und wie leicht totalitäre Muster etabliert werden können, wenn eine nur ausreichend verschleiernd hauptsächlich an das Gemeinschaftsgefühl der Gruppe appeliert. Das ganze spielte sich in einer Gruppe junger Feministinnen ab, die sich ein- bis zweimal im Monat zu einem Stammtisch trafen. Es geht also nicht darum, dass irgendjemand im stillen Kämmerlein Hasstiraden in dieses Internet geschrieben hat, sondern um Menschen, die in regelmäßigem persönlichen Austausch zueinander standen. Dass selbst im persönlichen direkten Umgang miteinander solche totalitären Herrschaftskonzepte etablierbar sind und innerhalb kürzester Zeit engagierte reale Projekte zerstört, finde ich schockierend. Da die Auseinandersetzung über die zu etablierenden Unterdrückunsgstrategien aber gleichzeitig über eine Mailingliste schriftlich dokumentiert sind, wurde mir in aller Deutlichkeit bewusst, welche logischen Fehler und zivilisationsfeindliche Haltung hinder dem Konzept der Definitionsmacht steckt.

In feministischen Kreisen ist seit einiger Zeit ein Konflikt am gären bzw. offen ausgebrochen, der sich meiner Meinung nach hauptsächlich an einem Konzept entzündet, das sich Definitionsmacht nennt. Bei Wikipedia ist dazu nicht sonderlich viel zu finden, es gibt einen Artikel, der dieses Konzept im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt beschreibt, aber der ist nicht sehr ergiebig, was die eigentliche Problematik dieses Konzeptes betrifft.

Es ist mittlerweile aber leider so, dass dieses Konzept nicht mehr ausschließlich auf sexualisierte physische Gewalt angewendet wird, sondern ganz generell auf Situationen des Unwohlseins. Im Folgenden möchte ich zuerst einmal beschreiben, wie ich das Konzept der Definitionsmacht verstehe: Ausschlaggebend dafür, wer die Definitionsmacht habe, sei ausschließlich die Positionierung in einem (vermeintlichen) Machtgefälle. Fühle sich eine vermeintlich unterprivilegierte Person in einer bestimmten Situation unwohl, habe sie das Recht, dies ohne weitere Erläuterungen oder Begründungen zu signalisieren. Die vermeintlich privilegierteren Personen müssen diese „Kritik“ unhinterfragt annehmen und sollen in einem Prozess der Selbstreflektion herausfinden, was problematisch an ihrem Verhalten war. Die unterprivilegierte Person sei möglichst aus diesem Prozess herauszuhalten, da jedes Nachfragen eine Reproduktion des Unwohlseins bedeute. Und erklären müsse sie schon per definitionem nichts, denn sie habe ja die Definitionsmacht. Niemand außer ihr könne definieren, ob und warum sie sich unwohl gefühlt habe.

Soweit so trivial. Denn natürlich kann niemand außer mir selbst festlegen, wann ich mich unwohl fühle. Das ist aber überhaupt nicht der Punkt bei diesem Konzept. Leider ist es aber genau der Punkt, auf den die meisten reinfallen, wie mir scheint. Hört sich ja erstmal toll an, dass ich mich in Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, zwar signalisieren kann, dass ich mich unwohl fühle, aber nicht erklären muss, warum. Denn das ist ja in der Tat leider häufig anders und kann als erneute Grenzüberschreitung empfunden werden. Dessen sollte sich eine in heiklen Gesprächssituationen durchaus bewusst sein. In jedem Kommunikationsseminar lernt eine, dass die Feedbackempfängerin das Feedback zuerst einmal unkommentiert annehmen und reflektieren sollte, bevor sie in den Dialog mit der Feedbackgeberin eintritt. Aber ich halte es für sehr gefährlich, wenn eine jegliche Auseinandersetzung mit heiklen Themen auf eine derart moralisierende Art und Weise beenden kann. Das führt zu Immunisierung gegen andere Sichtweisen und damit geradewegs in totalitäre Strukturen.

