Und wieder was feministisches

Heute abend beim Abendessen haben wir unter anderem auch darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, Mädchen und Jungen getrennt in bestimmten Fächern zu unterrichten. Ich bin ja eine große Befürworterin von getrenntem Physikunterricht. Eine Kollegin von mir, auch Ingenieurin, ist der Meinung, dass das an der Realität vorbei gehe, schließlich müssen sich Frauen im technischen Berufsumfeld auch gegen Männer durchsetzen, da sollten sie dies auch schon in der Schule lernen. Ich denke, dass sie da von etwas ausgeht, was vielen Mädchen aber gar nicht klar ist, nämlich dass sie in Naturwissenschaften genauso gut sind wie Jungs, auch wenn sie vielleicht andere Lösungsstrategien anwenden.

Während des Studiums habe ich als Mentorin die Schnupperuni betreut. Ursprünglich vom Gleichstellungsbüro konzipiert, um Mädchen für naturwissenschaftlich-technische Studienfächer zu begeistern, wurde sie von den naturwissenschaftlich-technischen Fächern übernommen, als die Studierendenzahlen allgemein in diesen Fächern immer weiter abnahmen. Also gab es zuerst eine Woche für Schülerinnen und Schüler und danach nochmal eine Woche nur für Schülerinnen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich eigentlich eine ähnliche Einstellung wie meine Kollegin. Selber die Tochter von Eltern, die beide einen technischen Beruf ausüben, hatte ich auch in der Schule die Erfahrung gemacht, dass Mathe, Physik und Chemie keine Zauberei sind. Und dennoch hatte ich bis zu meinem 20. Lebensjahr keine Bohrmaschine in der Hand gehabt. Bei der Schnupperuni konnte ich dann eine sehr prägende Erfahrung machen. Die Veranstaltungen waren in beiden Wochen die gleichen, einmal für gemischte Gruppen und einmal für reine Mädchengruppen. Bei den gemischten Gruppen war es so, dass bei Fragen oder Aufforderungen, etwas zu machen, meistens die Jungen vorpreschten mit Antworten oder Vorschlägen, die oft nur bedingt richtig oder sogar falsch waren. Die Mädchen in der Gruppe hingegen waren eher zurückhaltend, hatten aber oft die richtigeren Ideen. In der zweiten Woche konnte ich mir dann das Verhalten der Mädchen unter sich anschauen und auch hier waren die Mädchen zögerlicher, aber dadurch, dass da kein Junge war, der einfach irgendwas drauflosplapperte oder vorschnell rumprobierte, hatten die Mädchen genügend Raum, das Problem auf ihre Weise zu lösen und meistens waren diese Lösungsvorschläge deutlich ausgereifter als das, was eine Woche zuvor in den Raum gestellt wurde.

Wie gesagt, bis zu dem Erlebnis hatte ich auch die Einstellung, dass geschützte Räume für Mädchen und Frauen Quatsch seien, da in der großen weiten Welt nun mal 49% Männer leben, mit denen man klar kommen muss. Und als Ingeneurin hat man es im Berufsleben sogar mit 90% Männern zu tun, da kann es also nicht schaden, wenn man früh genug anfängt zu lernen, wie es mit den Jungs so läuft.

Mädchen, die zur Schnupperuni für naturwissenschaftlich-technische Studienfächer gehen, haben wahrscheinlich genügend Selbstbewusstsein und positive Erfahrungen im naturwissenschaftlichen Unterricht in der Schule gesammelt, um sich (hoffentlich) von den vorpreschenden Jungs nicht allzu sehr abschrecken zu lassen. Aber was ist mit den Mädchen, die aufgrund des oben beschriebenen Verhaltens der Jungs in der Schule das Gefühl haben, dass ihnen Mathe oder Physik einfach nicht liegt (und Freundinnen von mir haben mir auch von Lehrern erzählt, die ihren Schülerinnen im Physikunterricht klar vermittelt haben, dass Mädchen Physik-Versagerinnen seien, ein Lehrer hatte über seine Schule hinaus diesen Ruf weg), einfach nur, weil sie erst denken und dann reden, Jungs hingegen einfach mal ausprobieren, wenn sie sich dabei ein blaues Auge holen, halb so wild, aus Fehlern lernt man. Mädchen hingegen handeln tendenziell erst, wenn sie sich ihrer Sache ganz sicher sind. Wenn sie nun dieses Verhalten auf das Verhalten der Jungen übertragen, dann müssen sie ja schließen, dass die Jungs das besser können, wenn die so schnell loslegen.

Die gerade stattfindende Diskussion darüber, dass Jungen in der Schule benachteiligt werden, habe ich durchaus mitbekommen und verfolge sie mit Interesse. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es in der Grundschule tatsächlich so ist, das vor allem angepasstes Verhalten belohnt wird und Mädchen darin besser sind, vielleicht sogar in den meisten Fächern in der Sekundarstufe. Meine Schulzeit liegt ja nun schon über 11 Jahre zurück und wie ich oben bereits schrieb, habe ich nie direkt die Erfahrung gemacht, das Gefühl zu haben, in Chemie oder Physik schlechter zu sein als der mehrheitlich männliche Durchschnitt. Und doch kenne ich das Gefühl zu denken „Was machen die da? Woher können die das? Hab ich was verpasst?“ um später festzustellen, die konnten es genausowenig wie ich, sie haben einfach rumprobiert. Ich habe also keine Ahnung, wie es heutzutage in den Schulen aussieht, und die Anfängerinnenzahlen in naturwissenschaftlich-technischen Studiengängen lassen ja auch vermuten, dass Mädchen in dem Bereich aufholen (ja, ich weiß, im Großen und Ganzen haben sie die Jungen längst überholt…), aber interessant fand ich die Frage meiner Kollegin, ob sich von den anwesenden Männer je einer dafür rechtfertigen musste, dass er einen technischen Beruf gewählt habe. Dies wurde von allen verneint, aber sie und ich haben schon mehr als einmal die Frage gehört: „Ingenieurin? Wie bist du denn auf die Idee gekommen?!? Das ist aber kein typischer Frauenberuf!“. Ist es also so abwegig, dass sich Mädchen von der scheinbar nach wie vor vorherrschenden Meinung, Naturwissenschaften und Technik sei nichts für sie, beeindrucken lassen? Ist es da nicht vielleicht sinnvoll, sie gewisse Erfahrungen auf ihre Weise machen zu lassen um sie, wenn sie auf diesem Gebiet selbstbewusst genug sind, erst dann mit der Herangehensweise der Jungen zu konfrontieren?

Ach ja und was mich heute so richtig aufgeregt hat: Eine Studie des Bildungsministeriums hat ergeben, dass bei Einführung der Studiengebühren die Zahl der Abiturienten zugenommen hat, gleichzeitig aber die Zahl der Studienanfänger abgenommen hat, vor allem Mädchen und Menschen aus sogenannten „bildungsfernen Schichten“ entscheiden sich seither seltener für ein Studium…

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