Und so funktioniert essentialistische Logik.Nicht.

Die erste (und bisher einzige) Kritik an meinem Tacheles-Text war folgende:

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte das nicht kommen sehen, mittlerweile weiß ich ja, wie das mit der essentialistischen Logik funktioniert. Und die folgende längere Begründung für die Kritik      

zeigt sehr schön, was an dieser Logik eben nicht funktioniert: In einer inhaltlichen Auseinandersetzung sind Worte Vehikel, um Botschaften zu transportieren. Die Worte an sich haben nicht, wie der Essentialismus behauptet, eine absolute Bedeutung, sondern sind Konventionen darüber, wie wir gedankliche Inhalte transportieren. Wer einem Kleinkind schonmal beim erlernen der Muttersprache beobachtet hat, wird feststellen, dass das Kind in diesem Prozess Wörter auf ihre Bedeutung hin testet. Worte, die nicht direkt verstanden werden, werden in unterschiedlichen Kontexten ausprobiert, um sich anhand der Reaktion der Erwachsenen die Wortbedeutung zu erschließen. Dem Wort an sich wohnt aber keine absolute Idee inne, wie es gerne von den EssentialistInnen behauptet wird… Zurück zum Beispiel. Die Redewendung ‚Eier in der Hose haben‘ wird umgangssprachlich für Männer, die durchgreifen, angewendet. Es in einem feministischen Kontext zu verwenden, bedeutet für mich, dass ich mir diese Redewendung aneigne und umdeute. Auch kann ich einen gewissen ironischen Unterton nicht leugnen. Dass diese 5 Wörter den Rest meiner Gedanken obsolet machen sollen, ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie in dieser Logik jeglicher Diskurs verunmöglicht wird. Neben diesem Aspekt frage ich mich außerdem, wer definiert, welche Worte in einem feministischen Kontext was zu suchen haben und welche nicht.

Das erinnert mich doch stark an „Das Leben des Brian“: „Er hat Jehova gesagt!“

Ich danke Frl_Pfefferminz für dieses anschauliche Beispiel, weil es mir geholfen hat, nochmal klar herauszuarbeiten, was einer der Knackpunkte dieser Denkschule ist. Erschreckend finde ich es trotzdem, dass sich das scheinbar ganz tief eingegraben hat in feministische Kreise und fast schon reflexhaft ist. Aber es zeigt auch: Wenn man die Stelle, an der man sich stößt, explizit benennt, ist eine Auseinandersetzung damit möglich. Was soll ich mit einer Kritik anfangen, die sagt: „Ich habe mir schon ähnliche Gedanken wie du gemacht, kann deinem Text aber nicht zustimmen, weil du an einer Stelle was unaussprechbares gesagt hast.“

 

 

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6 Gedanken zu „Und so funktioniert essentialistische Logik.Nicht.

  1. Hallo,

    unschön zu sehen, dass ein Tweet den ich kurz vorm Schlafengehen nach eher Überfliegen deines Textes abgeschickt habe dir Anlass für einen solche Prangerartigen Artikel gibt. Das ist zugegebenerweise unangenehm.

    Meine Position aus der ich den Tweet verfasst habe:

    Ich habe zunächst deinen Artikel als interessant bezeichnet, da ich mich selbst auch schon mit den Entwicklungen der Mädchenmannschaft beschäftigt habe. Als Leserin der ersten Stunde ist mir das nicht entgangen und ich finde es grundsätzlich gut, sich kritisch mit einem Medium auseinanderzusetzen, das mittlerweile eine große Reichweite und damit Macht hat.

    Mir selbst fällt es, hauptsächlich aus zeitlichen Gründen, schwer mit dem sprachlichen Niveau standzuhalten und ich fühle mich mehr und mehr unwohl, wenn darauf hingedeutet wird, dass eine sich doch bitte weiterbilden soll. Nicht, weil ich von Menschen erwarte, dass sie mir Wissen auf dem Silbertablett servieren, sondern vielmehr, weil meine Ressourcen begrenzt sind und ich zunehmend spüre, dass die MM sich weiterentwickelt, während ich stehen bleibe, weil ich nicht über Zeit und Zugang verfüge um alle Begriffe und Zusammenhänge vollständig zu durchdringen.