Sehr schön nachzulesen ist diese Immunisierungsstrategie z.B. bei Antje Schrupp:

Wenn hingegen „die Anderen“ für sich Definitionsmacht beanspruchen, dann bedeutet das: Wir brauchen euch von gar nichts zu überzeugen.

Nun gut, Antje Schrupp ist ja auch der Meinung, dass Rechtsstaatlichkeit ein zu überdenkendes Konstrukt sei (typischer Fall des Verwechselns von Inhalt mit formaler Funktionsweise)…

Gerne wird Definitionsmacht auch extrem verkürzt (und dadurch massiv verschleiernd) so erklärt: „Die Frauen, die sich an #aufschrei beteiligten, entscheiden, ob sie sich sexistisch behandelt gefühlt haben.“ Ach du meine Güte. Natürlich kann nur die Betroffene entscheiden, wie sie sich behandelt gefühlt hat. Ja, das hat #aufschrei auch gezeigt, viele Menschen denken, sie können besser bewerten als die Betroffenen, wie sich die Betroffenen zu fühlen haben. Das ist zum Kotzen und sowas sollte eine nicht tun. Schon lange bevor ich auch nur die winzigste Kleinigkeit über Definitionsmacht gelesen habe, habe ich mich darüber aufgeregt, wenn meine Mama mir den Schweinebraten mit „Der schmeckt gar nicht nach Schwein“ versucht hat schmackhaft zu machen. Wie kann sie entscheiden, was für mich nach Schwein schmeckt?!? Das ist aber keine Definitionsmacht sondern trivial.

Wenn eine aber mal genauer nachfragt bzw. hinhört, dann wird einer auch genauer erklärt, worum es beim Definitionsmachtskonzept denn nun wirklich geht: die von Diskriminierung betroffene Person entscheide, ob Diskriminierung stattgefunden habe. Dabei gehe es nicht um Meinungsverschiedenheiten (also doch nicht um ein schlichtes Gefühl des Unwohlseins) sondern um Machtgefälle. Machtgefälle können sein Mann – Frau, „Deutsche“- „AusländerInnen“, hetero – nicht-hetero, monogam – nicht-monogam, religiös – atheistisch, Omnivoren – VeganerInnen… Im wesentlichen treten solche Machtgefälle also immer da auf, wo eine Mehrheit auf eine Minderheit stoße (bei dem Mann – Frau Ding ist das etwas anders gelagert…). Es gibt die klare Aussage von Seiten der Definitionsmachtvertreterinnen, einer weniger privilegierten Person zu widersprechen sei diskrimierend (ich kann das immer noch nicht glauben, aber ich habs schriftlich…). Eigentlich brauche ich jetzt nicht mehr weiter zu erklären, was daran wahnsinnig ist. Aber weil ich aus eigener schmerzhafter Erfahrung weiß, dass es genügend Menschen gibt, die den Kurzschluss nicht sehen, nochmal in aller Deutlichkeit: Mit dieser „Begründung“ kann jede missliebige Aussage (egal ob eine Aussage über die Realität, eine ander Meinung oder etwas, was unangenhme Gefühle macht) moralisch als diskriminierend herabgewürdigt werden. Darüber hinaus findet ein klassischer Zirkelschluss statt, denn wenn die von Diskriminierung Betroffene entscheidet, ob sie diskriminiert wurde, kann jede vollkommen unhinterfragbar behaupten, diskriminiert worden zu sein. Oder im Umkehrschluss: Dadurch wird eine Hexenjagd konstituiert. Sobald eine der eigenen Verurteilung widerspricht, ist man erst recht dran, weil es als weiterer Beweis für das angeblich diskriminierende Verhalten gesehen wird.

