Wie die Kirchensteuer Schüler zu verantwortungsbewussten Menschen erzieht

Ich hatte ja bereits schon über den Schulball am 28.12.2007 geschrieben. Heute habe ich mir nochmal die Homepage des Vereins „Evau baut Zukunft“ angeschaut. Dieser Verein wurde gegründet, um Mittel zur Förderung der Bildung und Erziehung der Schüler/Innen am Ev. Gymnasium Siegen zu beschaffen. Konkret geht es um den Bau einer Bibliothek und eines Selbstlernzentrums, der 1 Mio. Euro kosten soll. Bisher hat der Verein 137.171,89 Euro gesammelt. Die Schüler des Evau’s scheinen sich in der unterschiedlichsten Weise für dieses Projekt einzusetzen. Sei es durch Mitlaufen beim Spendenlauf, durch ein Merchandising-Projekt oder durch Plätzchen-Verkaufen auf dem Weihnachtsmarkt. Verantwortungslosigkeit und „Scheiß-egal-Haltung“ kann ich da keine erkennen, aber darum soll es hier heute nicht gehen.

Vielmehr frage ich mich, warum der Bau dringend benötigter Infrastruktur an einer Schule durch Spenden finanziert werden muss. Keine Frage, ich finde den Einsatz der Schüler, Lehrer und Eltern beeindruckend, aber was sagt es über den Zustand unseres Bildungssystems aus? Auf der Seite von Evau baut Zukunft kann man sich auch ein Video der WDR-Sendung „5 vor Pisa“ anschauen. Dort wird die Schulministerin von NRW Barbara Sommer dazu befragt, warum private Initiativen in nordrhein-westfälischen Schulen nötig seien, um Mängel an staatlichen Schulen auszugleichen. Auf diese Frage wusste sie leider keine Antwort. Sie war voll des Lobes für soviel Engagement der Schule und der Schüler, aber dass das Land NRW in irgendeiner Weise gedenke, sich an solchen Projekten zu beteiligen, davon war nicht die Rede. Wenn man sich diese Frau Sommer so anschaut, dann wundert man sich auch gar nicht mehr weiter darüber, dass Bildung nicht die höchste Priorität in Haushaltsdebatten zu haben scheint…
In der FAQ von Evau baut Zukunft heißt es auf die Frage nach staatlichen Mitteln „Die öffentliche Hand hat in den Jahren 2006 und 2007 erhebliche Fördermittel in die Schulen des Landes gesteckt. Leider war es der politische Wille, dass diese Mittel ausschließlich für den Ausbau des Ganztagsbetriebes bei Grund- und Hauptschulen verwendet werden sollten. Nicht mal diese haben alle ihnen zugesagten Gelder bekommen. Das Ministerium schlägt anstelle von Unterricht am Nachmittag mit dem damit verbundenen Ausbau Unterricht am Samstag vor, und begründet so, dass kein Geld gegeben wird.“

Ebenso kann man sich natürlich fragen, warum sich denn nicht der Träger der Schule, der Evangelische Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein, finanziell in dem Projekt engagiert. Dazu heißt es: „Der Kirchenkreis Siegen befindet sich seit einigen Jahren in einer dramatischen, negativen finanziellen Entwicklung. Rückläufige Kirchensteuereinnahmen haben bereits zur Schließung, von Einrichtungen der Kirche geführt (Kirchen, Gemeindehäuser, Kindergärten, Ehe- und Familienberatungsstelle). Die jährlichen Kosten des Ev. Gymnasiums von ca. 150.000 € werden gerne, aber mit Anstrengung getragen. In dieser Situation ist an eine millionenschwere Investition in die Schule nicht zu denken.
Superintendentin Annette Kurschus: „Dem Kirchenkreis Siegen liegt das Evangelische Gymnasium am Herzen. Wir möchten nicht auf diese Schule verzichten, die in unserer Region sehr zum Profil von Kirche beiträgt. Mit unseren Finanzmitteln können wir zwar die Schule in ihrer Substanz erhalten und unterhalten. Den unbedingt nötigen Anbau der Schule vermag der Kirchenkreis jedoch leider nicht zu finanzieren.““

Die Kirche, die angeblich eine so wichtige soziale Aufgabe in Deutschland erfüllt, zieht sich also auch immer mehr aus diesem Sektor zurück. Nicht nur, dass nun Schüler das Geld für ihre Klassenräume einsammeln müssen, nein, auch die Telefonseelsorge, die eine eindeutig christlichen Ausrichtung hat, muss neuerdings Kunstauktionen veranstalten, um sich zu finanzieren. Die Kirche argumentiert, wie oben, damit, dass aufgrund der vielen Kirchenaustritte die Einnahmen durch die Kirchensteuer rückläufig seien. Sie versuchen also, an das soziale Gewissen der Austrittswilligen zu appellieren. Aber nimmt die Kirche ihre angebliche soziale Verantwortung wirklich wahr, wenn sie zuallererst einmal beim sozialen Engagement Abstriche macht? Oberkirchenrat Dr. Jens Petersen hat einmal über die Verwendung der Kirchensteuer folgendes gesagt: „“Die Kirchensteuer dient aber nicht vor allem dem Sozialen; sie dient der kirchlichen Aufgabe, der Wortverkündigung; und daran liegt eben einer ganzen Reihe von Leuten etwas.“ Im Jahr 2000 wurden knapp 7% der Kirchensteuereinnahmen für öffentliche und soziale Zwecke ausgegeben. 2003 konnten die Kirchen trotz eines Mitgliederrückgangs von 0,8 % eine leichten Zuwachs der Kirchensteuereinnahmen von 0.04% verzeichnen. Die Kirchen schwimmen also auf der gleichen Welle wie viele Arbeitgeber. Weil es den öffentlichen Haushalten ein paar Jahre lang schlecht ging, scheint es nach wie vor chic, zu behaupten, dass es der deutschen Wirtschaft schlechtginge. Dass dabei auch die Kirchen mitmachen, finde ich wirklich bemerkenswert…

7% der Kirchensteuereinnahmen für soziale Zwecke bedeutet 600 Mio. Euro. Im Jahr 2002 betrugen die Ausgaben für Sozial – und Jugendhilfe in Deutschland 44,3 Mrd. Euro.

Sowohl der Staat als auch die Kirche ziehen sich scheinbar aus der sozialen Vernatwortung zurück. Das könnte doch wunderbar als Erklärung für die „negative Entwicklung“ der heutigen Jugend herhalten. Aber stattdessen sehe ich als Folge dieser Entwicklung Schüler, die sich in bewunderswerter Weise für ihre Schule und ihre Mitschüler einsetzen (ein anderes Projekt der Schule).

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