    Du hast nirgendwo deutlich gemacht, dass du die Redewendung „Eier in der Hose“ umdefinierst. Das geht meiner Meinung nach nicht einfach implizit. Meiner Meinung nach disqualifizierst sich ein Text mit solchem Inhalt, ja. Und wenn ich damit Zielscheibe deiner Frustration über eine Situation mit der MM bin, dann bitte..

    BTW: Du hast übrigens deine eigene Position in der Sache irgendwie auch nicht grade transparent gemacht. Wie kommt es genau zu deinem Unmut? Sicher nicht nur durch das Nachschlagen von Begriffen.

    Ich stimme deiner Kritik an Definitionsmacht und Critical Whiteness nicht zu. Mir ist bewusst, dass das dein zentraler Punkt sein sollte, für mich waren im Moment meines Tweets jedoch die anderen Punkte (Sprache, Entwicklung der MM) das was den Text für mich „interessant“ machten und der Punkt an dem ich zustimmen würde.

    Das dieser eine Satz den Rest deines Textes obsolet machen und den ganzen Rest hast du dir selbst zusammengedichtet. Ehrlichgesagt kann ich darüber nur noch den Kopf schütteln. Wenn du es nötig hast mich, ohne je ein weiteres Wort mir mir gewechselt zu haben, als gehirngewaschene Mitläuferin darzustellen: nur zu, aber ich wende mich derweil anderen Dingen zu.

  2. Mit Bezug zum Kommentar von frl_pfefferminz: Ich weiß nicht, ob „weiterentwickelt“ tatsächlich der Begriff für das ist, was da bei der Mädchenmannschaft passiert. Während man noch darüber streiten kann, ob die zusehends abstrakten Sprachregelungen im Sinne der Bewegung sind (ich würde behaupten: Akademisch meinetwegen, um Zugang für Menschen außerhalb der feministischen Filterbubble zu finden überhaupt nicht.) ist das zunehmende Kreisen um sich selbst, eine kritische Selbstreferenzialität bis hin zum Negieren eigentlicher Themen in niemandes Interesse. Nicht der Leser und nicht der Mädchenmannschaft.

    Ich würde mich als jemanden bezeichnen, der durchaus bereit ist sich regelmäßig selbst weiter zu bilden und zu informieren und trotzdem bekomme ich beim Lesen von Mädchenmannschafts-Beiträgen mittlerweile Kopfschmerzen vorlauter positionieren und verorten.

    Für eine tatsächliche Weiterentwicklung müsste man bei der Mädchenmannschaft vielleicht die ein oder andere Richtungsentscheidung treffen. Oder zumindest abgrenzen zwischen theoretischen Konstrukten (weiß positioniert vs weiß sein) und tatsächlichem Aktivismus.

    Es gibt einen Grund warum erfolgreiche Kampagnen auf simple Slogans setzen. Sprache muss in erster Linie Informationen transportieren. Dabei gleichzeitig jedes existierende Konzept des gesellschaftlichen Pluralismus zu beachten ist zum jetzigen Zeitpunkt außerhalb des akademischen Betriebs noch zu wenig zweckmäßig.

    Und da steht für mich tatsächlich eine Weiterentwicklung der Bewegung, der Verfolgung von klaren Zielen eher im Vordergrund.