Auf der logischen Ebene finden über diese unbegründete Grundannahme hinaus auch noch haupsächlich zwei Fehler statt:

  1. ein Empfinden („das Gesprächsthema berührt mich unangenehm“) oder Meinung („ich stimme der Aussage des Gegenübers nicht zu“) hat nichts mit einer Definition zu tun. Definitionen sind logisch generell reine Umschreibungen ohne moralische Bewertung oder ohne Darstellung eines Zusammenhangs. Es sind reine Hülsen.
  2. Typischerweise wird von Seiten der Definitionsmachtanhängerinnen missliebiges Verhalten als im negativen Sinne normativ, also unterdrückerisch bewertet. Beliebtes Beispiel: In der Öffentlichkeit knutschende Heteropaare werden als heteronormativ bezeichnet. Dabei wird die Bedeutung des Wortes „normativ“ vollkommen falsch gebraucht. Natürlich trägt jedes knutschende Heteropaar zum Eindruck bei, alle Menschen seien hetero, wenn eine eben nur knutschende Heteros in der Öffentlichkeit sieht. Diese Performance ist aber nicht normativ sondern rein deskriptiv, weil sie keinerlei Aussage darüber macht, ob das Paar denkt, dass alle Menschen hetero sein müssen. Die Wikipedia sagt zu normativ:

     Philosophische Normativität gibt an, wie etwas sein sollte. Normativ ist in der Philosophie in der Regel dem Attribut deskriptiv (beschreibend) als Beschreibung für Theorien und Begriffe entgegengesetzt. Deskriptive Aussagen sind Sätze über die Realität und können überprüft und gegebenenfalls auch widerlegt werden (Falsifikation). Normative Sätze geben vor, wie etwas sein soll, also wie etwas zu bewerten ist. In der Moralphilosophie wird beispielsweise normativ geklärt, ob etwas gut oder böse ist oder welche Handlungen moralisch geboten sind.

Machen wir mal ein unbelasteteres Gedankenspiel um das ganze praktisch zu illustrieren. Wenn also eine Atheistin, die durchaus institutionell diskriminiert wird, sich in einem Gespräch mit Christen über Religiösität unwohl fühlt, weil sie dadurch eben wieder daran erinnert wird, dass sie als Säugling ohne Zustimmung eine Konfession zugewiesen bekommen hat, dass sie deshalb gegen ihren Willen Kirchensteuern gezahlt hat, dass sie, um gegen Gebühr ihren Kirchenaustritt zu erklären zum Amtsgericht gehen musste, dass ihre Kinder von klein auf mit christlichen Bräuchen konfrontiert werden, dass im Kindergarten Ostern, Nikolaus und Weihnachten samt Jesuskind zelebriert wird, dass konfessionslose Kinder in der Grundschule zum christlichen Religionsunterricht gezwungen werden,… dann darf sie mit Fug und Recht behaupten, dieses Gespräch über Religiösität stelle eine diskriminierende Handlung dar? Natürlich stellt das Gespräch über Religiösität an sich KEINE diskriminierende Handlung dar, solange niemand sagt, dass die Atheistin nicht mitreden dürfe oder unbedingt Christin werden müsse.

Ein weiterer Aspekt, um die Absurdität dieser Aussagen darzustellen: Eine feministische Forderung ist, dass Frauen nicht anders behandelt werden als Männer. Aber hetero, monogam Lebende,… sollen in all ihren (Sprach-)handlungen anders beurteilt werden als nicht-hetero, nicht-monogam,…? Wieviele Vorurteile sollen da rein aufgrund von willkürlichen Kategorien (Brillenträgerin, Akademikerin, Mutter, weiß,…) auf Individuen geladen werden, während gleichzeitig vorgegeben wird, gegen jegliche Vorurteile vorzugehen?

