Mal wieder was anderes als Tandems und Velos

Es ist ja fast schon Tradition, dass ich hier Montags davon berichte, was ich mal wieder schönes am Wochenende gemacht habe. Da ich aber nicht schon wieder vom Tandem fahren berichten möchte (Samstag eine kleine Runde durch die Weinberge südlich von Freiburg, Sonntag ein Ausflug nach Breisach und auf dem Rückweg über den Tuniberg), werde ich mal davon erzählen, was bei Philip und mir gerade ein sehr beliebtes Gesprächsthema ist, nämlich Wissenschaftstheorie. Angefangen hat es mit einem Beitrag in den Tagesthemen vor ein paar Wochen, als es um diesen durchgeknallten Amerikaner ging, der rechtliche Schritte gegen das CERN eingereicht hat, weil er befürchtet, dass mit dem Start des neuen Beschleunigers LHC im Sommer die Welt untergehen wird, da durch die Kollission von Protonen nicht nur eine Vielzahl von Elementarteilchen entstehen, sondern u.U. auch klitzekleine schwarze Löcher, seltsame Materie oder einpolige Magnete entstehen könnten und das Risiko dafür nicht eingeschätzt werden könne. In der Atmosphäre finden aber Protonen-Kollissionen bei deutlich höheren Energien statt als sie es im LHC tun werden. Sollten also im LHC schwarze Löcher entstehen (was man nicht weiß), dann würden eben genauso schwarze Löcher in der Atmosphäre entstehen und diese haben uns bisher nicht verschlungen, allzu hungrig können sie also nicht sein. Die CERN-Physiker haben noch eine ganze Menge anderer schlauer Argumente, die sich durch Experimente belegen lassen und so ist es im Prinzip eine klare Sache, dass wir den Start des LHC nicht mit einem Weltuntergang bezahlen müssen. Journalisten sind es aber nun mal gewohnt, Sachverhalte immer von 2 Seiten zu beleuchten, was bei politischen Entscheidungsprozessen auch sehr vernünftig ist, schließlich kann man die Auswirkunge einer politischen Entscheidung nicht sinnvoll in einem Laborversuch eindeutig beurteilen. Bei Wissenschaft ist es etwas anderes, da gibt es durchaus objektive Kriterien, nach denen man eine Theorie testen und für gut oder falsch befinden kann. Das schien den Machern des Tagesthemen-Beitrages allerdings nicht so ganz klar gewesen zu sein, denn der Beitrag endete mit dem Satz: „Beruhigend ist, dass die Weltuntergangstheoretiker deutlich in der Minderheit sind, beunruhigend ist, sollten sie doch recht haben, einen Notschalter für schwarze Löcher gibt es leider noch nicht einmal theoretisch.“ Und dabei hatte der CERN-Pressesprecher kurz vorher noch erklärt, dass es normal sei, dass Menschen spekulieren, das sei Wissenschaft. Er hätte vielleicht noch dazu sagen sollen, dass eine Theorie nicht durch Abstimmung richtig wird sondern durch Falsifikation verworfen wird. Und genau das hat er dann auch getan, er hat erklärt, dass diese Dinge in der Natur ständig passieren, nur eben in einer Art und Weise, die es verunmöglicht, dass man sie untersuchen könnte. Da sie aber ständig passieren, kann die Bedrohung ja nicht allzu groß sein, denn noch sind wir ja da.

Ein zweiter Anlass für unsere Gespräche über Wissenschaftstheorie war dann die neue Signaletik auf dem Hönggerberg, wo in den nächsten Jahren aus einem recht leblosen ETH-Campus ein Stadtquartier für Denkkultur mit dem tollen Namen Science City entstehen soll. In diesem Signaletik-Konzept ist auch ein Paul-Feyerabend-Platz vorgesehen. Nun war dieser Herr Feyerabend jener Wissenschaftsphilosoph, der den Satz „Anything goes“ geprägt hat und wahrscheinlich maßgeblich dazu beigetragen hat, dass Tagesthemen-Journalisten denken, sie müssen die Weltuntergangstheorie des Walter L. Wagner und die Beweise dagegen gleichberechtigt behandeln. Genauso, wie eben Feyerabend der Meinung war, dass „die Kirche zu Zeiten Galileos sehr viel gewissenhafter mit ihren Schlussfolgerungen war als Galileo selbst und sowohl die ethischen als auch sozialen Konsequenzen von Galileos Doktrin in Betracht gezogen haben. Das Urteil gegen Galileo war rational und angemessen und Revisionismus kann alleine aus Motiven des politischen Oportunismus legitimiert werden.“[1] Kann wissenschaftlicher Fortschritt tatsächlich durch politischen Oportunismus erreicht werden? Also ich bin da entschieden dagegen und mittlerweile etwas zu müde, um das weiter auszuführen. Aber vielleicht mag ja der eine oder andere geneigte Leser etwas dazu schreiben, schließlich gibt es ja diese Kommentar-Funktion und im Web 2.0 ist doch alles so toll interaktiv und über Feedback freue ich mich immer sehr und diskutiere gerne mit euch!

