Dann reden wir doch mal Tacheles

Nachdem Meredith Haaf heute per Twitter ihren Rückzug aus der Mädchenmannschaft öffentlich gemacht hatte,

rief @mh120480 dazu auf, ihm (anonym) Informationen zur Mädchenmannschaft zukommen zu lassen. Die sich daraufhin entspinnende Diskussion offenbarte, dass vielen die problematische Grundhaltung des Kernteams der Mädchenmannschaft nicht klar zu sein scheint. Dabei braucht es allerdings gar kein Insiderwissen, wie @Autofocus es vermutet.  Man kann das alles öffentlich nachlesen.

Nachdem sich die Moderations- und Kommentarpolitik merklich veränderte (weg von kontroversen Diskussionen, in denen auch abweichende Meinungen ernst genommen wurden hin zu Zurechtweisungen der weniger belesenen KommentatorInnen) erschien ein Beitrag, der für mich ein erster Hinweis auf eine gelinde gesagt sehr verdrehte Weltsicht war.

Da in den Diskussionen immer häufiger gefordert wurde, dass der/die geneigte LeserIn sich doch bitte selber schlau machen solle anstatt den Autorinnen durch ernstgemeinte Nachfragen die Zeit zu stehlen, tat ich genau dies: Ich begann, ein wenig im Dunstkreis der Autorinnen zu lesen und stieß auf das Konzept der Definitionsmacht. Am deutlichsten ausgeprägt ist dieses Konzept im Bereich der Critical Whiteness. Mir wurde ziemlich schnell klar, dass dieses Konzept immanent totalitär und essentialistischer Quatsch ist. Was genau auf logischer Ebene diesen Quatsch ausmacht, ist einen eigenen Blogbeitrag wert.

Das ganze gipfelte dann in den (Nicht)-Beschreibungen der Vorkommnisse beim 5-jährigen Geburtstag der Mädchenmannschaft und nahezu unlesbaren Stellungnahmen der dort anwesenden Mädchenmannschaftsautorinnen (natürlich fein säuberlich nach Hautfarbe aufgeteilt in ‚über jeden Zweifel erhaben‚ und ‚auf dem Weg zu gut, aber noch nicht gut genug‚). Nirgendwo ist herauszufinden, was jetzt genau schlimmes vorgefallen ist, da schon das alleinige Beschreiben des Vorfalls angeblich eine Reproduktion von Rassismus darstellt. Die Empfindung einer oder mehrerer Personen wird per Definitionsmachtkonzept zu einer Definition verklärt. Anhand des essentialistischen Missverständnisses wird dieser Definition eine absolute Bedeutung beigemessen, die im Weiteren natürlich nicht diskutiert und in Frage gestellt werden darf. Das ist dogmatisch und diskursfeindlich, es entzieht den eigentlichen Inhalt der Debatte und ist hochgradig schädlich für eine freie Gesellschaft.

Besonders einem Aspekt möchte ich an dieser Stelle nochmal besondere Aufmerksamkeit schenken:

Unabhängig von dem Panel zeigte sich unsere geringe awareness auch darin, dass wir einen Workshop durch eine Mädchenmannschafts-Kolumnistin zugelassen haben, in dem alleinig aus einer weißen Position über Frauen in der ägyptischen Revolution gesprochen wurde und – nach Berichten – die Diskussion sich fast ausschließlich um das Thema “Kopftuch” drehte. Keine von uns war in diesem Workshop anwesend und intervenierte. Einige weiß positionierte Autorinnen und Nadia aus dem MM-Team hatten den Workshop bereits im Vorfeld diskutiert, nachdem der erste Titelvorschlag der Referentin durch das Orgateam abgelehnt worden war. Es hatte also auch in diesem Fall Bedenken gegeben, die nicht zu einschreitenden Aktionen geführt haben. […]

Bezüglich des Workshops “Frauen in der ägyptischen Revolution” werden wir die Kolumnistin der Mädchenmannschaft, die den Workshop gegeben hat, mit der Kritik konfrontieren und eine Stellungnahme einfordern. Sollte sich die Verantwortungsübernahme der betreffenden Workshopgeberin als weiß Positionierte in diesem Aufarbeitungsprozess nicht wiederfinden, halten wir personelle Konsequenzen nicht für ausgeschlossen.

Quelle: Mädchenmannschaft

Mit anderen Worten: Man ist gerne bereit, das Angebot für einen Workshop anzunehmen, auch wenn man den Titel problematisch findet. Wenn sich aber anschließend die richtigen Leute beschweren, dann hat man plötzlich nicht mehr die Eier in der Hose, zu der vorher getroffene Entscheidung für den Workshop zu stehen, sondern schiebt der Workshopgeberin alle Schuld in die Schuhe und wenn sie sich nicht auf die richtige Art und Weise entschuldigt, dann darf sie nicht mehr mitspielen. Mir fehlen echt die Worte angesichts so wenig Rückgrat. Die Leute, die hier gerne eine Person so unter der Gürtellinie fertig machen würden, sind die gleichen, die an anderer Stelle die ganze Zeit was von ‚herrschaftsfreien Räumen‘ phantasieren.

In Zusammenhang mit Merediths Rückzug macht @dieKadda noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam:

Da liegt die Vermutung nahe, dass tunlichst der Eindruck vermieden werden soll, dass Merediths Austritt in Zusammenhang steht mit den Vorkommnissen beim Geburtstagsfest.