Während der Auseinandersetzung über all diese Punkte auf einer Mailingliste mit Menschen, die mir alle hauptsächlich durch reale Treffen persönlich bekannt sind, wurde per Twitter innerhalb dieser peer-group mehrmals mehr oder weniger explizit kolportiert, dass ich keine Feministin sei. Und das war dann der Punkt, wo ich gemerkt hab, dass da gerade nichts anderes abgeht als bei „Die Welle“ beschrieben wurde. Menschen, die Kritik an der Ideologie üben werden einfach mal ratzfatz als „nicht dazugehörig“ definiert. Ich sags ja, totalitär…

Ich möchte noch darauf hinweisen, dass es vollkommen egal ist, auf welche Kategorien und angeblichen oder realen Machtverhältnisse dieses Konzept angewendet wird. Die falsche Logik hat immer die gleichen desaströsen Auswirkungen. Bei Critical Whiteness ist es der Antirassismus, der dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird, bei Männer vs Frauen ist es der Feminismus, der dadurch diskreditiert wird und Antifeministen und Maskulisten legitimes Futter für ihre unsäglichen Tiraden gegen Frauen liefert.

Egal worauf das Definitionsmachtskonzept angewendet wird, untergräbt es die Grundlage unserer Zivilgesellschaft. Es immunisiert den eigenen Standpunkt gegenüber allen anderen Sichtweisen. Es ist dogmatisch, weil beliebige Aussagen von angeblich Unterdrückten weder moralisch noch inhaltlich widersprochen werden kann und es ist totalitär, weil die Geltung dieser absoluten Aussagen auf beliebige andere Bereiche übertragen wird (wer dem Definitionsmachtskonzept nicht anhängt, ist Rassistin, twitterRassistinKadda_bearbeitetkeine Feministin, etc)Tweet_antifem

Das Ziel einer offenen Gesellschaft ist die Maximierung der Freiheit des Denkens, Sprechens, Schreibens, individuellen Handelns. Dies wird erreicht durch die Maximierung der Kritisierbarkeit. Immer da, wo die Freiheit der einen mit der Freiheit der anderen kollidiert, brechen Konflikte auf. Diese können nur dann so zivil, rational und gewaltarm wie möglich gelöst werden, wenn auf inhaltlicher, abstrakt sprachlicher Ebene ein Diskurs so klar, offen und intersubjektiv überprüfbar wie möglich ausgetragen werden kann. Das mag manchmal unangenehm bis schmerzhaft sein. Aber die Minimierung physischer Gewalt, die Minimierung der Unterdrückung der persönlichen Freiheit wird nur durch Maximierung der Kritik erreicht.

Eine Position zu immunisieren, dogmatisch jegliche Kritik daran als Diskriminierung zu bezeichnen und damit zu unterdrücken und totalitäre Unterwerfung unter ein unlogisches Konzept zu fordern untergräbt die fundamentale Grundlage einer freien und offenen Gesellschaft. Dies würde in letzter Konsequenz erst zu einem Zerfall der Gesellschaft in nicht mehr offen untereinander kommunizierende Gruppen und anschließend in eine physisch gewaltvollen Clash verschiedener Dogmen führen.

Obwohl das so ist, warum hat dieser Wahnsinn trotzdem so eine Kraft? Diejeniegen, die das propagieren, reden die ganze Zeit davon, wie wichtig Sprache sei, haben aber gar nicht kapiert, wie Sprache funktioniert. Da gibt es die eine Gruppe, die in dem Konzept einen Schutzraum sieht, der ihnen die Möglichkeit gibt, in einer heimeligen Gruppe aufzugehen, ohne die dahinterliegende fehlerhafte Logik zu durchschauen. Dieser Schutzraum funktioniert leider nur so lange, bis diese Leute aus willkürlichen Gründen in die Täterinnenrolle gedrängt werden und damit zum Opfer dieses Konzepts werden. Und es gibt die andere Gruppe, die dieses Konzept ganz klar als Machtinstrument missbraucht, die wahrscheinlich auch nicht kapiert, welch essentialistischer Mist dieses Konzept ist, aber wo ich mich schon frage, ob sie bewusst dieses Konzept zur psychologischen Manipulation der ersten Gruppe missbrauchen.

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