Sooo frustrierend!

Mein erster Arbeitstag nach 15 Wochen Mutterschutz und 9 1/2 Wochen Elternzeit war im großen und ganzen sehr schön. Die Kollegen haben sich gefreut, dass ich wieder da bin, ich habe direkt einige neue spannende Projekte zum Bearbeiten auf den Tisch bekommen und es fühlte sich alles noch sehr vertraut an. Leider wurde er überschattet von einigen sehr ungeschickten Äußerungen meines neuen Chefs.

Schon bei einem Kennenlern-Gespräch im Februar, als klar war, dass er mein neuer Chef wird, hat er durchblicken lassen, dass ich mich mit meinem Wunsch, ab September wieder Vollzeit zu arbeiten, nicht überfordern solle. Hat mich damals schon genervt. Ich habe mit einem Kind Vollzeit gearbeitet, warum sollte das mit zweien nicht auch gehen? Macht er ja auch. Als er dann erfuhr, dass der Mann an meiner Seite als Wissenschaftler in einer internationalen Kollaboration an einem Experiment arbeitet, dass 750 km weit entfernt ist, war für ihn klar, dass der Mann natürlich ganz oft auf Reisen ist. Geht ihn es was an, dass der Mann seit 3 Jahren kaum noch auf Dienstreisen geht, weil er ganz selbstverständlich so viel Zeit wie möglich mit seiner Familie verbringen möchte. Oder dass der Mann aus 10 monatiger Erfahrung weiß, wie anstrengend „alleinerziehend“ ist. Ich fand „nein“, wie der Mann und ich unser Familienleben organisieren muss ich meinem Chef nicht erklären.

Heute also dann das Willkommens-Gespräch. Und wieder: Wenn ich Vollzeit arbeiten wolle, solle ich mir im klaren sein, dass sie dann auch vollen Einsatz von mir erwarten. Er wüsste, dass Frauen top organisiert seien und Job und Familie unter einen Hut bekommen könnten, aber seine Frau sei mit den 2 Kindern und der Teilzeitstelle ganz schön in ein Korsett gepresst. Ah ja, und er so mit seinen 2 Kindern als Vollzeitführungskraft? Ich Kuh hab das so deutlich natürlich nicht formuliert, am ersten Tag will man ja nicht gleich total auf Krawall machen. Habe also nur eingeworfen, dass er doch auch Vollzeit arbeite. Hat er aber nicht kapiert. Und wie es denn aussähe mit Dienstreisen, ob ich da flexibel sei. Allerdings dermaßen suggestiv gestellt die Frage, dass ich das Gefühl hab, der rechnet sowieso damit, dass ich sage, dass ich max. einen Tag ohne Übernachtung von zu Hause weg sein kann. Und wieder war ich zahm und habe gesagt, dass ich das zwar absprechen muss und nicht versprechen kann, dass ich jederzeit auch kurzfristig Gewehr bei Fuß stehe, aber prinzipiell Dienstreisen, auch kurzfristige(!), kein Problem darstellen. Wieder hatte ich das Gefühl, das ist dermaßen jenseits seiner Vorstellungswelt, dass das gar nicht angekommen ist.

Dann mache ich mein Postfach auf und finde eine Mail vom Chef von Freitag, an mich und 2 Kollegen. Da ging es um die Verteilung einer kurzfristig anstehenden Aufgabe inkl. Dienstreise. Und da steht dann allen Ernstes: Mich könne man ja nicht schicken, aber ich könne die anschließende Bearbeitung übernehmen. Als ich das las, habe ich SOFORT zum Telefon gegriffen und den Chef gefragt, warum man mich nicht schicken könne, schwanger sei ich nicht mehr. Begründung: Ich solle erstmal wieder ankommen, das mit der Familie müsse sich ja auch erstmal einspielen und dann noch frühmorgens zu einer Dienstreise aufbrechen, nein, das hätte er mir nicht antun wollen.