  3. @Frl_Pfefferminz: Es tut mir leid, wenn ich den Eindruck erwecke, dass ich dich persönlich anprangere. Das Gegenteil ist eigentlich sogar der Fall (okay, ich gebe zu, da habe ich wohl etwas ungeschickt agiert…). In feministischen Kreisen ist es, meiner Meinung nach auch durch die Mädchenmannschaft, mittlerweile üblich geworden, Meinungen nicht mehr nach dem Inhalt, sondern nach den gewählten Worten zu beurteilen. Und genau das war einer meiner Kritikpunkte, im ersten Artikel noch auf der Metaebene. Ich wollte sowieso noch mehr zum Essentialismus schreiben und dann kam direkt auf dem Silbertablett so ein Beispiel daher. Entschuldige, da konnte ich nicht widerstehen.
    Wirklich erklärt, was an meiner Formulierung ‚Eier in der Hose haben‘ nun problematisch ist, hast du nicht, zumindestens nicht so, dass ich es verstanden hätte. Es geht mir darum, dass man sich wieder auseinander setzen kann, über Zielsetzungen, über Inhalte. Und dann fangen wir als erstes an, über Formulierungen zu streiten? Da ist es mir scheinbar nicht gelungen, rüber zu bringen, worum es mir geht. Mein Fehler, ich muss nachsitzen. Du hast einfach nur sehr deutlich herausgestellt, wo die Schwachstelle in meinem Text ist. Danke dafür!
    Schon anderen, die sich vorher versucht haben, in dieser Debatte zu positionieren, wurde persönliche Involviertheit unterstellt. Das scheint für manche Menschen die einzige Begründung für Wut zu sein. Es geht hier aber um die Methodik. Und die ist in meinen Augen hochgradig diskursfeindlich. Das macht mich sehr wütend. Von daher: Ja, durch Lesen von Texten, die im Dunstkreis der MM erschienen sind. Da hat sich um Laufe der Zeit eine Menge Wut angestaut. Ich bin aus tiefster Überzeugung liberal und reagiere verdammt allergisch darauf, wenn ich das Gefühl habe, irgendjemandem soll der Mund verboten werden. Und als genau das empfinde ich das Definitionsmachtkonzept, als mächtiges Mundtotmachinstrument. Deshalb nochmal: Du hast gar nichts schlimmes gemacht, als du meinen Text kritisiertest, ich will mich ja auseinandersetzen. Aber über Inhalte. Das hatte ich scheinbar noch nicht deutlich genug gesagt

  4. Ingenieur steht für klares Denken. Geschlechts- und Gender- und altersübergreifend. Danke für diese Darstellungen. Ich folgte Ihnen vom Blog eines männlichen, vegetarisch lebenden Rad- und Sunbeam/Barchettafahrers.
    mit freundlichen Grüßen Melursus

  5. Du schreibst: „Zurück zum Beispiel. Die Redewendung ‘Eier in der Hose haben’ wird umgangssprachlich für Männer, die durchgreifen, angewendet.“

    In meiner kleinen Welt kann man die Redewendung „Eier in der Hose haben“ synonym mit „Rückgrat haben“ verwenden. Wobei die erste Redewendung etwas „plastischer“ und „umgangsprachlicher“ ist. In die gleiche Richtung geht auch „einen Arsch in der Hose haben“.

    Die etymologische Herleitung der Redewendung würde mich auch interessieren. Ich vermute, dass sie nicht aus dem Deutschen kommt sondern aus einer anderen Sprache „rückübersetzt“ wurde.

  6. Ganz sicher bin ich mir da nicht, aber eine mögliche Quelle, aus der ich das haben könnte ist der Film Glengarry Glen Ross. Dieser Ausschnitt zeigt sehr plastisch, wie krank bestimmte Spielregeln sind (Abwertung der Familienarbeit, Homophobie, Streben nach materiellen Werten als einziger Bewertungsmaßstab,…). Um im System zu bestehen braucht es Coolness, vollkommen überhöhtes Selbstbewusstsein, die Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten und man muss einstecken können. Das wird im Film mit den „brass balls“ (Messingkugeln = richtig harte Eier) ausgedrückt, aber genau das braucht es im positiven Sinne eben auch, wenn man in sich gegen etwas übermächtiges wehren will und für seine Überzeugung einsteht.
    Eine kleine Google-Suche hat außerdem ergeben, dass es wohl vom Wort „cojones“ (Spanisch umgangssprachlich für Hoden) kommt. Leider gibt es da nur einen englischen Wikipedia-Eintrag zu.

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