Mit Merediths Rückzug haben sich nach Susanne Klingner, Barbara Streidl und Katrin Rönicke nun alle 4 Autorinnen der ersten Stunde aus der Mädchenmannschaft verabschiedet. Vor 5 Jahren war dieses Projekt für mich der Inbegriff des Pluralismus, des offenen Diskurses und diente dazu, Menschen (unabhängig von Geschlecht und sonstiger Kategorien) von von außen auferlegten Rollenbildern und -zwängen zu befreien. Was dort diskutiert wurde war relevant für die gesamte Gesellschaft. In neuerer Zeit waren die meisten Beiträge nur noch für AnhängerInnen poststrukuralistischer Pseudologik interesant. Die Beiträge waren größtenteils freiheitsfeindlich und die Kommentare beschränkten sich dank rigider Moderationspolitik auf langweiliges Beifallklatschen.

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9 Gedanken zu „Dann reden wir doch mal Tacheles

  1. Pingback: Und so funktioniert essentialistische Logik.Nicht. | drehumdiebolzeningenieur

  2. Danke. Als Leserin und Kommentatorin ist es schwierig sich abzumelden. Kommentare, in denen ich meine Enttäuschung über die Verschiebung des Diskurs, über den Umgang mit ehrenamtlich Engagierten benannte, wurden nie freigeschaltet.
    Daher hier: Du triffst den richtigen Ton

    @rosanna: Meines Wissens war Katrin Rönicke Gründungsmitglied, wenn auch nicht MItautorin des Buchs.

  3. Das Diskussionsklima bei der MM und der Tenor in manchen Texten sind mir auch negativ aufgefallen. Schade, dass ernst gemeinte Fragen abgebügelt, kritische öfters nicht veröffentlicht werden. Einiges davon kriegt man dann über Twitter mit. Es könnte eine breite Diskussions- und Mitmachplattform sein für Feminismus-Interessierte, auch für Neulinge, die nicht x-Semester Gender Studies studiert haben und mit dem dort gelernten Wortschatz nicht per du sind. Für Leute, die Interesse an einer nicht-nur-akademischen Diskussion haben (auch wenn sie selbst studiert haben. Das gibt’s). Dazu braucht es aber ein offenes Diskussionsklima. Ich bin Leuten, die mir helfen, Dinge zu verstehen, ohne mich dafür erst mal für total bescheuert zu erklären, dankbar. Und ich halte es für zutiefst elitär, die eigene privilegierte Position (WIR wissen Bescheid, WIR sind die richtigen Feministinnen oder was auch immer) zum non plus ultra zu machen. (Privilegiert weil: die Zeit, den Zugang, die Unterstützung zu haben, sich mit Themen intensiv zu beschäftigen. Ein schönes Privileg. Aber nicht selbstverständlich.)

    Ob das, wie du schreibst, am CW-Konzept liegt? Eher wohl daran, wie Leute das Konzept auslegen und praktizieren. Das geht tatsächlich teilweise in die Richtung „anti-emanzipatorische Dominanzstrategie“, siehe z. B. die Vorfälle auf dem No Border Camp dieses Jahr. Eine ausführliche Stellungnahme gibt’s hier: https://linksunten.indymedia.org/de/node/64408

  4. Ich finde die Idee, die hinter dem CW-Konzept steckt, ja im Ansatz auch gut. Ich halte es für sehr wichtig, dass man sich darüber Gedanken macht, wo man in einem gesellschaftlichen Zusammenhang positioniert ist. Aber meine Gedanken und Meinungen nur anhand meiner Positionierung zu bewerten, führt geradewegs in den Totalitarismus. Das ist dem Konzept einfach immanent. Und du zeigst ja auch sehr schön auf, an welchen Stellen Privilegien plöztlich als Machtinstrument eingesetzt werden von den gleichen Menschen, die das Wort „Privileg“ in anderen Zusammenhängen als finales Totschlagargument benutzen. Und das finde ich einen sehr wichtigen Punkt: Jeglicher Diskurs kann so verunmöglicht werden, nicht nur, weil es Menschen gibt, die weniger gebildet sind, sondern weil es immer jemanden geben wird, der/dem mehr Privilegien unterstellt werden können und der/die dann einfach mal die Klappe halten muss.

  5. Nein, das ist keine Riesenüberraschung. Aber wie die obige Twitterkommunikation zeigt,ist es scheinbar nicht jeder/jedem klar. Dabei ist es wirklich alles öffentlich nachlesbar. Aber an so vielen verschiedenen Stellen, dass ein Watchblog vielleicht tatsächlich eine ganz interessante Sache wäre.
    Danke für den Hinweis auf deinen Blogbeitrag. Gewisse Trolltendenzen deinerseits sind allerdings nicht ganz von der Hand zu weisen. Möchte das gar nicht weiter kommentieren, nur darauf hinweisen, dass sich dieser Blog hier durchaus in der feministischen Bloggospäre verortet.

  6. Pingback: Die Selbstdemontage des Feminismus, erklärt am Beispiel von ein bisschen Schuhwichse « robins urban life stories

  7. Pingback: Unterdrückungsmechanismen in emazipatorischen Bewegungen? | drehumdiebolzeningenieur

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