Melanie hat hier von Bewerbungsgesprächen berichtet, wo es ähnliche Vorurteile gegen Mütter gab. Dass es aber in der Schärfe nach der Geburt des zweiten Kindes in einem bestehenden Arbeitsverhältnis passiert, zeigt, dass es auch im Jahr 2012 für eine Mutter nicht reicht, gute Arbeit zu machen, flexibel und zuverlässig zu sein (ich gehe davon aus, dass ich während meiner Vollzeitberufstätigkeit mit einem Kind all dies war, denn ich wurde im letzten Jahr bei der Zielerreichung besser bewertet als ich mich selbst eingeschätzt hatte). Man kann das Gegenteil längst bewiesen haben, aber als Mutter ist man für manche Chefs nach wie vor eine tickende Zeitbombe. Und das schlimme ist: Der meint das gar nicht böse, oder absichtlich diskriminierend, im Gegenteil, der denkt sicher, dass er voll der Frauenversteher ist, weil er so nett zu mir ist.

Versöhnlicher Abschluss des heutigen Arbeitstages: mein Bürokollege hat mir gesagt, dass er bei mir überhaupt keine Bedenken hätte, dass ich für 4 Wochen nach Kalifornien auf Dienstreise gehen würde. Aber das Projekt sei schon jetzt so vor die Wand gefahren, dass er die Suppe wohl selber auslöffeln müsse.

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11 Gedanken zu „Sooo frustrierend!

  1. Ich arbeite auch Vollzeit und durfte mir erstmal von einem Kollegen, der nicht bei uns arbeitet direkt nach der Elternzeit fragen lassen: „WAAAS, Sie arbeiten wieder Vollzeit? Und? Ist Ihr Kind jetzt eine Vollwaise?“ Ich frag mich, ob der Typ ´ne Vollmeise hat – überhaupt sowas zu fragen. Damit beschäftige ich mich nicht weiter. Ich beantworte sowas nicht – dazu gibt´s nur ein verständnisloses, erschütterndes, kurzes Kopfschütteln.
    Dass es tatsächlich auch Väter gibt, die sich für Kinderbetreuung entscheiden, ist 2012 immer noch nicht angekommen. Ich finde, da sind doch viele Mitmenschen – damit meine ich übrigens nicht nur Männer – noch nicht im Zeitalter der Gleichberechtigung und Progressivität angekommen. Ich verstehe auch nicht, warum viele Mitmenschen daran interessiert sind – auch Menschen, die ich gar nicht so genau kenne – mir ihre Meinung zu unserem Lebensentwurf mitzuteilen – können wir nicht einfach sein, wie wir wollen?

  2. Frustrierend – kann ich mir gut vorstellen. Es wundert mich nicht, dass der Chef den Wink mit dem Zaunfall nicht kapiert, seine Welt besteht halt aus maximal teilzeiterwerbstätigen Müttern und selbstverständlich vollzeitarbeitenden Männern (bei denen es natürlich keine Rolle spielt, ob sie Kinder haben. Wieso auch.). Ich finde es prinzipiell ja ganz gut, wenn Chef/innen (soferns welche geben muss), familiensensibel sind, allerdings bitte allen Geschlechtern gegenüber. Und bitte nicht paternalistisch. Denn wie ich das auf die Reihe kriege mit Kind & Job, entscheide ich immer noch selbst.
    Und ich stimme Melanie absolut zu: dass Männer die Kinderbetreuung zu einem Großteil übernehmen, ist für viele noch immer absurd. Du glaubst gar nicht, wie oft ich (ich, natürlich. Nicht er. Denn direkt wäre es ja zu …. äh, direkt, vielleicht?) schon gefragt wurde, wann mein Freund eigentlich mal wieder arbeiten gehen würde. So den ganzen Tag sich nur ums Kind kümmern, neee, das ist doch nichts. Für einen Mann. Grrrr****

    P.S.: Siehste, genau für Artikel wie diesen hätte ich gerne den „gefällt mir auch nicht“- oder „find ich auch besch…t“-Button 😉 (s. Twitterkonversation kürzlich).