[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Paul_Feyerabend

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3 Gedanken zu „Mal wieder was anderes als Tandems und Velos

  1. Liebste!Ich muss nun doch noch einmal zum Thema Methodik und ihre Vermittlung meinen Senf abgeben. Wie Du schreibst, ist die wissenschaftliche Methodik ja oft schwer zu vermitteln. Daher koennte es wichtig sein, bei der Formulierung darauf zu achten, nicht Ausdrucksweisen zu verwenden, die in ihrer alltaeglichen Verwendung ganz anders besetzt sind als in der wissenschaftlichen Methodik. Ein lustiges Beispiel ist da der folgende Satz: ‚Kann wissenschaftlicher Fortschritt tatsächlich durch politischen Oportunismus erreicht werden? Also ich bin da entschieden dagegen’Wenn jemand schon weiss, dass ‚wissenschaftlicher Fortschritt‘ auf der logischen Ebene so viel mit ‚politischem Opportunismus‘ zu tun hat wie ein Fisch mit einem Fahrrad (obiger Satz also logisch schlicht inmhaltsleer ist), dann kann sie/er auch einschaetzen, was ‚dagegen‘ in diesem Zusammenhang bedeutet. Nun ist es aber so, dass ‚dagegen‘ inhaltlich im Umganssprachlichen anders besetzt ist als z.B. ‚falsch‘. Und schwupps haben wir wieder eines der lustigen Missverstaendnisse, an deren Ende irgend jemand meint, Logik w“are auch nichts anderes als eine Meinungsaeusserung der Art ‚Ich stehe heute nicht auf Pizza, deshalb bin ich dagegen, zum Italiener zu gehen‘ ;-)Liebe Gruesse DeinPhilip

  2. Liebste!Du siehst, ich bin fasziniert von der Behandlung dieses Themas… ich hab noch eine Anmerkung, die ich wichtig finde, diesmal zum Unterschied zwischen wissenschaftlicher und politischer Methodik. Du sagst dazu:’… schließlich kann man die Auswirkunge einer politischen Entscheidung nicht sinnvoll in einem Laborversuch eindeutig beurteilen.’Ich glaube, das ist ein wichtiger, aber nicht der wesentliche Unterschied. Denn erstens kann man oftmals ganz gut vorhersagen, was die Folgen eines bestimmten politischen Experiments sein werden, z.B. wenn man 10% der global produzierten Lebensmittel in SUVs verfeuert, dann krepieren woanders diejenigen, die sich keinen SUV leisten koennen, geschweige denn was zu essen. Und zweitens, zur Not ist man eben zynisch und betrachtet eine politische Handlung als Experiment, dann weiss man auch, ob das, was man wollte, eingetreten ist. In diesem Sinne waere der Kommunismus zozusagen das groeste je durchgefuehrte Sozielwissenschaftliche Experiment. Oftmals klappt das mit der Vorhersage nat“urlich nicht so gut, das gebe ich zu, aber es ist nicht prinzipiell unmoeglich.Ich denke, der fundamentale Unterschied ist vielmehr der, dass es in der Politik eine fundamentale Freiheit der Wahl der Zielsetzungen gibt. Will man mehr soziale Gleichheit oder nicht? Will man weniger Buergerrechte? Will man, dass es hier schoen warm wird und anderswo zu heiss? Ist uns der Eisbaer und sein Schicksal egal? Moralische Fragen, die aus fundamentalen Gruenden nicht experimentell ueberprueft werden koennen. Und darum ist es so wichtig, in der Politik immer alle Sichtweisen darzustellen. In der Wissenschaft sollte man natuerlich auch immer alle moeglichen Schtweisen und Theorien in Betracht ziehen. Aber dort kann eben die Theorie, dass die Erde von einem schwarzen Loch aus dem LHC verschluckt wird, eindeutig und objektiv mittels eines Experiments (kosmische Strahlung) ausgeschlossen werden, waehrend die Einstellung ‚Soziale Sicherung fuer die Armen ist Ungerecht fuer die armen Reichen, die sich ihr Geld sauer verdient haben‘ eben nicht experimentell widerlegt werden kann. Liebe GruesseDeinPhilip

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