  3. Als ich eben gesehen habe, dass der Beitrag dir gefällt, habe ich auch an diese Twitterkonversation denken müssen, weil mir sofort in den Kopf schoss: „Warum gefällt ihr das? Ist doch voll doof das!“

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  8. Hm… Ich vermische hier Antworten zu zwei Artikeln, diesem hier und der aktuelle, derauf hier verweist.
    Ich kann Deinen Frust nachvollziehen, hatte ihn so Ähnlich auch schon. Sich selbst schlecht zu denken, immer in der Angst zu leben, was falsch gemacht zu haben und einfach ein geringes Selbstwertgefühl zu haben kommt aber m.E. aus jahrzehntelanger Prägung durch Elternhaus und Schule und nicht vom meist recht kurzzeitig aktuellen Chef. Zudem lässt es sich trainieren, selbst ohne Anderen die Schuld daran in die Schuhe zu schieben.
    Ausserdem wäre ich tatsächlich auch schon oft froh umso einen „Frauenversteher“ (soll das ein Schimpfwort sein?) gewesen, als Mutter, die nach WHO-Empfehlung Jahre statt Monate gestillt hat und darum halt eben nicht so flexibel war, obwohl mein Mann mehr EZ und Zeit mit den Kindern hat und hatte als ich. Das als „Minderleistung“ abzustempeln, wie Du es tust, ist ein Problem unter Frauen, nicht das von Chefs wie Deinem beschriebenen. Dein Chef hat empathisch Deine möglichen Challenges auf dem Schirm und bietet Dir von sich aus workarounds-ob seine Vorstellung der Dinge der Realität entspricht, ist was anderes. Undankbarkeit ist sein absolut unverdienter Lohn…

    Hier sind wir mal wieder beim (momentanen?) Kernproblem des Feminismus: es gibts halt mehr als eine Auffassung darüber, was Emanzipation und Vereinbarkeit ist. Und zuallererst sollten wir Frauen untereinander uns unterschiedliche Lebensstile und Entscheidungen zugestehen, wenn gleichzeitig (!) mit dem Finger auf „böse Männer“ gezeigt wird.
    Just to open your horizon…

  9. Ich hab noch etwas zu ergänzen: ich bin wie Du Ingenieurin, also tendentiell in einer Männerwelt unterwegs, in der naturgemäß mehr Unsicherheit aufgrund Erfahrungsmangel herrscht. Und ich war trotz Stillen auf Dienstreisen, Schulungen, Abendterminen etc. Das ist erhöhter Aufwand (z.B. durch mitnehmen von Kind(ern) und Babysitter), ging aber immer irgendwie. Man kann und konnte mir aufgrund eines etwas anderem als Deinem gewählten Modell also keine Minderleistung vorwerfen. Auch Teilzeitler bringen dieselbe Leistung pro Gehalt, by the way…
    Und ich kenne Männer, die aufgrund der Pflege ihrer Angehörigen (Eltern, Ehepartner) deutlich eingeschränkter sind als so manche Eltern mit (kleinen) Kindern. Der Blick auf den bunten Möglichkeiten-Strauss und der Wille zur individuellen Unterstützung unterscheidet gute von schlechten Vorgesetzten in dieser Hinsicht…

  10. Ich frage mich gerade, ob du nur diese zwei Artikel aus meinem Blog gelesen hast, oder noch ein paar andere. Denn ich bilde mir ein, dass ich mich meist bemühe, durchaus etwas differenzierter auf Dinge zu blicken, als wie du es hier beschreibst.
    Mal ganz davon abgesehen, dass man in zwei Artikeln mit insgesamt 1390 Wörtern 4 Jahre auch nur ganz grob skizzieren kann. Interessant, was du dennoch alles daraus liest.

  11. Ich hab noch viele mehr gelesen und finde auch, dass Du (nicht nur hier) meist differenzierter „rüberkommst“. In diesen zwei Artikeln habe ich das allerdings vermisst bzw. ist mir eben aufgefallen, dass die dir sonst eigene theoretische, offene Betrachtung von feministischen Themen der „konkreten“, persönlichen, daher subjektiven und emotional behafteten Betrachtung hier nicht entsprochen hat.

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